Hausmeister Gestriger räumt auf

Die blonde Studentin war ihm schon länger ein Dorn im Auge. Wäre das Blond lang und ihre Figur kurvig, das wäre etwas anderes. Doch Tanja Stein war sportlich-sehnig und ihr Haar maß kaum zwei Zentimeter. Gar nicht so, wie Hausmeister Gestriger sich seine Mieterinnen wünschte.

Herrenbesuch bekam Tanja Stein nie, dafür empfing sie jeden Dienstagabend eine Gruppe von fünf Frauen. Immer dieselben. Sie kamen um Acht und blieben bis nach Zehn. Gestriger nahm an, sie waren auch Studentinnen. Zwei waren ebenso burschikos wie Tanja Stein und eine war fett, fand Gestriger. Aber zwei hatten langes brünettes Haar und knackige Hintern, die waren schon eher nach seinem Geschmack. Lärm machten sie keinen, aber die Regelmäßigkeit ihrer Treffen machte Hausmeister Gestriger misstrauisch. Weiterlesen

Was wäre, wenn? „Aller Tage Abend“ von Jenny Erpenbeck

Galizien, um 1900: Ein Säugling stirbt im Kindsbett. Die Eltern verzweifeln, die Ehe zerbricht, der Vater sucht sein Glück als Auswanderer, die Mutter rutscht ab.

Dann ein Intermezzo, die Zeit wird zurück gedreht. Die kleine Tochter wird gerettet und lebt. Die Familie bleibt zusammen, wandert nach Wien aus, wo sich neue berufliche Chancen für den Vater eröffnen. Hoffnung keimt in der Leserin: Das Unglück ist abgewendet, alles kann gut werden.

Aber schnell wird klar: Nichts wird gut. Offener Antisemitismus und die Härten des Ersten Weltkriegs in der Großstadt sind schwere Bürden. Todessehnsucht treibt die inzwischen jugendliche Tochter in den Selbstmord. Sie stirbt – zum zweiten Mal im Buch.

Und wieder wird an den Schrauben des Schicksals gedreht, ein weiteres Intermezzo, das Mädchen überlebt. Was bringt die dritte Chance? – Es wird jedenfalls nicht die letzte sein.

Jenny Erpenbeck versteht es meisterhaft, mit Möglichkeiten und Gelegenheiten zu spielen. Sie weckt Hoffnungen, die sich selten erfüllen. Sie zieht die Leserin in den Sog der Familiengeschichte, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Mitte Europas spiegelt. „Aller Tage Abend“ ist keine leichte Kost, aber sie lohnt sich: Wegen der wunderbaren Sprache, der kunstvollen Struktur und der packenden Handlung.

Ruhe und Frieden (Püppi ist platt)

Diese Ruhe, wunderbar. Roland, diese Ruhe, die würde auch dir gefallen. Du hast dich ja noch viel mehr über den Kläffer aufgeregt als ich. Die Krause hat das kalt gelassen. Ihr Püppi stand über allem, selbst über guter Nachbarschaft.
Wie sie vorhin auf die Straße gerannt ist, das hättest du sehen sollen! Völlig hysterisch war sie: Püppi, mein Püppi!

Weißt du noch, wie sie sonntags im Sommer Püppi auf der Terrasse gebadet hat? Jeden Sonntag Punkt 10.00 Uhr. Und wir hatten keine Ruhe mehr an unserem Frühstückstisch. Dieses Gejaule, dieses Gezeter. Püppi, sei ein braves Püppi. Nein, Püppi, nein, nein, nein!

Erinnerst du dich, Roland, wie du einmal hinüber geschrien hast: Am siebten Tage sollst du ruhen, verdammt nochmal! Das hat die Krause nicht kapiert. Püppi auch nicht. Jetzt ist Püppi platt. Diese riesigen Geländewagen haben ihr Gutes. Wie die Krause geheult hat. Fast hat sie mir leidgetan. War wirklich kein schöner Anblick.

Aber dann musste ich wieder daran denken, wie Püppi sich damals beinah in deine Wade verbissen hat. Zum Glück hat das Biest nur den Hosenstoff erwischt. Sie müssen Püppi provoziert haben. Provoziert, von wegen! Ich habe bewundert, dass du in der Situation so beherrscht geblieben bist, Roland.

Ach, diese Ruhe! Wenn du doch nur hier wärst, um sie mit mir zu genießen, Roland.

Der Autofahrer war ganz schockiert, der hat sich andauernd entschuldigt bei der Krause. Der kann nicht wissen, wie nervtötend Püppi war. Der Tierarzt hat Püppi dann mitgenommen. Meinst du, Püppi bekommt ein richtiges Begräbnis, mit Holzsarg und Totenglöckchen?

An deinem Begräbnis war es grau und hat geregnet. Sonnenschein hätte ich nicht ertragen. So viele Leute waren da, das hat mir irgendwie geholfen. Auch die Krause war da. Ohne Püppi. Am Tag danach hat mir die Krause Kuchen und Obst gebracht. Fürs Gemüt und die Gesundheit, hat sie gesagt. Eigentlich ganz rührend, nicht wahr?

Jetzt ist die Krause ganz allein, wie ich. Wie still es drüben ist. Fast unheimlich. So still, Roland, so still. Was meinst du, soll ich vielleicht bei der Krause klingeln und fragen, wie es ihr geht? Ich nehme eine gute Flasche Wein mit, von dem Roten, den wir beide im letzten Urlaub gekauft haben. Vielleicht möchte Frau Krause ja ein wenig Gesellschaft.

Im Theater Erlangen: „Amphitryon“ nach Heinrich von Kleist

Der Feldherr Amphitryon kehrt mit seinem Diener Sosias nach erfolgreicher Schlacht nach Theben zurück. Doch der Gott Jupiter und der Götterbote Merkur sind schon früher nach Theben gekommen. In Gestalt des Amphitryon und des Sosias haben sie die Plätze bei den Ehefrauen Alkmene und Charis eingenommen. Weder das Volk Thebens noch die beiden Ehefrauen bemerken die Täuschung. Amphitryon und Sosias werden mit der Frage konfrontiert, wer ein Mensch noch ist, wenn ein anderer seinen Namen und seine Gestalt angenommen hat.

Das sechsköpfige Ensemble des Erlanger Markgrafentheaters wechselt während des Stücks immer wieder die Rollen, durchbricht so die vorgegebene Struktur und gibt der existenziellen Frage nach der eigenen Identität eine weitere Dimension. Die Zuschauerin muss aufmerksam bleiben, wenn sie nicht in den Wirrungen verloren gehen will. Doch das lohnt sich. Die Inszenierung regt zum Nachdenken an, ist jedoch gleichzeitig kurzweilig und unterhaltsam – und das liegt nicht nur an den knallenden Türen, die schmunzelnd an Slapstick-Klassiker denken lassen.

Mehr Info und Kartenverkauf auf der Website des Theaters Erlangen.

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Im Seniorenheim

Als Herr Benjamin den Speise- und Aufenthaltsraum betrat, war er zunächst erleichtert: Frau Walter war nirgends zu sehen. Neben dem Fenster saß Frau Müller in ihrem Rollstuhl und schnarchte friedlich. An einem Tisch spielten Frau Rettich und Frau Pfister Karten. Und ganz hinten, in der Ecke neben der Yucca-Palme, saß Frau Linde. Immer, wenn Herr Benjamin Frau Linde sah, war ihm, als husche ein Sonnenstrahl über sein Gesicht. Frau Linde las in der Zeitung, ihre übergroße Brille ganz vorne auf der Nase sitzend.

„Frau Linde, darf ich mich zu Ihnen gesellen?“, fragte Herr Benjamin höflich. „Gerne, mein Lieber“, antwortete Frau Linde und zeigte auf den leeren Stuhl neben sich. Herr Benjamin nahm Platz und verrückte dabei den Stuhl, wovon Frau Müller aufwachte. Verärgert knurrte sie: „Immer diese Dudelei! Macht die Dudelei aus!“

„Seien Sie nicht so zimperlich, Frau Müller!“, erwiderte Frau Rettich, bevor sie triumphierend ausrief: „Mau Mau!“ und ihre letzte Karte ablegte.

„Mau vergessen“, sagte Frau Pfister, ebenso triumphierend. „Nun werden Sie mit Karten überschwemmt, meine liebe Frau Rettich!“ Widerwillig nahm Frau Rettich alle Karten vom Stapel in die Hand. Frau Müller schnarchte schon wieder. Weiterlesen

Jahreswechsel in Regensburg

Der Jahreswechsel ist für mich ein magischer Moment, diesmal verbracht in der mittelalterlichen Altstadt Regensburgs, im wunderschönen Hotel und Restaurant Orphée.

Trotz aller Krisen, Kriege und Verwerfungen wünsche ich allseits ein gutes neues Jahr mit glücklichen Erlebnissen und gelungenen Unternehmungen!

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Vierzehn versus Vierzig

Mit 14 fand ich es peinlich, ungeschminkt aus dem Haus zu gehen. Mit 40 trage ich Make-up im Büro und beim Ausgehen, aber zum Bäcker gehe ich am liebsten ungekämmt.

Mit 14 hegte ich eine leidenschaftliche Abneigung gegen Mützen. Außer Sichtweite meiner Mutter wanderte die Mütze sofort in die Schultasche. Mit 40 trage ich sehr gern die schwarze Mütze, die meine Mutter für mich gehäkelt hat.

Mit 14 hatte mich das Michael-Jackson-Fieber fest im Griff: Poster, Platten, Konzert, Sammlung von Artikeln, Fotos, Schnipseln. Mit 40 begeistern mich noch einige seiner Songs und ich finde es schade, dass er kein langes glückliches Leben hatte.

Mit 14 war ich höchst unsicher auf dem Fahrrad und gab mir viel Mühe, Radfahren zu vermeiden. Mit 40 ist das Fahrrad mein allerliebstes Fortbewegungsmittel und ich benutze es fast jeden Tag.

Mit 14 begann ich meine erste und einzige Diät. Sie wurde nach etwa fünf Stunden jäh durch ein Stück Schokoladenkuchen bei der Geburtstagsfeier einer Schulfreundin beendet. Mit 40 fände ich es nett, ein paar Kilo weniger zu wiegen, aber Diäten sind dämlich. Stattdessen esse ich lieber frisch und fair.

Mit 14 sprossen die Pickel, Falten waren fern. Mit 40 finde ich immer noch Pickel und fast keine Falten. Ich halte das für einen guten Deal.

Mit 14 litt ich an Arachnophobie. Mit 40 fürchte ich mich immer noch vor Spinnen. – Eine Konstante im Leben braucht schließlich jeder.

Carolas Traum oder: Jetzt oder nie

Carolas Suche, Teil 12
Was zuvor geschah

„Das neue Büro ist in North Bay, Ontario, Kanada. Und du gehst mit mir dorthin, Carola. Ans Ende der Welt!“ Nick lachte laut. „Als Vice President arbeite ich von früh bis spät und du hockst zu Hause. Am Ende der Welt! Hahaha!“ Nicks Gelächter überschlug sich und er wischte sich Lachtränen aus dem Gesicht.

Carola blickte auf die Visitenkarte in ihrer Hand. Die Karte hatte Feuer gefangen und würde gleich Carolas Finger verbrennen. Carola ließ die Karte fallen und stieß beim Aufstehen ihren Stuhl um. Sie blickte um sich. Die anderen Gäste im Chez René aßen, tranken und unterhielten sich, als wäre alles in bester Ordnung.

Carola begann zu laufen, doch sie kam nicht recht voran. Da bemerkte sie, dass sie ein bodenlanges Brautkleid trug, bestickt mit weißen Rosen. Endlich erreichte Carola eine Tür und drückte sie auf. Es war die Tür zur Küche. Dort stand der schnurrbärtige Chefkoch, ein blitzendes Fleischermesser in der Hand. Weiterlesen

Hamburg im Herbst

Langes Wochenende in Hamburg Anfang Dezember. Viel herumspaziert, so lernt man eine Stadt am besten kennen.
Impressionen von der Außenalster am trüben Freitag und der Speicherstadt am sonnigen Samstag.
Und an beiden Tagen das Rathaus, für mich das wahre Wahrzeichen Hamburgs, wegen seiner nordisch-gediegenen Eleganz.

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Soul meets Indie meets R’n’B: „The Classic“ von Joan as Police Woman

Den Namen „Joan as Police Woman“ kannte ich schon länger, hatte aber nie bewusst einen Song gehört. Ende September änderte sich das durch „aspekte“ im ZDF. Joan Wasser aka Joan as Police Woman präsentierte dort den Titelsong ihres neuen Albums „The Classic“. Eine Frau, ein Piano, ein überzeugender Auftritt, ein CD-Kauf meinerseits wenig später.

Eine Genre-Schublade reicht nicht für die Songs des Albums. Soul, R’n’B, Indie, Rock beschreiben die grobe Richtung. Der Sound ist erdig, angeschrägt und nicht hochglanzpoliert. Manche Songs kommen leicht daher, andere wunderbar düster; Joan Wassers raue Stimme passt zu beidem. Meine Favoriten: „Witness“, „Good Together“ und „What Would You Do“.

Hier zwei Kostproben:
Akustik-Version von „Good Together“


Album-Version von „Holy City“