Monatsarchiv: Januar 2011

Ode an die Seibe – oder: Das verstehe, wer kann ;-)

Auf dass du mich instrieben mögest,
o du mein gluckerblink Minstett.
Dein Orwild lässt mich Seibe müben,
doch schnofft es auch garlett.

Ich urp, ich ern, ich sinn,
dein Eril, es ist sein.
Ich kromp mich in den tulken Rinst,
kannst du nicht flenken mein.

Samstagabend kurz vor elf

Schäbig fühlte er sich, wie er zu ihr hinüber schielte im Gewimmel. Zärtlich, sehnsüchtig, feige. Noch immer hatte er nicht gewagt, sie anzusprechen, obwohl er ihr fast jeden Tag begegnete, in den Vorlesungen oder in der Mensa.

Albern kam er sich vor in seinem Hasenfell. Wie war er nur auf die Idee gekommen, dass das ein gutes Kostüm sein könnte? Er nippte wieder an seiner Cola. Der Plastikbecher war zwar längst leer, aber das bemerkte er nicht. Er war froh, etwas zu haben, an dem er sich festhalten konnte. Mut, Mut, allen Mut zusammen nehmen!

Durch das Gedrängel des Tanzsaales machte er sich endlich auf den Weg zu ihr. Es war so voll, dass er die Arme schützend vor sich hielt, als fürchte er einen Steinschlag. Ein Vampir schwänzelte verliebt um eine Marie-Antoinette herum. Eine Piratenbraut küsste einen Zorro und eine Gruppe Hexen tanzte wild. Er schlängelte sich vorbei. Gleich hatte er sie erreicht, sein Puls stieg.

Alles würde er ihr sagen, alles beichten: Wie sie ihm bei Semesterbeginn gleich aufgefallen war; wie wunderschön sie war, wie klug; wie sehr er ihr Lachen liebte. Dass er seit Wochen ihretwegen nicht schlafen konnte; dass er vollkommen verloren war.

Sie unterhielt sich mit einem Typen in einem merkwürdig bunten Gummianzug. War das ein Chamäleon? Plötzlich räumte der Kerl das Feld und sie stand direkt vor ihm. Sie sah ihn an und lächelte. Oder lachte sie über seine schlaffen Hasenohren? Als Meerjungfrau war sie noch schöner als sonst – wie im Märchen. Er tat einen letzten unbeholfenen Schritt auf sie zu und sagte: „Hallo.“

Ein vortreffliches Werk: Thomas Manns Buddenbrooks

Was die Klassiker der deutschen Literatur angeht, bin ich ziemlich unbewandert. Aus der Schulzeit hab ich irgendwie nicht viel mitgenommen. Vielleicht ist es ohnehin besser, die schwerere Kost erst in reiferen Jahren – und vor allem freiwillig – anzugehen… 🙂

„Buddenbrooks: Verfall einer Familie“ erzählt über vier Generationen hinweg die Geschichte der wohlhabenden Kaufmannsfamilie Buddenbrook zu Lübeck. Und diese Geschichte ist sehr spannend und interessant: gesellschaftlich, psychologisch, historisch.

Zugegeben: die nicht ganz moderne Sprache ist gewöhnungsbedürftig, aber nach einigen Seiten macht es richtig Spaß. Ich habe mich oft über Wortwahl und Satzbau gefreut.

Am meisten beeindruckt mich jedoch, wie meisterhaft Thomas Mann seine Figuren zum Leben erweckt hat. Das äußerliche Erscheinungsbild (Aussehen, Kleidung, Statur, Haltung, Mimik, Gestik, sprachliche Besonderheiten) wird genau so beschrieben, dass der Leser Rückschlüsse auf Charaktereigenschaften, Motive und das zu erwartende Verhalten ziehen kann. Die prägnantesten Eigenschaften werden häufig wiederholt.

Die Figuren werden so auf sehr elegante Weise plastisch, authentisch und einzigartig. Oben drauf packt Thomas Mann noch eine große Portion Ironie und Humor.

Wer jetzt neugierig geworden ist und gut 750 Seiten nicht scheut, für den erfüllt sich bei der Lektüre bestimmt der im Buch mehrfach wiederkehrende Wunsch: „Sei glöcklich, du gutes Kend!“

Und wer mehr über das Werk wissen will, dem sei die sehr umfangreiche und übersichtliche Wikipedia-Seite empfohlen: http://de.wikipedia.org/wiki/Buddenbrooks

Selbst ist die Frau

Ruhe. Endlich Ruhe. Dieses Gezeter hält ja kein Mensch aus. Dabei sollte es doch keine große Sache sein, einen tropfenden Wasserhahn zu reparieren. Wofür hat man denn einen Hausmeister? Aber so war der ja schon immer, der Krüger. Schon als mein Karl-Heinz und ich hier eingezogen sind vor 20 Jahren hat der andauernd nur lamentiert.

Mmh, lecker der Erdbeerkuchen. Die Bäckerei Pfeiffer bleibt einfach die beste. Schon vor 60 Jahren als junges Mädchen mochte ich den Kuchen von da am liebsten. Das Stück, das ich für den Krüger gekauft hab, das kriegt er jetzt aber nicht. Wäre ja die Belohnung fürs Reparieren vom Wasserhahn gewesen. Aber er hat ihn ja nun gar nicht repariert. Gut, dass neulich diese Handwerkersendung im Mittagsfernsehen kam. War eigentlich gar nicht so schwer, das Werkzeug hatte der Krüger ja immerhin dabei.

„Frau Fischer? Hallo? Nehmen Sie mich bitte wieder runter?“

Geschieht ihm ganz recht, dem Krüger. Was musste er auch die ganze Zeit wieder so rumjammern? Ständig ist was kaputt. Immer muss ich rennen. Die Leute achten nicht mehr auf die Sachen. Altes Zeug ist das alles hier, ist doch klar, dass da oft was kaputt geht…

„Frau Fischer? Hören Sie mich?“

Frau Fischer hat ihr Stück Erdbeerkuchen aufgegessen. Ruhig steht sie vom Esstisch auf und geht in den Wohnungsflur. Dort hängt Hausmeister Krüger am Kragen seines Arbeitskittels am Garderobenständer. Seine Füße baumeln knapp über dem gestreiften Läufer.

„Ach, Frau Fischer, lassen Sie mich doch bitte wieder runter!“

„Aber rumgenörgelt wird nicht mehr, ist das klar?“

„Jawohl, Frau Fischer.“

Frau Fischer nimmt den kleinen Holztritt aus der Ecke, steigt hoch, greift Hausmeister Krüger bei den Schultern und setzt ihn sanft auf dem Fußboden ab.

„Danke.“

„Vergessen Sie ihr Werkzeug nicht.“

„Dass Sie so stark sind, Frau Fischer.“

Frau Fischer lächelt und denkt: „Wie gut, dass ich so viel Zeit habe, ins Fitness-Studio zu gehen.“

Alles ist neu

Diesmal war ich noch weniger in Weihnachtsstimmung als sonst – und das will was heißen. Aber wie soll man auch in heimelige Gefühlsduselei verfallen, wenn grade alles was man tut, neu und unbekannt ist? Also zumindest das, was man tagsüber auf der Arbeit tut.

Mein neuer Job ist neu – und das ist gut so, das wollte ich ja. Ich hab’s auch wirklich gut erwischt. Nette und hilfsbereite Kollegen erleichtern den Einstieg in den Konzern-Dschungel und glücklicherweise habe ich ausreichend Zeit und Raum, in meine Aufgaben reinzukommen.

Was sich allerdings ganz komisch anfühlt: Ich bin plötzlich der Neuling, der von nichts eine Ahnung hat und der sich alles von Grund auf erarbeiten muss. Außerdem fehlt mir der Rhythmus; ich merke, wie ineffizient ich oft bin. In meinem alten Job war ich routiniert, war der alte Hase, der alles kannte und wusste und dafür auch sehr geschätzt wurde.

Der große Vorteil an der neuen Situation: Die Lernkurve ist enorm steil, man spürt die Verbesserung quasi jeden Tag – und das ist ein richtig schönes Gefühl, das ich so schon lange nicht mehr erlebt habe.

Im neuen Jahr gilt es also, mich im neuen Job zu etablieren. – Ich hab Lust und freu mich drauf.

Vielen Dank übrigens an alle für die guten Wünsche, darüber freue ich mich sehr!

Und wer vielleicht keinen neuen Job hat, aber trotzdem die Dinge neu entdecken will, kann sich das mal anschauen: