Vor dem Aufprall (Teil 3)

Mein Vater holte mich in einem fabrikneuen schwarzen Mini Cooper vom Flughafen ab, den er mir feierlich als Geburtstagsgeschenk übergab. Seit Jahren hatte ich mir einen Mini gewünscht, aber nicht leisten können. Meine Eltern hatten sicherlich keinen kleinen Teil ihrer Ersparnisse dafür geopfert. Dankbar und freudig umarmte ich meinen Vater und ich glaube, er war darüber mindestens so glücklich wie ich über das Auto.

Ich wohnte zunächst wieder bei meinen Eltern. Am Tag nach meiner Rückkehr meldete ich mich bei Ralf. Das Telefonat verlief besser als ich je zu hoffen gewagt hatte. Die Janus Marcom GmbH hatte inzwischen 30 Angestellte. Sie suchten im Moment nach Verstärkung, auch nach Designern. Ralf lud mich für den nächsten Tag zu Janus ein. Kaum hatte ich die Firma betreten, wusste ich, dass ich Nirgendwo anders arbeiten wollte. Die Räume waren hell und luftig, die Einrichtung geradlinig modern. Die Mitarbeiter, die Ralf mir vorstellte, fand ich sympathisch und kreativ-verrückt, wie man es in der Werbebranche eben sein musste. Ralf war beeindruckt von meiner Referenzenmappe, die ich in den letzten Jahren sorgsam gepflegt hatte.

Bald waren Ralf und ich uns einig: Zum nächsten Monatsersten würde ich als Senior Designer bei Janus beginnen. Als ich nach dem Gespräch die Agentur verließ, spürte ich kaum den Boden unter meinen Füßen.

In den nächsten Wochen suchte ich intensiv nach einer Wohnung. Ich hatte ungemeines Glück und erhielt den Zuschlag für eine großzügige Zweizimmerwohnung im sechsten Stock eines frisch renovierten Altbaus mit himmlischem Ausblick, nicht weit von Janus entfernt. 

Weniger als ein halbes Jahr nachdem meine alte Welt in sich zusammengebrochen war, hatte ich also einen neuen Job, eine eigene Wohnung und ein lang ersehntes Auto. Das waren zumindest ein paar Dinge, an denen ich mich festhalten konnte.

*

Vom ersten Tag an ließ ich mich bei Janus in die Arbeit fallen. Die Projekte waren herausfordernd, wir standen permanent unter Zeitdruck und es ging oft hektisch zu. Das spornte mich und auch den Rest des Teams an, wir waren enorm kreativ und fanden immer einen Grund, gemeinsam zu lachen. Meine Leistungen wurden stetig ausgereifter und das gab mir ein nie gekanntes Selbstvertrauen. Im Schnitt arbeitete ich sechzig Stunden in der Woche und ich genoss es.

Der beruhigendste Ort der Firma waren die vier Quadratmeter um die Kaffeemaschine herum. Auf Knopfdruck produzierte sie alle denkbaren Variationen von Latte Macchiato bis doppelten Espresso. Nur auf die Taste für koffeinfreien Kaffee habe ich nie jemanden drücken sehen. Oft nahmen sich die Leute ein paar Minuten Zeit, bevor sie mit gefüllten Tassen wieder zu ihren Schreibtischen zurück gingen. Diese kurzen Unterbrechungen der „alltäglichen Raserei“, wie Ralf zu sagen pflegte, waren erholsam und lebensnotwendig.

Viele Kollegen gingen am Wochenende gemeinsam aus. Ich wurde eingeladen, mitzukommen. Anfangs zögerte ich, aber ich spürte, dass es mir gut tat, Menschen zu treffen und mich im Münchner Nachtleben treiben zu lassen. Bald war ich so gut wie jedes Wochenende unterwegs. Aber ich ließ niemanden wirklich nahe an mich heran, einer engere Freundschaft oder gar eine intime Beziehung waren ausgeschlossen.

Nur noch selten quälten mich Träume von Erik und Tanja. In einem Traum sah ich die beiden vor mir, wie ich sie im Bett gefunden hatte. In einem anderen erwartete Erik mich mit offenen Armen, begann dann gemein zu lachen und zeigte mit dem Finger auf mich. An der Stelle wachte ich üblicherweise mit klopfendem Herzen auf.

*

Nach etwa einem Jahr bei Janus wurde ich Creative Director im Team für den wichtigsten Kunden, die RKV Süd AG. Ich verantwortete damit die komplette Kreativarbeit für RKV und koordinierte acht Designer, Texter und Programmierer. Ich war stolz, denn ich wusste, dass ich mir diese Position mehr als verdient hatte.

Die zweite leitende Person in den Teams war der Client Manager, der alle organisatorischen und planerischen Aufgaben überschaute. Benedikt Rother, oder Ben, wie ihn alle nannten, war seit fast vier Jahren Client Manager für die RKV Süd AG.

Von Anfang an hatte ich Ben gemocht, obwohl ich ihn bisher nur von der Kaffeemaschine kannte. Ben war Mitte 30, verheiratet und hatte zwei Söhne. Seine Größe kaschierte den kleinen Bauchansatz, der verriet, dass er neben dem Job und der Familie keine Zeit hatte, Sport zu treiben. Bens kräftige dunkle Locken hatten scheinbar noch nie einen Kamm gesehen. Seine Brille mit dem schmalen Metallgestell schob er andauernd die Nase hoch, auch wenn sie gar nicht heruntergerutscht war. Ich musste immer schmunzeln, wenn ich ihn zufällig dabei beobachtete.

Als ich zum Team kam, liefen gerade die Vorbereitungen für den Pitch um den Jahreswerbeetat von RKV an. Innerhalb von vier Wochen galt es, verschiedene Kampagnenideen zu entwickeln, prototypisch auszuarbeiten und am Ende den Marketingleitern von RKV zu präsentieren und zu verkaufen. Janus machte beinahe die Hälfte des Umsatzes mit RKV. Wir mussten den Etat also einfach gewinnen.

Ben und ich waren ein fantastisches Team. Wenn einer eine Idee hatte, skizzierte ich sie am Zeichenbrett oder am Computer. Gemeinsam verfeinerten wir sie immer weiter oder verwarfen sie lachend, wenn wir uns verrannt hatten. So entstanden innerhalb von zwei Wochen mehr als ein Dutzend vorzeigbarer Ansätze.

Wir arbeiteten oft bis spätabends, manchmal bis nach Mitternacht. Bens Familie schien dies klaglos zu akzeptieren. Seine Frau Martha hatte ihren Job in einer renommierten Anwaltskanzlei aufgegeben, als vor vier Jahren der erste Sohn zur Welt kam. Ben erzählte häufig von seiner Familie, je länger wir abends arbeiteten, umso ausführlicher. In jedem Wort über Martha und die Kinder lagen Liebe, Stolz und Wertschätzung. Manchmal beneidete ich Bens Familie deswegen.

Wenn es nicht allzu spät wurde, holte Martha Ben mit dem Familienauto ab. Die beiden Jungs warteten in ihren Kindersitzen im Wagen, während Martha herein kam, um Ben zu finden. Mein Büro lag Tür an Tür zu Bens und eines Tages, als Ben nicht an seinem Platz war, schaute Martha zu mir herein und fragte nach ihrem Mann. Martha war einen Kopf kleiner als Ben und trotz der zwei Geburten schlank geblieben. Ihr Teint war ein wenig fahl, sie trug kein Make-up und ihr Haarschnitt war pragmatisch kurz.

Ich stellte mich vor und offensichtlich hatte Ben von mir zu Hause erzählt. „Er arbeitet sehr gern mit Ihnen zusammen“, sagte Martha. 

Ich bot Martha das Du an. Wir unterhielten uns, bis Ben aus einer Besprechung kam, die länger als erwartet gedauert hatte. Von da ab begegnete ich Martha nicht nur, wenn sie Ben abholte, sondern manchmal auch im nahe gelegenen Supermarkt.   

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