Vor dem Aufprall (Teil 4)

Am Abend vor dem Termin mit RKV feilten Ben und ich an unserer Präsentation. Gegen halb elf waren wir endlich zufrieden.

Ben fragte: „Was meinst du, gönnen wir uns noch einen Drink in der Bar um die Ecke?“

Zehn Minuten später stießen wir mit einem Glas Rotwein an. Der Alkohol stieg mir schnell zu Kopf, ich hatte kaum etwas gegessen. Nach dem zweiten Glas schob Ben seine Brille noch häufiger als sonst die Nase hoch, dann legte er sie auf den Tisch und meinte, er könne sowieso nicht mehr richtig sehen. Gegen Mitternacht verließen wir die Bar. Ich ließ meinen Mini stehen und entschied, zu Fuß nach Hause zu gehen, obwohl es eine frostige Januarnacht war. Ben war wie üblich mit der U-Bahn unterwegs und bot an, mich zu begleiten, bevor er selbst nach Hause fuhr.

Erst gingen wir schweigend nebeneinander her, dann sagte Ben: „Ich bin froh, die Präsentation mit dir zu halten. Du bist einfach die Beste für den Job.“

Ich strahlte. „Danke. Wir werden die Herren morgen um den Finger wickeln.“

Ben lachte. „Ja, das werden wir!“

Wir waren vor meinem Haus angekommen. „Ein schönes Gebäude“, meinte Ben. „In welchem Stockwerk wohnst du?“

„Im sechsten. Der Ausblick ist traumhaft. Willst du ihn sehen?“ 

„Nein, lieber nicht. Das ist mir zu gefährlich.“

„Hast du Angst, du fällst herunter?“

„Nein, davor nicht.“

Und dann küsste er mich. Zuerst ganz vorsichtig und als er spürte, dass ich den Kuss erwiderte, zog er mich zu sich heran und wurde leidenschaftlicher. Ein wohliges Kribbeln durchlief meinen Körper, bis in die Zehenspitzen. Dann lösten wir uns voneinander.

„Janine, ich… – Es tut mir leid. Ich bin verheiratet, das weißt du. Ich darf dich nicht küssen. Es tut mir leid.“

Seine Wangen waren gerötet, ein paar Locken schauten unter der Wollmütze hervor und seine Brille war nun wirklich verrutscht, aber er ließ sie, wie sie war.

„Mach dir keine Sorgen, Ben. Es ist kein Problem.“

Er nickte und ging in Richtung U-Bahn-Station davon. Ich rief ihm hinterher: „Aber leid tut es mir nicht!“

Er drehte sich kurz um und lächelte. Ich sah ihm nach, bis er um die Straßenecke bog, dann ging ich ins Haus. Ich fand kaum Schlaf in dieser Nacht, der Nachhall des Kusses und die Nervosität vor der Präsentation ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Dennoch war ich am nächsten Morgen putzmunter. Glücklicherweise war es nicht unangenehm Ben zu sehen. Wir verstanden uns auch in dieser Sache.

Die Präsentation lief fabelhaft und die Vertreter von RKV waren von unseren Ideen überzeugt. Noch bevor sie die Agentur verließen, sicherten sie uns ihren kompletten Werbeetat zu. Ralf geriet in einem Freudentaumel und gab dem gesamten Team den Rest der Woche frei. Danach würde die Arbeit richtig beginnen.

*

Es dauerte keine zwei Wochen, bis Ben und ich uns wieder küssten. Es war spät, außer uns war niemand mehr im Büro. Wir waren mitten in der Auswahl verschiedener Plakatentwürfe, da sagte Ben: „Ich muss jeden Tag an dich denken.“

„Kein Wunder, du siehst mich ja jeden Tag.“

„Ich liege nachts wach und kann nicht schlafen, Janine. Ich denke immer wieder an diesen Kuss.“

Ich lächelte. „Es war ein besonders schöner Kuss.“

Ben beugte sich zu mir herüber, nahm mein Gesicht in seine Hände und küsste mich. Es war wie beim ersten Mal, nein, es war noch intensiver. Die Welt um uns herum löste sich auf. Wir fuhren in meine Wohnung, schweigend, ohne zu wissen, wie weit wir gehen würden. Wir küssten uns auf der Couch, berührten uns, zogen uns gegenseitig aus, lachten unbefangen.

Wenige Tage später nahm ich Ben wieder mit zu mir und wir schliefen miteinander. Ich genoss, wie Ben mich ansah, mein Gesicht, meinen Körper; wie er gedankenverloren mit meinem Haar spielte, während wir nackt nebeneinander lagen. Ben beendete meine Totenstarre nach Eriks Betrug. Ich lachte leichter und lauter, mein Auftreten wurde gelassener und souverän, und ich genoss die geheimen Glücksmomente mit Ben.

Natürlich machte es mir zu schaffen, dass ich nun die andere Frau war. Aber so lange Martha nichts von uns erfuhr, wurde ihr kein Schaden zugefügt. Ben würde seine Familie niemals verlassen, das war mir in jedem Moment klar. Und ich respektierte das, es war nicht mein Ziel, Ben und Martha zu trennen. Gerade weil Ben verheiratet war, fühlte ich mich sicher bei ihm. Er würde mich nie hintergehen können, mir niemals weh tun.

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