Archiv der Kategorie: Geschichten

Auf der richtigen Fährte?

Carolas Suche, Teil 8
Was zuvor geschah…

„Entschuldigung!“ Carola winkte die Bedienung zu sich an den Tisch.

„Ja, bitte?“ Der junge Kellner, wahrscheinlich Student, lächelte freundlich.

„Da ist Lippenstift an meinem Tassenrand.“

„Oh, Verzeihung! Ich bringe sofort einen neuen Milchkaffee, meine Dame.“

„Danke“, sagte Carola und dachte: „Meine Dame… Tja, die Jugend ist vorbei… Die Altersweisheit lässt allerdings noch auf sich warten. Was macht man eigentlich in den 40 Jahren dazwischen?“

Carola schlug ihre Frauenzeitschrift auf. Überschrift: ‚Good-Bye Sturm & Drang, Hello reife Romantik.‘ Carola begann, den Artikel zu lesen: ‚Jenseits der 30 ist eines sicher: Die Jugend ist vorbei. Anstatt der leichtsinnigen Unverbindlichkeit nachzutrauern, sollten sie lieber die Vorzüge des Erwachsenseins umarmen. Sie sind nun eine erfahrene Fährtenleserin in Sachen Beziehung. Männer machen Ihnen nicht mehr so leicht etwas vor. Sie haben die Wahl! Treffen Sie sie mit Bedacht.‘

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Flohmarktgeschäft

„Etwas windschief ist sie schon“, sagte die blasse Dame mit leicht gerümpfter Nase. In ihren Augen erkannte ich jedoch einen Glanz, der verriet, dass sie die hölzerne Zigeunerin haben wollte. Aber nicht um jeden Preis, also würde ich geschickt verhandeln müssen.

„Eine solche Figur werden Sie an keinem anderen Stand auf diesem Markt finden. Auch sonst nirgends. Sie ist ein Unikat. Ein Erbstück meiner Urgroßmutter.“

Interessiert hob die Dame beide Augenbrauen. „Schön bauchig ist sie ja…“, sagte sie.

„Und sie hat ebenso tiefgründige Mandelaugen wie Sie“, schmeichelte ich.

„Oh. Finden Sie?“  Für einen Moment wurde die Dame rosa um die Wangen.

„Unbedingt! Die Figur ist übrigens sehr vielseitig einsetzbar. Sie passt ins Schlafzimmer oder auch ins Wohnzimmer, sogar im Esszimmer macht sie eine gute Figur, die Figur. Sie wertet jeden Raum und jedes Möbel auf.“

„Aber sie hat gar keine Brezel“, wandte die Dame ein, die Wangen wieder blass.

„Brezel? Was meinen Sie?“

„Na, das ist doch eine bayerische Sennerin. Warum hat sie keine Brezel?“

„Mon Dieu!“ Der Ausruf des älteren Herren im adretten Sommeranzug bewahrte mich vor einer Antwort. Der Herr nahm seine Sonnenbrille ab und steckte sie in sein volles graues Haar. Weiterlesen

Showbiz Blues (inspiriert von „Heimweh“ von René Magritte)

Heimweh - Magritte

Arroganter Bettvorleger! Was fällt ihm ein! Deswegen hat er mich nach dem Auftritt neulich so scheinheilig gefragt, wie ich meine Flügel pflege. Ihren Glanz würde er bewundern. Vielleicht könne er das eine oder andere auch für sein Fell anwenden. Von wegen! Als er nachbohrte, wie ich die Flügel aufbewahre, wenn ich sie nicht trage, hätte ich es ahnen müssen…

Dieses hinterhältige Lächeln vorhin in der Garderobe! Das gerade so viel von seinen Reißzähnen verbirgt, dass man sich nicht akut bedroht fühlt. Ob wir nicht das Konzept unserer Show überdenken sollten. Ob wir nicht etwas Innovationsgeist zeigen sollten. Ob wir nicht neue Wege einschlagen sollten. Und dann, ganz unverblümt: Was ich davon hielte, wenn er in Zukunft meine Flügel trage in der Show. Ich fasse es nicht! Was soll ich dann noch dabei? Was wird dann aus mir? Ich solle es mir ganz in Ruhe durch den Kopf gehen lassen… Blasierter Fußabstreifer!

Stella kommt schon wieder zu spät. In letzter Zeit lässt sie uns häufig warten nach den Auftritten. Hat er am Ende schon mit Stella gesprochen? Nein, das würde er nicht wagen. Oder doch? Und wenn sie seine Idee gut findet? Wenn auch sie mich aus der Show kicken will? Da kündige ich lieber selbst. Ich kann auch ohne die beiden! Gute Nummern fallen mir ein en masse. Ich kann allein viel besser sein. Was wäre er denn ohne mich? Eine Allerweltssafaritrophäe, sonst nichts! Kein Mensch käme, um nur ihn zu sehen. Soll er doch schauen, wo er bleibt ohne mich. Und Stella kann mich auch mal gernhaben. Ich pfeif auf die beiden! Ich flieg jetzt in Franks Bar und gönn‘ mir einen Drink. Einen doppelten!

Ein Haushaltsgerät erzählt

Geboren wurde ich unter Schweizer Flagge. Die Berge habe ich nie gesehen, denn gleich ging es auf die Reise. In einem großen, komfortabel gepolsterten Karton.

Mein Leben begann richtig, nachdem ich in meiner Küche angekommen war. In direkter Nachbarschaft die Spüle, gegenüber Herd und Backofen. Auch Toaster, Wasserkocher und Kühlschrank habe ich immer im Blick. Direkt unter mir die Spülmaschine. Ich mag ihr Klappern und Rauschen und Dampfen. Sie arbeitet fast jeden Tag.

Ich hingegen komme meist nur zweimal in der Woche zum Einsatz, die restliche Zeit habe ich frei. Ich werde geschätzt, das spüre ich mit jedem Handgriff. Oft werde ich gestreichelt, erst kühl und feucht, dann trocken. Ich werde befüllt und geleert wie ich es brauche. Im Gegenzug erledige ich zuverlässig alles, was ich kann: Ich mahle, ich brühe, ich schäume.

Geduld brauche ich nur, wenn ich sage: „Entkalken“ oder „Reinigen“. Das wird schon mal eine Weile ignoriert. Aber damit kann ich leben.

Der Holzweg

„Gegen den Uhrzeigersinn“, murmelte ich. Tina, meine Banknachbarin und beste Freundin streckte die Hand nach oben. Herr Schmitt rief sie auf. „Gegen den Uhrzeigersinn!“, antwortete Tina laut und deutlich. „Stimmt. Gut, Christina“, lobte Herr Schmitt und ergänzte: „Und Hochdruckgebiete im Uhrzeigersinn.“

Mit einem Augenzwinkern lächelte Tina mich an. Als Herr Schmitt sich zur Weltkarte umdrehte, griff erst sie, dann ich flink in die offene Tüte mit Kartoffelchips unter unserer Schulbank. Von Herrn Schmitt unbemerkt steckten wir eine kleine Portion Chips in den Mund und kauten sie beinahe geräusch- und bewegungslos. Heimliches Chips-Essen war in der siebten Klasse unser großer Sport im Erdkundeunterricht. Wahrscheinlich um diese Respektlosigkeit auszugleichen, verfolgte ich dennoch aufmerksam den Unterricht. Das war nicht leicht, denn Herr Schmitt war zwar ein gutmütiger Mensch, aber leider kein mitreißender Lehrer. Weiterlesen

Am Esstisch und Im Wohnzimmer – Inspiriert von Günter Kunert

Zwei neue Gedichte, beide enstanden in der letzten Schreibwerkstatt, beide inspiriert – formal – von Günter Kunerts „Auf der Schwelle des Hauses“.

Am Esstisch
Im Dunkeln sitzen.
Nichts hören als ein Hundebellen.
Nichts sehen als die Straßenlaterne.
Nichts fühlen als Leere.
Zwischen zwei Herzschlägen hoffen:
Er kommt doch wieder nach Hause.

Im Wohnzimmer
Auf der Couch lümmeln.
Nichts sehen als die Fußballtabelle.
Nichts hören als Geschirrgeklapper.
Nichts fühlen als Trägheit.
Zwischen zwei Gähnern wissen:
Gleich gibt’s Kaffee und Kuchen.

 

Drei halbe Hähnchen und eine Portion Pommes – Die eine Seite eines Dialogs. Inspiriert von „A Married Couple“ von George Grosz.

George Grosz - A Married Couple

Also, Erwin, wirklich. Was hast du dir dabei gedacht? Drei halbe Hähnchen. Und eine Portion Pommes!

Was meinst du? Ohne Ketchup? Das macht es auch nicht besser. Dabei warst du doch erst letzte Woche bei Dr. Kleinhuber. Hast du schon wieder vergessen, was der gesagt hat?

Der Dr. Kleinhuber ist ein sehr guter Arzt, auf den lass ich nichts kommen!

Doch, mit deinen Blutwerten hat er ganz genau Recht! Fettarme Kost. Gemüse. Salat. Das musst du essen!

Aber natürlich schmeckt das! Ich gebe mir alle Mühe. Ich mach alles für dich, alles.

Du? Du für mich? Na ja, das stimmt schon. Fährst mich schon öfter mal wohin.

Ja, ja, heute auch wieder zur Fußpflege… Aber hinter meinem Rücken holst du dir dann Brathähnchen. Drei halbe! Und eine Portion Pommes!

Du hattest so großen Hunger? Vor zwei Stunden gab’s doch erst zu Mittag.

Nichts Gescheites wär das gewesen? Blumenkohl-Sellerie-Pfanne mit Kräuterquark ist nichts Gescheites? Also, das ist ja wohl…

Wie? Dir hat der Magen so laut geknurrt, dass die Leute geschaut haben? Du warst doch im Auto.

Fenster offen? Ach was… Sag mal, Erwin, hast du dir etwa bei dem Imbisswagen schon öfter was geholt?

Wirklich nicht?

Wirklich nicht?

Na gut. Dann fahren wir jetzt nach Hause.

Ja, die Hähnchen nehme ich mit.

Was? Nein! Du kannst sie nicht zu Hause aufessen. Denk doch an Dr. Kleinhuber und dein Blut!

Was ich mit den Hähnchen mache? Das lass meine Sorge sein. Ich kümmere mich schon drum.

Waking the Witch

Wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, erwacht die böse Hexe in mir. Wer dann meinen Zorn auf sich zieht, ist verloren.

Mehr als eine Woche hatte ich an der Präsentation gesessen, die meine Chefin heute beim Management halten musste. Ein Dutzend Leute hatte ich angerufen, um die Daten und Statistiken zu sammeln. Hatte stundenlang im Internet nach den treffendsten englischen Begriffen recherchiert. Hatte für die Grafiken die gefälligsten Farben aus der Designpalette gewählt. Hatte akribisch pixelgenau Balken und Linien gerückt.

Und jetzt kommt meine Chefin vom Präsentationstermin zurück, zitiert mich in ihr Büro, schließt die Tür und schmettert mich gegen die Wand wie einen unliebsamen Frosch. Die goldene Kugel wirft sie hinterher und verfehlt mich nur um Millimeter. Weiterlesen

Und wieder inspiriert von Ernst Jandl

Hier zwei neue Gedichte, ohne Titel, inspiriert von Ernst Jandl, diesmal „nur“ von der Form her.

1
der Lärm
die vielen Menschen
die verschiedenen Düfte
in der stickigen Luft
Balancieren mit dem Tablett
Ausschau halten nach einem freien Tisch
mittags in der Betriebskantine

 
2
die Wärme
die Brise
die sanfte Brandung
forschende Blicke nach beiden Seiten
ein verschmitztes Lächeln
zwei Handgriffe
das erste Mal oben ohne Sonnenbaden

 

Und hier die Vorlage von Ernst Jandl:

die kerze
das sträußchen
der matrosenkragen
die weißen zwirnhandschuhe
der scheitel
der nüchterne magen
erste hl. kommune

 

Ich stell mir vor…

Ich bin ein Schuh. Wenn ich in einer Reihe mit anderen Schuhen stehe, falle ich auf den ersten Blick kaum auf. Mein Leder ist schwarz, leicht glänzend. Angenehm weich, aber nicht zu empfindlich. Gepflegt werden muss es natürlich schon.

Ich passe nicht jedem. Selbstverständlich bin ich ein Stück weit flexibel, wenn ein Fuß mich anzieht. Doch nur ein Stück, nicht mehr.

Passt ein Fuß zu mir – und ich zu ihm – steht die Welt uns offen. Dann werde ich ihn begleiten, ohne zu drücken. Und er wird mich gar nicht mehr ausziehen wollen.