Archiv der Kategorie: Geschichten

Deutschunterricht

Manchmal geht ein Samenkorn erst Jahre später auf, nachdem es still unter der Erde ausgeharrt hat. Und wenn die Pflanze ihre Blüten entfaltet, erinnerst du dich lächelnd an den Moment des Säens.

Flugvorführung

Die rote Lederkappe auf
Die Fliegerbrille auch
Die Knie zittern
Das Herz pocht laut
Zuwinken, einsteigen
Verhaltener Applaus

Motor starten, langsam rollen
Schneller werden, rollen, rollen
Abheben
Höher steigen, Kreise ziehen

Looping eins, zwei, drei
Lachen, jubeln, jauchzen
Looping vier, fünf, sechs
Lachen, jubeln, jauchzen

Tiefer gehen, landen
So sanft es eben geht
Stehen bleiben, Motor aus

Austeigen, verbeugen
Donnernder Applaus
Die rote Lederkappe ab
Die Fliegerbrille auch
Die Knie zittern wieder
doch ihr Herz schlägt frei

Eines Morgens

Er war schon immer stark behaart gewesen. Mit 13 wuchs der erste zarte Flaum auf der Oberlippe, keine sechs Monate später sprossen schwarze Haare auf dem Kinn und den Wangen. Seine dunklen Locken wurden noch üppiger. Die Schulmädchen kicherten und flüsterten hinter vorgehaltener Hand, wenn er das Klassenzimmer betrat. Bald wuchs auch sein Schamhaar kräftig, sein Brusthaar wurde voll und weich, das auf Armen und Beinen etwas fester.

Manche Mädchen und später Frauen mochten das nicht, andere hingegen fanden ihn gerade deshalb attraktiv. Er rasierte sich täglich im Gesicht, kürzte einmal pro Woche die Haare in den Ohren und der Nase und lebte ein gutes Leben.

Doch eines Morgens, kurz nach seinem 33. Geburtstag, erschrak er beim Blick in den Badezimmerspiegel. Haare. Er sah nur Haare. Dicke braune Haare; und ein weit aufgerissenes Paar Augen, das ihn aus dem Spiegel heraus anstarrte. Weiterlesen

Romantik – Ein Dialog

Während der Vorspeise

Sie:        Jetzt ist es gleich soweit. Bärchen, schau, gleich ist es soweit.

Er:         Hm.

Sie:        Da, jetzt! Schau nur, jetzt berührt sie das Wasser. Ach. Diese Farben! So tolle Farben! Was für ein Glück wir haben, gleich am ersten Abend. Und wie schnell sie wandert, die Sonne…

Er:         Genau genommen bewegt sich ja die Erde und nicht die Sonne.

Sie:        Wie? Ach, das weiß ich doch, Bärchen. Schau nur, die Farben und das Wasser ganz glatt. Ist das nicht romantisch?

Er:         …

Sie:        Ist das nicht romantisch?

Er:         Ja.

Sie:        Bärchen, weißt du, was jetzt das Richtige wäre? Eine Flasche Champagner!

Er:         Also, mir würde auch ein Glas Wein reichen. Oder Bier.

Sie:        Es ist doch so romantisch! Bitte, Bärchen! So ein herrlicher Sonnenuntergang, der muss gefeiert werden. Der Sonnenuntergang und unser erster gemeinsamer Urlaub. Bitte bestell uns Champagner!

Er:         Na gut…

Sie:        Du bist der Beste! Mein Bärchen bist du, mein bestes Bärchen!

Nach dem Hauptgang

Sie:        Ich habe eine Überraschung, Bärchen. Ich habe uns morgen zum Partner-Yoga angemeldet. Gleich nach dem Frühstück geht’s los.

Er:         Was? Ich wollte eigentlich zum Kite-Surfing…

Sie:        Ach, Kite-Surfen kannst du doch immer noch. Das Partner-Yoga ist nur einmal die Woche, da ist morgen unsere einzige Chance! Bitte, komm mit mir zum Partner-Yoga!

Er:         Na gut…

Sie:        Du bist der Beste! Mein Bärchen bist du, mein bestes Bärchen!

 

Nach dem Dessert geht sie zur Toilette. Sie schreibt eine Textnachricht an ihre beste Freundin:

Spitzenhotel, klasse Strand, 1a Restaurant. Bernd verwöhnt mich mit Champagner. Alles so romantisch! Bin im siebten Himmel. Und morgen vielleicht schon verlobt? Küsschen, Silvia.

Er schreibt eine Textnachricht an seinen besten Kumpel:

Du hattest recht mit Silvia. Hätte nie in diesen Urlaub fahren dürfen. Muss sehen, wie ich hier rauskomme. Mehr, wenn ich zurück bin. Ciao, Bernd.

Einsteigermodell

In den großen, prächtigen Konzertsälen der Welt wird man mich wohl nie hören. Eher in Jugendzimmern, an Lagerfeuern oder vielleicht der Aula einer Schule. Ein solides Einsteigermodell bin ich, sagt der Verkäufer, wenn er mit suchenden Kunden vor der Wand steht, an der ich aufgehängt bin. Sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis, gefälliger Klang, leicht zu stimmen, unempfindlich, verzeiht auch mal, wenn die Griffe noch nicht perfekt sitzen.

Mein Körper ist wohlgeformt, aus weichem Holz, aber stabil; ich halte einiges aus. Meine sechs Saiten sind straff gespannt. Sie sind robust und gleichzeitig zart. Solche, die zu grob oder zu schüchtern sind, werden schnell ihr Interesse an mir verlieren. Doch diejenigen, die meine Saiten richtig zum Klingen bringen, werden lange große Freude an mir haben.

Friedhofsstille

Um Ruhe zu finden, gehe ich auf den Friedhof. Ich besuche kein bestimmtes Grab, ich suche nur ein wenig Stille. Langsam gehe ich den Weg zwischen den Grabreihen entlang. Er führt einen kleinen Hang hinauf. Die Kiesel knirschen unter meinen Sandalen. Meine Augen streifen über die Namen, Daten und Inschriften auf den marmorierten Grabsteinen. Zweimal lese ich: In stillem Gedenken. Stille. Friedhofsstille.

Oberhalb der Gräber steht eine Bank aus dunklem Holz. Ich setze mich und sehe mich um. Vor mir die Grabreihen, die mir jetzt ihre Rücken zuwenden. Dahinter, ein gutes Stück entfernt, ein halbes Dutzend Einfamilienhäuser, dahinter Wald, der sich auch zu meiner Linken den Hang hochzieht. Rechts von mir die gepflegte Dorfkirche. Hinter mir eine hohe, sattgrüne Hecke. Ich atme tief ein. In der sommerlich warmen Luft liegt der Duft von frisch gebackenen Brötchen. Ich atme aus und schließe für einige Momente die Augen, komme zur Ruhe. Ruhe. Stille.

In der Hecke hinter mir sitzen Spatzen, die fröhlich-aufgeregt zwitschern. Dann fliegen sie eifrig flatternd an mir vorbei zum Kirchendach. In einiger Entfernung bellt ein Hund. Dreimal kurz hintereinander, ein kräftiges Bellen, Pause, dann bellt er noch dreimal. Eine Hummel fliegt brummend und suchend um meinen Fuß herum. Schließlich lässt sie sich auf einer Kleeblüte nieder.

Über den Baumwipfeln zieht ein Raubvogel seine Kreise, gleitet elegant in der Höhe, im Himmel, den eine dünne Wolkenschicht bedeckt. Leichter Wind bewegt die Äste der Bäume, die hochgewachsenen Birken pendeln sanft hin und her. Krähen rufen tief und rau.

Ein Niesen und „Gesundheit“ aus Richtung der Wohnhäuser. Gesprächsfetzen. Eine Männerstimme: Irland. Eine Frau: Nein. Der Mann: Doch, Irland. Die Frau lacht. Zwei Autotüren werden zugeschlagen, fast zeitgleich. Der Motor wird angelassen, surrt im Leerlauf, dann wird Gas gegeben und Reifen rollen über Schotter.

In der Hecke hinter mir ein Piepsen. Hell und hoch, aber lebhaft, ausdauernd, als wolle es sagen: Hier bin ich. Ich bin hier. Hier bin ich. Die Kirchturmuhr schlägt zehn. Dunkle, gleichmäßige Glockentöne, die weit tragen, in die Häuser und Höfe des Dorfes und noch weiter ins Tal hinein.

Ich stehe auf, verlasse die Bank, den Friedhof, kehre in die Alltagswelt zurück, nehme all das, was ich in der Friedhofsstille hören konnte, mit mir.

Der Abschlussball

Am meisten bedauere ich, dass ich nie erfahren werde, ob ich zur Tanzkönigin gewählt worden bin. Meine Chancen standen nicht schlecht. Alle hatten mein kirschrotes Ballkleid bewundert: eine schlicht geschnittene Korsage mit einem fließenden bodenlangen Chiffonrock. Erik, mein Tanzpartner und fester Freund, hatte vor Begeisterung gejault wie ein junger Wolf bei Vollmond, als er mich vor dem Eingang der Schulaula darin sah. So dröge der Tanzkurs manchmal gewesen war, beim Abschlussball hatten alle einen Höllenspaß.

Jeder konnte bei der Wahl zum Tanzkönigspaar mitmachen. Erik hatte gemeint, wir sollten für uns selbst stimmen, doch das fand ich nicht fair. Stattdessen habe ich für die gackernde Julia und den sauertöpfischen Henry gestimmt. Ich mag beide nicht – aber tanzen können sie wirklich.

Kurz vor Bekanntgabe des Ergebnisses wollte ich noch schnell zur Toilette. Das war ein Fehler. Ein großer. Mein letzter. Die Fliesen im Vorraum waren nass, ich war in Eile, rutschte aus, verlor den Halt in meinen hochhackigen Silbersandalen und krachte mit dem Kopf erst hart auf den Waschbeckenrand, dann auf die Fliesen. Weiterlesen

Die Wahrsagung

Komm, sagte er.

Bist du sicher, fragte sie.

Na, komm schon, sagte er.

Kichernd und händchenhaltend betraten die beiden das Jahrmarktszelt. „Lady Lavinia – Wahrsagungen und Horoskope“ stand auf dem Schild neben dem Eingang. Drinnen sah es aus wie in einem Liebesnest. Schummriges Licht von Öllampen und Kerzen, schwere brokatverzierte Vorhänge an den Wänden, auf dem Boden dicht gewebte Teppiche und ein Dutzend großer bunt bestickter Kissen.

Nehmt Platz, wies Lady Lavinia mit dunkler voller Stimme an. Sie saß hinter einem kleinen runden Holztisch, davor zwei Stühle. Auf dem Tisch: eine Glaskugel.

Die beiden setzten sich.

Er holte Luft, um etwas zu sagen, doch Lady Lavinia hob die Hand und dabei klimperten die Steine ihrer übergroßen Ohrringe. Nur ich werde sprechen, sagte sie. Ich brauche keine Fragen für meine Antworten.

Lady Lavinia beugte sich tief über die Glaskugel. Mehrere Minuten starrte sie darauf, ohne ein Wort zu sagen. Auch die beiden blieben still.

Da brat mir doch einer einen Rattenschwanz, murmelte Lady Lavinia endlich. Sie sah von ihrer Glaskugel auf. Über ihren Tränensäcken leuchteten klare blaue Augen. Ein Lächeln umspielte ihre dick geschminkten Lippen, bevor Lady Lavinia den beiden wahrsagte.

Draußen, dem Zelt gegenüber, summte der Drehorgelmann leise die Melodie seiner Orgel mit. Der Drehorgelmann sah, wie der schwere Vorhang des Zelteingangs von innen hochgerissen wurde. Heraus stürzte ein junger Mann, noch keine 20 Jahre alt, leichenblass, mit keuchendem Atem und lodernden Augen. Kopflos rannte er davon.

Ein, zwei Augenblicke später trat eine junge Frau aus dem Zelt. Sie wirkte ruhig, gefasst. Als sie gleichmäßigen Schrittes in die andere Richtung ging, fiel ein Sonnenstrahl auf ihr langes Haar und ließ es rostrot leuchten.

Wortkonstellationen – inspiriert von Eugen Gomringers „avenidas“

Sexistische Anklänge konnte ich in Eugen Gomringers Gedicht „avenidas“ nicht entdecken, als ich es vorletztes Jahr in der Sommerschreibwerkstatt als formale Inspiration zu eigener Konkreter Poesie erhielt. Und ich kann es auch jetzt nicht, trotz der aktuellen Aufregung. Es freut mich, dass „avenidas“ nun wohl einen neuen Platz in Gomringers Heimatort Rehau bekommen wird.

Hier sind meine Wortkonstellationen, inspiriert von „avenidas“.

Krankheit
Krankheit
Krankheit und Hoffen

Hoffen
Hoffen und Wissen

Krankheit
Krankheit und Wissen

Krankheit und Hoffen und Wissen und
Abschied

 

Umziehen
Umziehen
Umziehen ist Veränderung

Veränderung
Veränderung ist Anstrengung

Umziehen
Umziehen ist Anstrengung

Umziehen ist Veränderung ist Anstrengung ist
ein Neuanfang

Das Karussell

Es dreht sich, das Karussell.
Niemand weiß genau, seit wann.
Wer es gebaut und aufgestellt hat, kann keiner sicher sagen.
Es dreht sich, das Karussell.

Prächtige Kutschen gibt es und bunt geschmückte Pferde.
Autos mit quietschenden Hupen und Fahrräder, die schrill klingeln.
Auch Polizei und Feuerwehr fehlen nicht.

Musik spielt immer.
Mal plätschert eine flache Melodie, mal schmettert ein zackiger Marsch.
Nur still, still ist es nie.

Es dreht sich, das Karussell.
Manchmal so bedächtig, dass man die Bewegung kaum bemerkt.
Ein andermal so schnell, dass sich nicht alle festhalten können.

Ohnehin: Die Fahrgäste wechseln.
Sobald einer geht, springt ein anderer auf. Leere Plätze gibt es nicht.
Etliche warten geduldig auf ihre Chance mitzufahren. Für manche kommt sie nie.
Andere bleiben lange und probieren viele Plätze.

Es dreht sich, das Karussell.
Niemand weiß, wie lange noch.
Ob es jemals abgebaut wird, kann keiner sicher sagen.
Es dreht sich, das Karussell.