Archiv der Kategorie: Geschichten

Der Schokoladenkuchen

An seiner Sündermiene erkannte sie sofort: Er war wieder bei ihr gewesen. Gleich würde er sich überschwänglich entschuldigen für sein spätes Heimkommen, der liebestolle Hengst! Wieder so viel Arbeit. Die wichtige Präsentation hatte noch vorbereitet werden müssen. Oder die Auswertung der Quartalszahlen. Oder der Management Report. Oder, oder, oder.

Er hängte seinen Mantel an die Garderobe, kam zu ihr in die Küche und küsste sie flüchtig auf die Wange. „Schätzchen, es tut mir so leid, dass ich so spät nach Hause komme. Du weißt ja, Quartalsende. Der Chef brauchte unbedingt noch die Zahlen für die Telko mit den Koreanern morgen früh.“

Sie nickte nur und strich den Zuckerguss auf dem Schokoladenkuchen glatt. Schokoladenkuchen mochte er am liebsten.

„Du hast ja gebacken, mein Schätzchen! Ach, du bist die Beste!“ Er umarmte sie, zog sie an sich und küsste sie auf den Mund. Sie ließ es geschehen. Sie schaffte es sogar, ihn anzulächeln, als er sie wieder losließ, obwohl die Haare seines Schnauzbartes, den er seit ein paar Wochen trug, sie unangenehm stachen.

Sie fand, er sah albern aus mit dem Bart. Ob er der anderen gefiel? Vielleicht mochte die andere das Piksen. Sie stellte sich die beiden vor, wie sie sich im Bett wälzten, wie die andere sich an ihrem Mann rieb, erregt von seinem dornigen Schnauzer. Sie wischte das Bild weg.

„Möchtest du ein Stück?“ fragte sie. Weiterlesen

Großmutter & Großvater

Großmutter
Sie stellt den Topf mit den Essensresten in den Kühlschrank.
Sie trocknet die sauber geputzte Spüle nach.
Dann geht sie ins Schlafzimmer und legt die gebügelte Bettwäsche in den Schrank,
während sie überlegt, welches kleine Geschenk aus der oberen Schublade
sie heute ihrer Enkelin geben wird, wenn diese später zu Besuch kommt.

Großvater
Er grüßt die Fabrikarbeiter, als er die Kantine betritt.
Er zieht den Hausmeisterkittel aus und legt ihn über einen Stuhl.
Dann geht er hinter die Theke, wo der Kinderwagen steht.
Während er seine Frau begrüßt, die das Essen ausgibt,
nimmt er seine Enkelin aus dem Wagen und hebt sie sanft so hoch, dass alle sie sehen.

Formal inspiriert vom Gedicht „Alte Frau“ von Walter Helmut Fritz

Es war einmal ein Jägerhut

Es war einmal ein Jägerhut, der verliebte sich in eine Zahnbürste. Eigentlich war der Jägerhut mit dem Sombrero liiert. Der Sombrero war ein waschechter Mexikaner, ein Mitbringsel aus einem weit zurückliegenden Urlaub. Zwischen dem bodenständigen Jägerhut und dem feurigen Sombrero hatte es sofort gefunkt. Und das lag nicht nur daran, dass die beiden halb übereinander lagen auf dem obersten Regalboden der Abstellkammer. Bei aller Gegensätzlichkeit spürten sie doch eine gewisse Wesensgleichheit.

Mit den Jahren hatte das Prickeln der ständigen Berührung jedoch nachgelassen. Der Jägerhut glaubte, der Sombrero würde manchmal zu dem neuen grellroten Wanderrucksack hinüberschielen, der seit ein paar Wochen in der Kammer an einem Haken gegenüber hing. Vielleicht irrte sich der Jägerhut aber auch.

Eines Tages öffnete sich die Tür, das Licht wurde eingeschaltet und der Mann stellte einen kleinen oben offenen Karton direkt neben den Jägerhut. In dem Karton waren verschiedene Gegenstände: ein Kamm mit großen Zinken, eine Schwimmbrille, ein ausgewaschenes Handtuch, ein Reisefön und sie: die Zahnbürste.

Sie ragte seitlich schräg aus dem Karton und beim Abstellen desselben fiel ihr Borstenkopf auf den Gamsbart des Jägerhuts. Ein erquickendes Zucken durchfuhr den Jägerhut! Wie elektrisiert fühlte er sich; dabei war die Zahnbürste gar nicht elektrisch. Noch bevor der Jägerhut Farbe und Form der Zahnbürste genauer erkennen konnte, wurde das Licht wieder ausgeschaltet und die Kammertür geschlossen. Durch die Berührung der kurzen kräftigen Zahnbürstenborsten richteten sich die Haare seines Gamsbarts vor Spannung straff nach oben. Welch ein Genuss!

Da öffnete sich die Tür erneut, das Licht ging an, die Frau kam herein, sah sich um, fand den Karton, schüttelte den Kopf, nahm den Karton mitsamt der Zahnbürste vom Regal und murmelte: Der Mist muss weg.

Das Licht ging aus, die Türe zu. In der Dunkelheit freute sich der Jägerhut über die vertraute Berührung des Sombreros. Aber seine Gedanken blieben bei der Zahnbürste.

 

Einsilbiges

Manchmal kann es einem ja wirklich die Sprache verschlagen!
Aber auch einsilbig ist einiges zu sagen. Robert Gernhardt macht es in seinem Indianergedicht vor und es bringt viel Spaß, es selbst zu probieren.

In der Früh
Schnell schnell
Es wird schon hell
Raus aus dem Bett
Es war sehr nett
Die Nacht war schön
Jetzt musst du gehn
Gleich kommt mein Mann
Der fragt nicht lang
Wenn der dich nackt sieht
Singt er uns kein Lied
Er ist nicht dumm
Der bringt dich um

Und als Dreingabe:

Der Hund
Der Hund
Der wär gern bunt
Ist doch nur weiß
Was für‘n Scheiß

Der Kaffeeautomat

„Da wäre ich gerne Mäuschen.“ – Diese Redewendung haben Sie sicher schon gehört. Vielleicht auch schon gebraucht. Mäuschen sein. Unbemerkt mithören, beobachten, Geheimnisse erfahren. Ich versichere Ihnen, dazu muss man nicht unbedingt Mäuschen sein. Man kann zum Beispiel auch ein Kaffeeautomat in einem Bürogebäude sein, so wie ich. Da kaum jemand einem Kaffeeautomaten ein Eigenleben zugesteht, sind die Leute völlig ungehemmt in meiner Nähe. Was ich alles an einem einzigen Vormittag mitbekomme!

Heute früh, kurz nach sieben, mein erster Kunde. Ein Krawattenträger aus dem 5. Stock, von ganz oben. Telefoniert, während ich ihm einen doppelten Espresso bereite. „Müller muss weg. Sonst wird er uns zermalmen. Einer weniger im Wasserkopf, das wird auch dem Fußvolk gefallen. Über die Höhe der Abfindung müssen wir natürlich Stillschweigen bewahren. Ich gehe gleich zu Schneider und regle das…“

Zwanzig Minuten später die beiden Sekretärinnen aus dem 2. Stock. Gackernde Hühner! Die eine schielt und kneift deswegen immer ein Auge zu, wenn sie die Münzen einwirft. Die andere, ein wahrer Sauertopf, meckert andauernd. Übers Wetter, den Chef, den Stau, den Ehemann, den kneifenden Hosenbund. Ich möchte ihr raten, den Kaffee nicht weiter mit doppelt Zucker zu trinken, aber sprechen kann ich nicht. Weiterlesen

Winter-Stippvisite

Nach einem formidablen Silvester-Menü und sehenswertem Feuerwerk hat 2016 ruhig begonnen. Das heutige Gastspiel des Winters wird von Schlittenfahrern, Schneemannbauern und Spaziergängern freudig willkommen geheißen.

Mein Motto für dieses Jahr: Nicht am Großen verzweifeln, lieber im Kleinen handeln – und sich übers Gelungene freuen.

Alles Gute für 2016!

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Zu Weihnachten ein Gedicht

Das Wohnzimmer überheizt
Die Familie dicht gedrängt
Der Christbaum chaotisch geschmückt
Die Weihnachtslieder von Kassette
Die Schnitzel riesengroß
Der Eierlikör vom vorvorletzten Jahr
Das Strahlen meiner Großmutter
Heiligabend

Klee und Kandinsky im Kunstbau (Lenbachhaus)

Paul Klee (1879 – 1940) und Wassily Kandinsky (1866 – 1944) lernen sich 1911 als Nachbarn in Schwabing kennen. Kandinsky bringt Klee zum Blauen Reiter. 1922 treffen sie sich als Lehrer im Bauhaus wieder. Sie werden Freunde und treten in einen intensiven künstlerischen Austausch. Schon 1925 ist der Einfluss der Nationalsozialisten so groß, dass das Bauhaus von Weimar nach Dessau umsiedeln muss. Klee und Kandinsky können weiterarbeiten und wohnen in den von Walter Gropius neuerrichteten Meisterhäusern Tür an Tür. 1933 erklären die Nazis moderne Kunst als entartet und Klee und Kandinsky sind zur Emigration gezwungen. Kandinsky geht nach Paris, Klee in die Schweiz. Beiden gelingt ein Neubeginn mit imposanten Spätwerken. Klee stirbt 1940 nach schwerer Krankheit. Auch Kandinsky erlebt das Kriegsende nicht, er stirbt 1944.

Die Sonderausstellung „Klee & Kandinsky. Nachbarn, Freunde, Konkurrenten“ ist spannend und sehenswert, auch wenn man kein ausgesprochener Kunstexperte ist. Sie zeigt Werke von der Zeit des Blauen Reiters bis zum Lebensende. So wird die enorme individuelle Entwicklung der beiden Künstler sichtbar. Ebenso treten Parallelen wie auch Unterschiede zwischen den Werken zutage. Und wie immer, wenn es um das Leben während des Nationalsozialismus geht, schwingen Entsetzen und Wut über die unfassbare Ignoranz und Brutalität dieses Verbrecherregimes mit.

Die Ausstellung läuft bis zum 24.Januar 2016 im Kunstbau, der dem Lenbachhaus zugehörig ist. Und weil Fotografieren nicht erlaubt ist, hier stattdessen einige Impressionen von der Isar und dem Foyer im Lenbachhaus.

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Das Mädchen und die Wasserhexe

Die Wasserhexe, die im Bergsee wohnt, erfüllt den Verzweifelten einen Wunsch, sagen die Alten. Und so macht sich das Mädchen, das bald Braut sein soll, auf den Weg zu ihr. Lange vor Sonnenaufgang bricht es auf, seine Eltern schlummern noch. Die Warnungen der Alten vor der Hinterlist der Hexe begleiten das Mädchen. Trotzdem ist sein Schritt entschlossen.

Nebel liegt über dem See, als das Mädchen ankommt. Die ersten Sonnenstrahlen spenden Licht.

Mit dem magischen Spruch, den es von der Großmutter gehört hat, ruft das Mädchen die Hexe an. Ein Strudel tut sich nahe des Ufers auf. Daraus erwächst eine Fontäne und in deren Mitte erscheint die Wasserhexe. Von einem Leuchten umgeben schwebt die Hexe über dem klaren Wasser. Wie eine sanfte Sonne kommt sie dem Mädchen vor. Der Nebel ist verschwunden. Die Warnungen der Alten sind vergessen.

Was ist dein Begehr? fragt die Hexe und ihre Stimme ist glockenhell.

Allen Mut nimmt das Mädchen zusammen und spricht: Den ältesten Sohn des Schlachters soll ich heiraten. Aber mir graut vor ihm. Grob ist er und seine Zähne faulig. Ich liebe den jungen Schäfer. Sein Haar ist golden und seine Hände zart, obschon er tüchtig arbeitet. Bei ihm will ich sein, bis zu dem Tag, an dem ich sterbe.

Die Wasserhexe nickt und da verwandelt sich das Mädchen in ein Lämmchen mit strahlend weißer Wolle und vor Erstaunen geweiteten Augen.

Die Wasserhexe kichert und bevor sie wieder in das eisige Wasser eintaucht, ruft sie dem Mädchen zu: Gib nur Acht, dass du nicht den Schlachter vor dem Schäfer triffst!

Tags und Nachts – wieder inspiriert von Günter Kunert

Günter Kunerts Gedicht „Auf der Schwelle des Hauses“ diente erneut als formale Inspiration. Ergebnis: Ein Tagbild und ein Nachtbild.

Tags
Im Management-Meeting sitzen
Nichts sehen als Krawatten
Nichts hören als Phrasen
Nichts fühlen als Lähmung
Zwischen zwei Wortbeiträgen glauben:
Es geht nie zu Ende

Nachts
Nachts draußen sitzen
Nichts sehen als Sterne
Nichts hören als Ruhe
Nichts spüren als deine Wärme
Zwischen zwei Herzschlägen glauben:
Die Zeit steht still