Frühlingswald

Ein Wald vor der Haustür ist etwas Wunderbares. Er ist nicht sonderlich spektakulär, aber zauberhaft im Kleinen.

Jetzt, mitten im Frühling, blühen nicht nur die Lupinen, die Nadelbäume sprießen hell und die Blätter und das Gras werden langsam saftig.

Es duftet anders als noch vor ein paar Wochen und wenn man den Vogelgesängen lauscht, verschwindet das leise Rauschen der Zivilisation.

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Rosa Krokodil

„Stell dir beim nächsten Mal einfach vor, sie sei ein rosa Krokodil“, riet Gabi. Tanja sah ihre Freundin fragend an. Gabi erläuterte: „Wenn deine Chefin dich nächstes Mal runterputzt, dann stell dir vor, sie sei ein rosa Krokodil. Dann fällt es dir viel leichter, ihre Nörgeleien zu ertragen.“

Tanja schmunzelte. Das Gesicht ihrer Chefin hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit einem Krokodil. Weit auseinanderstehende Augen, ein schmaler, nach vorn strebender Kiefer, ein fliehendes Kinn, trockene, fast ledrige Haut – von den vielen Solariumbesuchen, nahm Tanja an. Und wenn sich die Chefin aufregte, färbte sie sich dunkelrosa im Gesicht.

„Ach, Gabi, wenn es so einfach wäre…“

„Niemand sagt, dass es einfach ist“, erwiderte Gabi und fuhr fort: „Alle haben dich gewarnt, als du dich für den Servier-Job im Café Ritter beworben hast. Frau Ritter ist berüchtigt für ihre Wutausbrüche. Und dass sie ein Problem mit jungen Kellnerinnen hat, ist auch bekannt. Sie sieht dich als Konkurrenz. Insofern kannst du dich geschmeichelt fühlen.“

Tanja lächelte müde und wollte gerade antworten, als das Licht im Kinosaal ausging und der Film begann. Sie lehnte sich zurück und vergaß ihre Sorgen für die nächsten beiden Stunden.

Am Morgen darauf rückte Tanja gerade die Kuchen auf dem Tortenbuffet zurecht, als Frau Ritter auf sie zukam. „Fräulein Tanja“, begann Frau Ritter und am Tonfall erkannte Tanja sofort, dass sie wieder einmal den Unmut der Chefin auf sich gezogen hatte.

„Fräulein Tanja, wir beide müssen ein ernstes Wörtchen reden. In zehn Minuten öffnen wir und es fehlen noch sämtliche Zuckerstreuer auf den Tischen. Kein Zucker auf den Tischen! Wie stellen Sie sich das vor? Sie müssen mitdenken, meine Gute, mitdenken!“ Weiterlesen

Ein Schmuckstück erzählt

Geformt wurde ich aus zweifarbigem Silber. Sehr schmale Bänder, hell und dunkel, je drei im Wechsel. Ein zufriedener Blick meiner Meisterin begleitete mich von der Werkstatt in den Verkaufsraum. Oft wurde ich angeschaut, ein paar Mal anprobiert, kritisch beäugt, dann zurückgelegt.

In den Augen der Frau, die schließlich meine Trägerin wurde, habe ich gleich erkannt, dass sie mich mitnehmen würde. Sie hatte nach mir gesucht und strahlte, als sie mich gefunden hatte.

Jeden Tag trägt sie mich seitdem, am Mittelfinger der linken Hand. Angenehm ist es dort. Der Mittelfinger ist ein zuverlässiger Kamerad, Zeige- und Ringfinger sind gute Nachbarn.

Abends legt meine Trägerin mich ab. Die Nächte verbringe ich in einer sanft schimmernden Muschel, direkt neben der Armbanduhr, die ihre Tage am rechten Handgelenk meiner Trägerin verbringt. Die Armbanduhr ist sehr klug. Sie kann fast alle meine Fragen beantworten, wenn ich von den Geschehnissen des Tages etwas nicht verstanden habe.

Viel Zeit verbringe ich oberhalb eines hellgrauen Rechtecks mit kleinen Quadraten, auf denen Symbole stehen. Eine Computertastatur ist das, hat mir die Armbanduhr erklärt. Damit kann man schreiben. Was meine Trägerin schreibt, weiß ich nicht. Ich kann nicht lesen. Das kann noch nicht einmal die Armbanduhr!

Beim Händewaschen legt meine Trägerin mich ab. Dafür bin ich dankbar, denn Wasser und Seife sind nicht meine Freunde. Einmal hat meine Trägerin mich dabei vergessen. Da lag ich alleine auf einem Waschbecken unter kaltem Licht. Eine Fremde sah mich interessiert an. Dann kam meine Trägerin zurück. Die Besorgnis in ihrem Blick ließ mich meine Furcht sofort vergessen. Erleichtert steckte sie mich an und die Finger wärmten mich schnell.

Ich kann nicht rechnen, doch ich glaube, dass die Zeit bei meiner Trägerin schon viel länger dauert als meine Zeit in der Verkaufsvitrine. Meine zwei Farben, das helle und das dunkle Silber, sind längst nicht mehr so verschieden wie früher. Das Dunkel wurde heller und das Helle dunkler. Trotzdem steckt meiner Trägerin mich jeden Tag an. Ich spüre ihre Freude dabei. Oft tastet meine Trägerin mit dem linken Daumen nach mir, um sicher zu gehen, dass ich da bin. Das macht mich glücklich. Ich hoffe, wir bleiben noch lange zusammen.

Wenn die Geschichten der Armbanduhr stimmen, muss ich mir keine Sorgen machen, selbst wenn meine Trägerin irgendwann einen anderen Ring bevorzugen wird. In Nachbarschaft unseres Muschel-Nachtlagers stehen viele hübsche Schmuckdöschen. Darin liegen Ohrringe, Armbänder und Halsketten. Ich kann mir gut vorstellen, in einem dieser Döschen meinen Lebensabend zu verbringen.

Marjana Gaponenko: Wer ist Martha?

Ein 96-jähriger krebskranker Ornithologe als Protagonist? Regt mich persönlich nicht unbedingt zum Kauf eines Buches an. Die Autorin ist eine ca. 30-jährige Ukrainerin (geboren 1981 in Odessa), die auf Deutsch schreibt? Da wird die Sache schon spannender!

Letztendlich überzeugt hat mich Marjana Gaponenkos Vortrag beim Erlanger Poetenfest 2012. Dort hat sie den sterbenden Vogelkundler Luka Lewadski auf charmante Weise zum Leben erweckt. Eigenbrötlerisch, verschroben und sympathisch ist er. Die Geschichte ist feinfühlig und skurril; teil surrealistisch, wenn sie zwischen Traum und Wirklichkeit wandelt. Die fließend leichte Sprache lädt ein, mit auf Lewadskis letzte Reise zu gehen. Es lohnt sich, diese Einladung anzunehmen!

Unwetter am Horizont

Unsere Decke legt sich sanft auf das saftige Gras. Wir denken nicht an zerdrückte Blüten, als wir uns setzen. Du schenkst roten Wein ein, ich schneide weichen Käse und teile das knusprige Brot.

Die Bienen summen und die Wespen lassen uns in Ruhe. Wir legen uns auf den Rücken, halten einander an der Hand und versinken im Himmelblau. Augen zu. Wind kommt auf. Die Vögel singen weiter.

„Wenn ein Gewitter kommt?“, frage ich.

Du sagst: „Nirgends Wolken.“

„Und wenn der Wind welche bringt?“, frage ich.

Du sagst: „Oder er hält sie fern.“

Eine Hummel setzt sich auf meinen Arm, hebt aber gleich wieder ab. In der Ferne ein Grollen. Ich setze mich auf und blicke hinter mich. Bedrohlich dunkle Wolkenberge. Wohin ziehen sie?

„Unwetter am Horizont“, sage ich.

Du reckst den Kopf. „Es ist weit weg“, sagst du und bleibst liegen.

„Und wenn es hierher kommt?“, frage ich.

Du setzt dich neben mich, ganz nah, nimmst mich in den Arm, zärtlich und fest.

„Dann fällt uns schon das Richtige ein“, sagst du und lächelst. In deinem Lächeln bin ich zu Hause.

Der Donnergroll rückt näher, der Wind frischt auf, das Licht wird gelb.

Ich habe keine Furcht. Denn zusammen wird uns das Richtige einfallen.

Waldspaziergang

Beim Spaziergang im Wald

Zeigt sich die Natur
Unbeeindruckt
Von Kriegen, Populismus, Ignoranz

Einzig dem Sturm
Hat sie Tribut gezollt

Trotzdem:
Der Frühling kommt

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Federleicht und tief bewegend: „Der Trafikant“ von Robert Seethaler

Aus finanzieller Notwendigkeit heraus schickt die Mutter den 17-jährigen Franz 1937 nach Wien, um bei ihrem früheren Bekannten Otto Trsnjek in dessen Trafik in die Lehre zu gehen. In dem kleinen Tabak- und Zeitschriftenladen lernt Franz fürs Leben: Aus den Dutzenden von Zeitungen, die Franz auf Geheiß des alten Trafikanten jeden Tag liest. Aus den Gesprächen mit Sigmund Freud, der zur Stammkundschaft gehört. Und aus der ungestümen Liebesaffäre mit Anezka, einer jungen Böhmin, die sich allein durch harte Zeiten schlägt. Der Nationalsozialismus, von Anfang an präsent, wird zunehmend bedrohlicher und zerstört schließlich die Welt, in die Franz eben erst eingetaucht ist.

Federleicht erzählt Robert Seethaler die erstaunliche Entwicklung des jungen Franz. Herzzerreißend naiv ist er zu Beginn, unpolitisch, unerfahren, gleichzeitig erfrischend ehrlich, offen und direkt. Am Ende kommt es, wie es kommen muss: Freud wird gezwungen, Wien zu verlassen. Anezka entscheidet sich fürs eigene Überleben. Und Franz? Aus Franz ist ein aufrichtiger junger Mann geworden, der sich entschlossen von seinem Gerechtigkeitssinn leiten lässt – und bereit ist, alle Konsequenzen daraus zu tragen.

„Der Trafikant“ berührt Herz und Seele und schafft etwas Erstaunliches: Die unvermeidbaren Ereignisse hinterlassen nicht nur Wut und Traurigkeit, sondern vor allem ein Gefühl der Stärke und des Lebensmuts.

Wer ein wenig mehr über Robert Seethaler erfahren möchte, dem sei dieser kurze Beitrag aus der Sendung „Capriccio“ des BR empfohlen.

Ei der Daus

Carolas Suche, Teil 13
Was zuvor geschah

Carola schaute auf die Uhr. Kurz vor halb 10. Nick war bestimmt schon auf dem Weg zum Flughafen. Offizielle Abflugzeit nach Toronto: 11:25. Von dort kurzer Weiterflug nach North Bay, wo Nick in vier Wochen die Leitung der lokalen Niederlassung seiner Firma übernehmen würde.

Nick hatte Carola gebeten, mit ihm nach Kanada zu gehen. Zunächst war sie sprachlos gewesen, schockiert, dann hatte sie begonnen zu durchdenken, was dieser Schritt für sie bedeuten würde. Lange Listen mit Für & Wider hatte sie geschrieben, im Kopf und auf Papier, endgültig erhellend war das nicht gewesen.

Carola löffelte den letzten Rest ihres Frühstückseis aus. Den Eierbecher hatte ihre Großmutter ihr vor langer Zeit geschenkt. Gerne hätte Carola ihre Großmutter jetzt um Rat gefragt, denn sie hatte in jeder Situation etwas Kluges zu sagen gewusst. Doch die Großmutter war vor zehn Jahren gestorben. Carola waren nur die Eierbecher und dazu passende gehäkelte wollweiße Eierwärmer geblieben.

Carola nahm die neueste Ausgabe der Frauenzeitschrift zur Hand. Auf dem Titel eine Frau und ein Mann, Rücken an Rücken, beide mit vor der Brust verschränkten Armen, sie mit leicht grimmigen Blick und faltenlosem Stirnrunzeln, er mit schief gelegtem Kopf und einer hoch gezogenen Augenbraue. Unter dem Bild stand: Kollision oder Kompromiss? Und darunter, etwas kleiner: So entkommen Sie der Ehestreit-Falle. Carola blätterte zum dazugehörigen Artikel und begann zu lesen. Weiterlesen

Nach dem Studium

Endlich richtig Geld verdienen

Im Restaurant sorglos ein Glas Wein
bestellen oder zwei

Sich im Urlaub jetzt immer Hotelzimmer mit eigenem Bad
leisten können

Einfach beide Paar Schuhe
kaufen, wenn die Entscheidung schwer fällt

Nicht mehr für Prüfungen
lernen müssen am Abend, am Wochenende

In die Welt von IT-Programmen, Deadlines und Kundenmeetings
eintauchen

Neue Menschen, neue Orte, neue Situationen
erfahren

Neue Beziehungen knüpfen

Erkennen, dass sich dadurch auch die bestehenden
verändern

Akzeptieren, dass einige davon zerbrechen

In der Oper

Ganz schön warm ist es hier. Bisschen stickig auch. Da hätte ich glatt ärmellos tragen können. Im Restaurant war’s auch sehr warm. Durstig bin ich. Das Essen war lecker, nur recht salzig, die Sojasauce. Aber besser zu warm als zu kalt…

Ach, die Arie kenne ich. Die Königin der Nacht. Warum soll ihre Tochter denn Sarastro töten? Warum hat er sie überhaupt entführt? Und warum ist Pamina unsterblich in Tamino verliebt, wo sie ihn doch nie zuvor gesehen hat?

Die Inszenierung gefällt mir. Hat etwas Skurriles, Selbstironisches. Die Idee mit dem Skiort finde ich witzig. Hübsche Kulissen… Aber der Text… Manchmal schon nach dem Motto „Reim dich oder ich fress‘ dich“…

So, jetzt ist Pamina ganz verzweifelt, weil Tamino nicht mit ihr spricht. Sie will sich umbringen, weil sie glaubt, er liebt sie nicht mehr. Herrje…

Ich hab solchen Durst! Ich hätte ein zweites Getränk zum Essen bestellen sollen. Zeit wäre gewesen. Aber dann hätte ich’s vielleicht nicht bis zur Pause ausgehalten. Die Pause hat sowieso kaum ausgereicht, um etwas zu trinken und zur Toilette zu gehen. Zwei Toiletten sind viel zu wenig. Überall das Gleiche mit den Schlangen vor den Damen-Toiletten…

Tamino zieht aus, um Prüfungen zu bestehen und Gefahren zu trotzen. Pamina weiterhin verzweifelt. Mann aktiv, Frau passiv. Na gut, Mozart ist schon ein bisschen her… Wie spät ist es eigentlich? Gleich Zehn. Noch eine knappe halbe Stunde. Das geht. Dann ist’s aber gut…

Die Musik ist ja ganz schön, doch wirklich berührt bin ich nicht. Das Gesinge ist auf Dauer etwas anstrengend. Und die Handlung… Besser nicht vom feministischen Standpunkt aus betrachten…

Ich bin nach wie vor nicht reif für die Oper. Macht ja nichts. Vielleicht kommt das noch. Später. War trotzdem fein, es einmal wieder auszuprobieren. Es hätte auch funken können zwischen der Zauberflöte und mir…

Oh, jetzt sind die Gefahren schon vorüber? Was waren die Gefahren eigentlich? Nun wird geheiratet! Klar. Also, wenn ich zu Hause bin, brauche ich ein großes Glas kaltes Wasser. Unbedingt.

Ach, die Idee mit den Kindern ist nett. Die haben Spaß daran, auf der Bühne herum zu sausen. Hui, zum Schluss wird nochmal groß aufgefahren. Alles auf die Bühne! Großer Chor, beeindruckend. Alle glücklich. Ende gut, alles gut…

Na, dann: Applaus!