Ode an die Seibe – oder: Das verstehe, wer kann ;-)

Auf dass du mich instrieben mögest,
o du mein gluckerblink Minstett.
Dein Orwild lässt mich Seibe müben,
doch schnofft es auch garlett.

Ich urp, ich ern, ich sinn,
dein Eril, es ist sein.
Ich kromp mich in den tulken Rinst,
kannst du nicht flenken mein.

Samstagabend kurz vor elf

Schäbig fühlte er sich, wie er zu ihr hinüber schielte im Gewimmel. Zärtlich, sehnsüchtig, feige. Noch immer hatte er nicht gewagt, sie anzusprechen, obwohl er ihr fast jeden Tag begegnete, in den Vorlesungen oder in der Mensa.

Albern kam er sich vor in seinem Hasenfell. Wie war er nur auf die Idee gekommen, dass das ein gutes Kostüm sein könnte? Er nippte wieder an seiner Cola. Der Plastikbecher war zwar längst leer, aber das bemerkte er nicht. Er war froh, etwas zu haben, an dem er sich festhalten konnte. Mut, Mut, allen Mut zusammen nehmen!

Durch das Gedrängel des Tanzsaales machte er sich endlich auf den Weg zu ihr. Es war so voll, dass er die Arme schützend vor sich hielt, als fürchte er einen Steinschlag. Ein Vampir schwänzelte verliebt um eine Marie-Antoinette herum. Eine Piratenbraut küsste einen Zorro und eine Gruppe Hexen tanzte wild. Er schlängelte sich vorbei. Gleich hatte er sie erreicht, sein Puls stieg.

Alles würde er ihr sagen, alles beichten: Wie sie ihm bei Semesterbeginn gleich aufgefallen war; wie wunderschön sie war, wie klug; wie sehr er ihr Lachen liebte. Dass er seit Wochen ihretwegen nicht schlafen konnte; dass er vollkommen verloren war.

Sie unterhielt sich mit einem Typen in einem merkwürdig bunten Gummianzug. War das ein Chamäleon? Plötzlich räumte der Kerl das Feld und sie stand direkt vor ihm. Sie sah ihn an und lächelte. Oder lachte sie über seine schlaffen Hasenohren? Als Meerjungfrau war sie noch schöner als sonst – wie im Märchen. Er tat einen letzten unbeholfenen Schritt auf sie zu und sagte: „Hallo.“

Ein vortreffliches Werk: Thomas Manns Buddenbrooks

Was die Klassiker der deutschen Literatur angeht, bin ich ziemlich unbewandert. Aus der Schulzeit hab ich irgendwie nicht viel mitgenommen. Vielleicht ist es ohnehin besser, die schwerere Kost erst in reiferen Jahren – und vor allem freiwillig – anzugehen… 🙂

„Buddenbrooks: Verfall einer Familie“ erzählt über vier Generationen hinweg die Geschichte der wohlhabenden Kaufmannsfamilie Buddenbrook zu Lübeck. Und diese Geschichte ist sehr spannend und interessant: gesellschaftlich, psychologisch, historisch.

Zugegeben: die nicht ganz moderne Sprache ist gewöhnungsbedürftig, aber nach einigen Seiten macht es richtig Spaß. Ich habe mich oft über Wortwahl und Satzbau gefreut.

Am meisten beeindruckt mich jedoch, wie meisterhaft Thomas Mann seine Figuren zum Leben erweckt hat. Das äußerliche Erscheinungsbild (Aussehen, Kleidung, Statur, Haltung, Mimik, Gestik, sprachliche Besonderheiten) wird genau so beschrieben, dass der Leser Rückschlüsse auf Charaktereigenschaften, Motive und das zu erwartende Verhalten ziehen kann. Die prägnantesten Eigenschaften werden häufig wiederholt.

Die Figuren werden so auf sehr elegante Weise plastisch, authentisch und einzigartig. Oben drauf packt Thomas Mann noch eine große Portion Ironie und Humor.

Wer jetzt neugierig geworden ist und gut 750 Seiten nicht scheut, für den erfüllt sich bei der Lektüre bestimmt der im Buch mehrfach wiederkehrende Wunsch: „Sei glöcklich, du gutes Kend!“

Und wer mehr über das Werk wissen will, dem sei die sehr umfangreiche und übersichtliche Wikipedia-Seite empfohlen: http://de.wikipedia.org/wiki/Buddenbrooks

Selbst ist die Frau

Ruhe. Endlich Ruhe. Dieses Gezeter hält ja kein Mensch aus. Dabei sollte es doch keine große Sache sein, einen tropfenden Wasserhahn zu reparieren. Wofür hat man denn einen Hausmeister? Aber so war der ja schon immer, der Krüger. Schon als mein Karl-Heinz und ich hier eingezogen sind vor 20 Jahren hat der andauernd nur lamentiert.

Mmh, lecker der Erdbeerkuchen. Die Bäckerei Pfeiffer bleibt einfach die beste. Schon vor 60 Jahren als junges Mädchen mochte ich den Kuchen von da am liebsten. Das Stück, das ich für den Krüger gekauft hab, das kriegt er jetzt aber nicht. Wäre ja die Belohnung fürs Reparieren vom Wasserhahn gewesen. Aber er hat ihn ja nun gar nicht repariert. Gut, dass neulich diese Handwerkersendung im Mittagsfernsehen kam. War eigentlich gar nicht so schwer, das Werkzeug hatte der Krüger ja immerhin dabei.

„Frau Fischer? Hallo? Nehmen Sie mich bitte wieder runter?“

Geschieht ihm ganz recht, dem Krüger. Was musste er auch die ganze Zeit wieder so rumjammern? Ständig ist was kaputt. Immer muss ich rennen. Die Leute achten nicht mehr auf die Sachen. Altes Zeug ist das alles hier, ist doch klar, dass da oft was kaputt geht…

„Frau Fischer? Hören Sie mich?“

Frau Fischer hat ihr Stück Erdbeerkuchen aufgegessen. Ruhig steht sie vom Esstisch auf und geht in den Wohnungsflur. Dort hängt Hausmeister Krüger am Kragen seines Arbeitskittels am Garderobenständer. Seine Füße baumeln knapp über dem gestreiften Läufer.

„Ach, Frau Fischer, lassen Sie mich doch bitte wieder runter!“

„Aber rumgenörgelt wird nicht mehr, ist das klar?“

„Jawohl, Frau Fischer.“

Frau Fischer nimmt den kleinen Holztritt aus der Ecke, steigt hoch, greift Hausmeister Krüger bei den Schultern und setzt ihn sanft auf dem Fußboden ab.

„Danke.“

„Vergessen Sie ihr Werkzeug nicht.“

„Dass Sie so stark sind, Frau Fischer.“

Frau Fischer lächelt und denkt: „Wie gut, dass ich so viel Zeit habe, ins Fitness-Studio zu gehen.“

Alles ist neu

Diesmal war ich noch weniger in Weihnachtsstimmung als sonst – und das will was heißen. Aber wie soll man auch in heimelige Gefühlsduselei verfallen, wenn grade alles was man tut, neu und unbekannt ist? Also zumindest das, was man tagsüber auf der Arbeit tut.

Mein neuer Job ist neu – und das ist gut so, das wollte ich ja. Ich hab’s auch wirklich gut erwischt. Nette und hilfsbereite Kollegen erleichtern den Einstieg in den Konzern-Dschungel und glücklicherweise habe ich ausreichend Zeit und Raum, in meine Aufgaben reinzukommen.

Was sich allerdings ganz komisch anfühlt: Ich bin plötzlich der Neuling, der von nichts eine Ahnung hat und der sich alles von Grund auf erarbeiten muss. Außerdem fehlt mir der Rhythmus; ich merke, wie ineffizient ich oft bin. In meinem alten Job war ich routiniert, war der alte Hase, der alles kannte und wusste und dafür auch sehr geschätzt wurde.

Der große Vorteil an der neuen Situation: Die Lernkurve ist enorm steil, man spürt die Verbesserung quasi jeden Tag – und das ist ein richtig schönes Gefühl, das ich so schon lange nicht mehr erlebt habe.

Im neuen Jahr gilt es also, mich im neuen Job zu etablieren. – Ich hab Lust und freu mich drauf.

Vielen Dank übrigens an alle für die guten Wünsche, darüber freue ich mich sehr!

Und wer vielleicht keinen neuen Job hat, aber trotzdem die Dinge neu entdecken will, kann sich das mal anschauen:

Herbstbilanz

Einen guten Monat früher als üblich werfe ich einen Blick aufs fast vergangene Jahr 2010 zurück…

Mein Hobby Schreiben hat nach noch mehr Raum verlangt – und ich habe diesen gerne eingerichtet. Seit März nehme ich an einem Fernstudium für Autoren (v.a. solche, die es werden wollen) teil. Es gibt ganz klassisch gedruckte Studienhefte mit Lerninhalten und Übungen sowie Einsendeaufgaben, die von erfahrenen Autoren beurteilt werden. Bisher bin ich mit dem Konzept recht zufrieden – auch wenn ich weniger schnell vorankomme als vorgesehen…

Richtig stolz bin ich darauf, dass eine meiner Geschichten von einem Verlag entdeckt und in deren Kalender für die Adventszeit abgedruckt wurde. Berühmt bin ich deswegen natürlich nicht – aber viele Große haben einmal klein angefangen. 🙂

Und dann noch das größte Ereignis, der Auslöser dieses Eintrags: Nein, ich bin nicht schwanger. Wer will nochmal raten? … Ich wechsle den Job. Nach über acht Jahren bei einer kleinen aber feinen Agentur gehe ich in den Konzern, und zwar in den mit S am Anfang und am Ende. 

Es kam dazu durch das Zusammentreffen von: Hunger auf Neues; nur vage Aussicht auf signifikante Weiterentwicklung im alten Job; dem Wunsch nach weniger Arbeitszeit und – natürlich – der passenden Gelegenheit. Ab 01.12. bin ich also an einer neuen Wirkungsstätte tätig. Ich bleibe in meiner bisherigen Stadt, wandere dort nur ein Stück in Richtung Süden.

Die vermehrte Freizeit durch den neuen Job will ich wiederum ins Schreiben investieren… und so schließt sich der Kreis.

Mein Fazit für 2010: Generativität endet nicht zwangsläufig im Kreißsaal 😉

Neulich, abends…

Carolas Suche, Teil 2
Was zuvor geschah…

‚Vertrauen ist die unerlässliche Basis für jede Beziehung. Ohne Vertrauen kann es keine Offenheit, keinen Austausch geben. Umfragen und Studien beweisen leider, dass Männer ihre Partnerinnen häufig hintergehen. Und sie gehen listig dabei vor. Prüfen Sie also immer wieder gut, ob Sie Ihrem Partner weiterhin vertrauen können. Eine Beziehung hat selten einen gut sichtbaren Disclaimer. ‘

Mit einem Seufzen lehnte sich Susanne in ihrem Bürostuhl zurück. Sie las den letzten Satz, den sie eben geschrieben hatte. ‚… selten einen gut sichtbaren Disclaimer.‘ „So ein Quatsch“, dachte sie. „Das versteht doch kein Mensch.“ Sie markierte und löschte ‚Disclaimer‘. Stattdessen tippte sie ‚Haftungsausschluss‘. Immer noch nicht zufrieden schüttelte sie den Kopf und griff in die Tüte Studentenfutter neben ihrer Tastatur. „Mist, schon wieder nur noch Rosinen drin…“

Sie stand auf und ging hinüber zum Fenster. „Das macht doch alles keinen Sinn…“ Sie öffnete das Fenster weit und sog die kühle Abendluft ein. Vom 11.Stock aus konnte sie die ganze Stadt überschauen. Die meisten Autos fuhren schon mit Licht und nach und nach wurde die Straßenbeleuchtung eingeschaltet. Der Anblick entspannte Susanne, konnte aber ihre Unzufriedenheit nicht übertönen. Seit gut drei Jahren arbeitete sie nun bei der Frauenzeitschrift, erst als Praktikantin für Reiseberichte und bald schon als Redakteurin für den großen Bereich „Lebensberatung“. Anfangs hatte sie das großartig gefunden, hatte geglaubt, sie könne anderen Menschen helfen.

Seit geraumer Zeit hatte Susanne jedoch das Gefühl, dass sie nur Seemannsgarn spann. Dünnes, oberflächliches Geschwätz, das niemandem wirklich helfen konnte. Letzte Woche hatte sie etwas über den ‚inneren Klabautermann‘ geschrieben. Dass das durch die Freigabe gegangen war, wunderte Susanne immer noch. Es hatte alles keine Substanz. Vielleicht hätte sie das Psychologie-Studium doch nicht so bereitwillig aufgeben sollen… Sie ließ das Fenster offen und ging zum Schreibtisch zurück. Noch schnell E-Mails checken und dann erst mal nach Hause…

Die neueste Nachricht war von der Kollegin, bei der alle Zuschriften von Leserinnen eingingen. Von dort wurden sie an die jeweilige Redakteurin weiter geleitet. Im Betreff stand ‚Danke‘ mit drei Ausrufezeichen.

‚Liebes Redaktionsteam, seit Jahren bin ich euch treu und kaufe das neue Heft immer gleich am Erscheinungstag. Heute möchte ich mich ganz herzlich für den Artikel über den inneren Klabautermann bedanken. Er hat mir den Mut und die Kraft gegeben, mich endlich von meinem Freund zu trennen. Das ist jetzt drei Tage her und ich kann schon sicher sagen, dass es die richtige Entscheidung war. Ich fühle mich so frei und leicht wie nie zuvor. Danke dafür! Herzliche Grüße, Eure Carola.‘

Susanne war erstaunt. Der innere Klabautermann hatte geholfen? Schau mal an. Sie lächelte. Vielleicht war ihre Arbeit doch nicht so schlecht und unnütz. Sie schloss die Programme und fuhr den Computer herunter. Als sie das Fenster zumachte, summte sie eine fröhliche Melodie. Und auf dem Weg zum Fahrstuhl überlegte sie, ob sie nicht mal etwas mit Feen schreiben sollte…

So geht es weiter…

Frau im Bild… ?

Carolas Suche, Teil 1

Beinahe hätte Carola sich die Finger verbrannt. Gerade noch rechtzeitig hatte sie das Streichholz in den Metalleimer fallen lassen, der auf dem Boden ihres kleinen Balkons stand. Interessiert beobachtete sie, wie die Briefe, Fotos, Eintrittskarten und der kleine Stoffhase Feuer fingen. Nun schnell noch die Mischung aus getrocknetem Salbei und Zitronengras darüber gestreut, damit das Reinigungsritual seine volle Wirkung entfalten konnte. So hatte es in Carolas Frauenzeitschrift gestanden, unter der Rubrik „Liebeskummer ade!“

Von einem am Rand schon angekokelten Foto lächelte ihr David entgegen. „Tschüss, Hühnergott… du Arsch“, murmelte Carola. Wenn sich jemand schon „Hühnergott“ nannte, nur weil er als einziger Kerl in der Marketingabteilung arbeitete…

‚Wenn es in Ihrer Beziehung kriselt, dann ist das wie Wetterleuchten. Elektrische Spannung liegt in der Luft und verhindert Harmonie. Sorgen Sie in einer solchen Situation für ein reinigendes Gewitter. Sprechen Sie offen Ihre Bedürfnisse und Wünsche aus. ‘

So hatte es in der Frauenzeitschrift gestanden. Also hatte Carola alles auf den Tisch gebracht, das sie in ihrer Beziehung störte. Dass sie fand, David verbringe am Wochenende zu viel Zeit mit seinen Kumpels. Dass sie mit David sonntags gern mal zum Brunch oder ins Museum gehen würde. Und dass sie gern einen Tanzkurs mit ihm belegen möchte. „Ach, Häschen, es ist doch alles super, wie es ist!“ hatte David geantwortet. Dann hatte er weiter Formel 1 geschaut.

‚Sie dürfen die Probleme in Ihrer Partnerschaft nicht schönreden. Wenn der erste Freudentaumel vorbei ist, wird eine Beziehung zu harter Arbeit. Halten Sie die Leidenschaft am Pulsieren. Überraschen Sie Ihren Partner. Kaufen Sie reizvolle Unterwäsche. Haben Sie keine Scham. ‘

Auch das hatte leider nicht die gewünschte Wirkung gezeigt… David hatte zuerst gedacht, Carola sei krank, als sie ihn am frühen Abend ins Schlafzimmer rief. Als er sie dann in der tiefroten knappen Wäsche sah, war er schon schnell aus seinen Klamotten draußen, aber danach auch genauso schnell wieder drin. „Sorry, Häschen, ich bin doch um Acht mit den Jungs verabredet.“ Carola hatte den Abend dann mit einer großen Salami-Pizza und einem Liter Cola Light vor dem Fernseher verbracht.

‚Hören Sie auf Ihren inneren Klabautermann. Ein Klabautermann ist ein guter Kobold, der auf Segelschiffen durch Klopfen vor Schäden warnt. Wenn Ihr innerer Klabautermann klopft, dann prüfen Sie, ob die Schäden an Ihrer Beziehung noch zu reparieren sind. Wenn nicht, dann ziehen Sie einen klaren Schlussstrich. Das Reinigungsritual auf Seite 43 hilft Ihnen dabei. Leckere und gesunde Rezepte bei Liebeskummer finden Sie ab Seite 61. ‘

Mit der kleinen Schaufel, mit der sie auch die Balkonpflanzen ein- und umtopfte, stocherte Carola in den glimmenden Resten im Eimer. Der Stoffhase war nun ein unförmiger Kohleklumpen, der Rest nur noch Asche. Carola fühlte sich traurig, leer, enttäuscht. Aber irgendwie auch erleichtert. Sie ging hinein ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher an. Gleich kam ihre Lieblingsärzteserie. In der Küche holte sie schnell den selbstgemachten Magerquark mit Früchten aus dem Kühlschrank. Aus dem Gewürzregal nahm sie den Vanillezucker.

‚Streuen Sie ein klein wenig Vanillezucker über den Quark, kurz bevor sie ihn genießen. Das macht eine Extraportion gute Laune! ‘

So stand es jedenfalls in der Frauenzeitschrift.

So geht es weiter…

Auf der Terrasse

Kleine Perlen aus Schweiß erschienen auf Herberts Stirn und nacktem Oberkörper. Bald würden sie sich zu größeren Tropfen zusammenfinden. Schließlich würden von der Schwerkraft angetriebene kleine Flüsse entstehen. Spätestens dann würde es Herbert zu heiß werden und er würde aufstehen müssen, um die Markise auszufahren. Doch kein Grund zur Panik, bis dahin war noch Zeit. Noch musste Herbert seinen Liegestuhl nicht verlassen. Entspannt blinzelte er der Sonne entgegen. Diese Ruhe, diese Stille. Herrlich! Es gab doch nichts Schöneres als einen Urlaubstag auf der eigenen Terrasse. Herbert fühlte sich wohl inmitten der fein gepflegten Blumentöpfe und dem selbst gezogenen Gemüse. Für Pflanzen hatte Gerlinde wirklich ein Händchen. Es hieß ja immer, man solle mit seinen Pflanzen sprechen, dann würden sie besonders gut gedeihen.

Da hörte Herbert die Haustür ins Schloss fallen. Eine Sekunde später: „Herbert, ich bin zu Hause!“ Herbert schloss die Augen. „Heerbeert! Wo bist du denn?“ Herbert sank ein Stückchen tiefer in die Polsterauflage. Die Terrassentür knarzte leise, als sie geöffnet wurde. „Ach, hier bist du!“ Gerlinde hatte ihn gefunden. „Ich bin jetzt wieder zu Hause.“ Sie setzte sich auf den Gartenstuhl neben Herberts Liege.

„Ich sag’s dir, Herbert, das ist ja so eine Hitze, und das noch im September. Ich bin auf dem Platz eben beinahe verglüht. Tanja hat mich ganz schön herum gescheucht. Ich sag dir, die hat heimlich Trainingsstunden genommen. Sonst weiß ich nicht, wie sie innerhalb von vier Wochen ihren Aufschlag so präzise gemacht hat. Ich bin ganz schön außer Puste gekommen. Ja, ja, Sport ist Mord, sagst du immer. Aber ich sag dir, ein bisschen Bewegung würde dir auch nicht schaden, mein Guter. Du Herbert, stell dir vor, die Tanja hat schon wieder eine neue Putzfrau. Die alte war einfach nicht gründlich genug, meint die Tanja. Da hätte sie es auch gleich selbst machen können. Die Tanja ist immer nochmal drüber, wenn die dagewesen ist. War eine Russin. Jetzt hat sie eine Thailänderin, die sollen ja so reinlich sein. Na ja, da muss man jetzt erst einmal sehen, wie das läuft. Ich sag dir, Herbert, wir sollten auch nochmal drüber nachdenken, ob wir nicht doch eine Putzhilfe einstellen wollen. Ich hab ja so viel Arbeit mit dem Haus. Was meinst du, Herbert? Herbert? Hörst du mir überhaupt zu?“

Herbert öffnete langsam die Augen und sah Gerlinde an. „Und Herbert, was denkst du?“ Herbert dachte: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.“ Aber er sagte nichts.

„Das Mädchen könnte ja auch in der Küche zur Hand gehen, zum Beispiel, wenn wir Gäste haben. Ich wäre viel entspannter, wenn nicht alle Last auf meinen Schultern wäre. Ich sag dir, Herbert, das ist immer so ein Stress für mich.“

Herberts Blick schweifte über die blühenden Geranien, die Knospen der Astern und blieb an den ersten reifen Kirschtomaten hängen. Sie waren in Herberts Reichweite.

„Weißt du noch, als deine Geschäftspartner aus Österreich vor ein paar Monaten hier waren? Ich stand schon Tage zuvor in der Küche und an dem Abend hatte ich keine ruhige Sekunde. Du bist bei so etwas ja auch gar keine Hilfe. Genauso war es dama…“

Eine appetitlich rote Kirschtomate hatte den Redestrom gestoppt.

„Wozu Tomaten doch gut sein können“, dachte Herbert und schloss wieder die Augen.

Da lag er nun

Da lag er nun also vor ihr auf dem Tisch. Nur mit Mühe hatte sie ihn vom Finger bekommen. Dabei hatte sie ihn gar nicht lange getragen, gerade einmal sechs Monate.

Sie betrachtete ihn, als sähe sie ihn zum allerersten Mal. Ein schmales Band aus Platin, ein nicht eben kleiner, aber auch nicht zu protziger Diamant, kunstvoll gefasst.

Überglücklich war sie, als Robert ihr den Ring vor einem halben Jahr angesteckt hatte, Momente nachdem sie auf die Frage aller Fragen mit „Ja“ geantwortet hatte. Ihre Freundinnen bewunderten den Verlobungsring und ihr war klar, dass einige neidisch waren; ihr die gute Partie missgönnten.

„Eine angesehene Familie ist das, in die du da einheiratest, mein Kind, eine sehr angesehene Familie“, hatte ihr Onkel Egon stolz verkündet, als sie ihm den Ring zeigte.

Ja, eine angesehene Familie. Mit Stil, mit Tradition, mit Regeln. Die Bemerkungen von Roberts Mutter hatte sie zuerst nicht allzu ernst genommen. Doch dann, vor gut zwei Wochen, hatte sie am Sonntagnachmittag beim Tee erwähnt, dass sie sich nun mit ihrem Doktorvater auf das genaue Thema ihrer Dissertation geeinigt hatte.

Sie sah den Blick, den Roberts Mutter ihm zuwarf. „Aber meine Liebe , wozu das noch? Bald werden deine anderen Pflichten dich vollkommen ausfüllen. Sicher haben Robert und du das bereits abschließend besprochen.“

Sie war sprachlos gewesen. Robert hatte seine Mutter mit unverfänglicher Zustimmung beruhigt. Mehrmals hatte sie danach versucht, mit Robert über das Thema zu sprechen. Immer hatte er abgeblockt, sie vertröstet. Das werde sich schon alles finden, wenn sie erst einmal Mann und Frau seien.

Lange hatte sie mit sich gerungen. Ihr Vertrauen zu Robert hatte den Kampf verloren. Beherzt nahm sie den Ring, ging hinüber zum Fenster und öffnete es. Straßenlärm drang in den sechsten Stock herauf. Sie spürte den Ring in ihrer geschlossenen Hand. Dann holte sie aus. Als sie ihn aus dem Fenster geworfen hatte, ging es ihr besser.

Doch das war erst der Anfang. Sie musste mit Robert sprechen. Sie ging zum Telefon.

Ihre Hand war ruhig, als sie nach dem Hörer griff.