Archiv der Kategorie: Gedanken aus der Besteckschublade

Das Ende der Welt

Für Hunderttausende von Menschen in Japan, vor 10 Tagen. Das Ende der Welt. Und es wird dauern, bis die Überlebenden beginnen können, sich eine neue aufzubauen.

Bisher unbekannte oder sonst eher seltene Begriffe begleiten uns seitdem täglich: Fukushima, Super-GAU, Kernschmelze, Restrisiko, Moratorium. Zur Sicherheit wird die Sicherheit unserer sicheren AKWs überprüft – erneut oder überhaupt? Da bin ich mir jetzt nicht ganz sicher…  Auf jeden Fall steht die Sicherheit der Bevölkerung bei den deutschen Politikern an erster Stelle. Prima, dass das so deutlich gesagt wurde… Ich hätte sonst beinahe geglaubt, Lobbyismus zum Zwecke des Machterhalts hätte diese Position fest in Beschlag.

Na gut, man kann sich ja mal irren. Irren ist schließlich menschlich. Und Atomkraftwerke sind von Menschen gebaut und werden von Menschen betrieben. Das allein macht die Sache für mich schon klar – ganz ohne Moratorium.

Ohne Wirklichkeit stirbt die Phantasie

Ohne Wirklichkeit stirbt die Phantasie. Den Satz hab ich gestern Abend gelesen, im Roman „Das verborgene Wort“ von Ulla Hahn. Ein feiner Satz aus einem tollen Buch, über das noch berichtet wird.

Der Satz fiel mir heute wieder ein, als ich mit zwei Packungen Rispentomaten, einem Topf Basilikum und den ersten Erdbeeren des Jahres die Stufen zu meiner Wohnung hochging. Mir stieg der Duft der Erdbeeren, des Basilikums und der Tomaten in die Nase…

Wunderbare Wirklichkeit.

Alles ist neu

Diesmal war ich noch weniger in Weihnachtsstimmung als sonst – und das will was heißen. Aber wie soll man auch in heimelige Gefühlsduselei verfallen, wenn grade alles was man tut, neu und unbekannt ist? Also zumindest das, was man tagsüber auf der Arbeit tut.

Mein neuer Job ist neu – und das ist gut so, das wollte ich ja. Ich hab’s auch wirklich gut erwischt. Nette und hilfsbereite Kollegen erleichtern den Einstieg in den Konzern-Dschungel und glücklicherweise habe ich ausreichend Zeit und Raum, in meine Aufgaben reinzukommen.

Was sich allerdings ganz komisch anfühlt: Ich bin plötzlich der Neuling, der von nichts eine Ahnung hat und der sich alles von Grund auf erarbeiten muss. Außerdem fehlt mir der Rhythmus; ich merke, wie ineffizient ich oft bin. In meinem alten Job war ich routiniert, war der alte Hase, der alles kannte und wusste und dafür auch sehr geschätzt wurde.

Der große Vorteil an der neuen Situation: Die Lernkurve ist enorm steil, man spürt die Verbesserung quasi jeden Tag – und das ist ein richtig schönes Gefühl, das ich so schon lange nicht mehr erlebt habe.

Im neuen Jahr gilt es also, mich im neuen Job zu etablieren. – Ich hab Lust und freu mich drauf.

Vielen Dank übrigens an alle für die guten Wünsche, darüber freue ich mich sehr!

Und wer vielleicht keinen neuen Job hat, aber trotzdem die Dinge neu entdecken will, kann sich das mal anschauen:

Herbstbilanz

Einen guten Monat früher als üblich werfe ich einen Blick aufs fast vergangene Jahr 2010 zurück…

Mein Hobby Schreiben hat nach noch mehr Raum verlangt – und ich habe diesen gerne eingerichtet. Seit März nehme ich an einem Fernstudium für Autoren (v.a. solche, die es werden wollen) teil. Es gibt ganz klassisch gedruckte Studienhefte mit Lerninhalten und Übungen sowie Einsendeaufgaben, die von erfahrenen Autoren beurteilt werden. Bisher bin ich mit dem Konzept recht zufrieden – auch wenn ich weniger schnell vorankomme als vorgesehen…

Richtig stolz bin ich darauf, dass eine meiner Geschichten von einem Verlag entdeckt und in deren Kalender für die Adventszeit abgedruckt wurde. Berühmt bin ich deswegen natürlich nicht – aber viele Große haben einmal klein angefangen. 🙂

Und dann noch das größte Ereignis, der Auslöser dieses Eintrags: Nein, ich bin nicht schwanger. Wer will nochmal raten? … Ich wechsle den Job. Nach über acht Jahren bei einer kleinen aber feinen Agentur gehe ich in den Konzern, und zwar in den mit S am Anfang und am Ende. 

Es kam dazu durch das Zusammentreffen von: Hunger auf Neues; nur vage Aussicht auf signifikante Weiterentwicklung im alten Job; dem Wunsch nach weniger Arbeitszeit und – natürlich – der passenden Gelegenheit. Ab 01.12. bin ich also an einer neuen Wirkungsstätte tätig. Ich bleibe in meiner bisherigen Stadt, wandere dort nur ein Stück in Richtung Süden.

Die vermehrte Freizeit durch den neuen Job will ich wiederum ins Schreiben investieren… und so schließt sich der Kreis.

Mein Fazit für 2010: Generativität endet nicht zwangsläufig im Kreißsaal 😉

Orient für Anfänger: Eindrücke aus Istanbul

Blick zum Galataviertel

Kurzurlaub Anfang September…

Es ist laut und lärmig, betriebsam, geschäftig, gedrängelt. Eine wundersame Ordnung hält jedoch alles im Fluss.

Düfte und Gerüche überall, bei jedem Schritt ein anderer: Menschen mit und ohne Parfüm, Gewürze, Gebratenes und Gegrilltes, Obst, Tee, Kaffee, Autoabgase, Dreck, der Bosporus.

Große Einkaufsstraßen und steile alte Gassen, prächtige Fassaden neben abbruchreifen Bauten. Leckeres Essen, auch authentisches, es gilt das Sprichwort mit den Römern in Rom. Der türkische Kaffee ein würdiger Abschluss eines jeden Mahls.

Vorsicht, nicht im Wirrwarr des Basars verloren gehen und nicht lauter Dinge kaufen, die du nicht brauchst, obwohl sie schön aussehen oder gut riechen.

Unvertraute und deshalb märchenhafte Geschichte, Paläste aus Tausendundeiner Nacht, bunt, üppig, anders, faszinierend, wunderschön.

vor der MoscheeMein erster Schritt in eine Moschee hinein, mit nackten Füßen, das gefällt mir. Ich spüre eine ehrfürchtige Ruhe in mir, wie auch in großen christlichen Kirchen. Vieles ist hier anders als im Christentum, aber ich sehe auch Ähnlichkeiten – gute wie schlechte.

Was noch? Geschäftstüchtige Schirmverkäufer und Bootsbesitzer; Mengen an gepflegt und gesund wirkenden Straßenkatzen; die freundliche Frau im Bäckerladen, die einmal mehr beweist, dass Sympathie keine Worte braucht.

Gerne komme ich einmal wieder.

Ein Blick zurück… Schwimmen auf Noten

Zur Abwechslung hier eine Anekdote aus meiner Schulzeit. Achtung: Diese Geschichte ist wahr! 🙂

***

Mit zittrigen Knien, einem Knoten im Magen und bibbernd vor Kälte stand ich auf dem Startblock des Schwimmbeckens meiner Schule. Nichts fürchtete ich so sehr wie den Startpfiff – und gleichzeitig sehnte ich ihn herbei. Wenn doch nur schon alles vorbei wäre…

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Das „Erste-Mal-dieses-Jahr“-Wochenende

Das wunderbare Sonnenwetter macht dieses Wochenende zu einem besonderen:

Am Freitag den ersten Spargel des Jahres gegessen, direkt eingekauft an einem Straßenstand des Herstellers.
Samstagabend das erste Mal auf dem eigenen Balkon gegrillt und draußen gegessen.
Heute Mittag das erste Mal gleich mit der kurzen Trainingshose zum Fitness-Studio geradelt und nachmittags nach dem Duschen die Haare in der Sonne trocknen lassen.
Grade eben draußen geschrieben, mit Blick ins Grüne und die ruhige Wohngebietsstraße.

Und das ist erst der Anfang. Ich freu mich drauf!

I’d be lying if I said…

…I was completely unscathed. Die erste Zeile aus einem meiner liebsten Lieder von Alanis Morissette. Und rückblickend eine treffende Charakterisierung für das just zu Ende gegangene Jahr.

Das heißt nicht, dass mir nur Schlechtes widerfahren wäre – ganz und gar nicht. Doch es gab einige fundamentale Veränderungen, deren kurzfristige Auswirkungen mich davon abgehalten haben, mich mit der emotionalen Tragweite angemessen auseinanderzusetzen. Das passiert erst jetzt ganz allmählich, und das ist gut so. Es wird noch eine Weile dauern.

Es war eine schöne Erfahrung, dass ich mir nicht allein den Weg durch den Tumult bahnen musste. Viele Menschen standen mir bei – allen voran derjenige, der sich getraut hat, ganz nah neben mir mit mir zu gehen. Danke dafür.

Und gerade recht, um mich mit dem insgesamt schreib-mageren Jahr zu versöhnen, kamen die durchweg positiven und ermunternden Rückmeldungen aus der Schreibwerkstatt. Das hat richtig gut getan.

Pläne für 2010? Weniger Stress haben als 2009, mindestens genauso viel reisen, mehr schreiben und lesen, ab Februar „Kamron und der Schattenmagier“ hier veröffentlichen. Und weiter heilen.

Was man so am Wochenende machen kann: Schreibwerkstatt (1)

Den Grundstein für mein Schreib-Hobby hat Ende 2005 ein Volkshochschulkurs mit dem Titel „Wochenend-Schreibwerkstatt: Lust zu schreiben hätte ich schon…“  gelegt. Nach vier Jahren war es nun an der Zeit, den Kurs ein zweites Mal zu besuchen. Die gleiche Kursleiterin, teilweise die gleichen Teilnehmer – und der gleiche Effekt: Begeisterung, Motivation, Freude über das eigene Werk und das der anderen.

Drei Texte sind an diesem Wochenende entstanden, die ich teilen möchte. Hier der erste. Entstanden in einer literarischen „Schnitzeljagd“. Folgende Wörter sollten in der genannten Reihenfolge in den Text eingearbeitet werden:

  • vereisen
  • Brüderchen
  • splitternackt
  • kläffen
  • Zwerg
  • Zaunkönig
  • Standpauke
  • stockfinster
  • Schädel
  • Dreivierteltakt

Alle Teilnehmer hatten dieselben Wörter als Vorgabe. Doch keine Geschichte glich der anderen. Hier kommt meine. Vorsicht, nichts für schwache Nerven!

Sie rennt durch den Wald. Schnell, schnell, bloß nicht stehen bleiben! Der Anblick hat sich in ihrem Kopf vereist: Das Brüderchen splitternackt auf dem kalten Boden. Die dünnen Gliedmaßen merkwürdig verdreht. 

Carlo kam angerannt. Hat gar nicht mehr aufgehört zu kläffen. 

Das Brüderchen auf dem Boden klein wie ein Zwerg. So zart wie der Zaunkönig, den sie gestern gesehen haben. Stolz hat sie den Kinderwagen durchs Dorf geschoben.

Vor einer Standpauke der Eltern fürchtet sie sich nicht. Keine Standpauke der Welt wird ausreichen für ihre Schuld.

Schnell, immer schneller rennt sie durch den stockfinsteren Wald. Doch das Bild in ihrem Schädel rennt mit. Dabei hat sie gar nichts Böses im Sinn gehabt. Nur tanzen wollte sie mit dem Brüderchen – im Dreivierteltakt.

Gerne bin ich Deutsch

Als ich kürzlich wieder einmal Berlin besucht habe, dachte ich bei mir: Wir haben eine würdige Hauptstadt. Weltoffen, monumental, bedeutsam und in mancher Hinsicht so schön dreckig.

Da wurde mir bewusst, wie stark sich in den letzten Jahren mein Selbstverständnis als Deutsche gewandelt hat. Vor einigen Jahren war es mir eher unangenehm, Deutsche zu sein. Und das lag nicht nur am großen Übel Drittes Reich. Tugenden wie Fleiß und Pünktlichkeit fand ich langweilig; kulturelle Exportschlager wie Bier und fetten Schweinsbraten eklig.

Lieber wollte ich mich ausschließlich als Europäerin verstehen. Heute sehe ich mich als deutsche Europäerin. Werde ich im Ausland gefragt, sage ich gern, dass ich aus Deutschland komme. Ich will absichtlich nicht sagen, dass ich stolz bin, Deutsche zu sein. Stolz sein sollte man auf Dinge, die man aus eigener Kraft geschaffen oder erreicht hat.

Ein großer Meilenstein war tatsächlich die Fußball-WM 2006. Dieses Sommermärchen hat die Wahrnehmung der Deutschen auf der ganzen Welt verändert. Schau einer an, die Deutschen können also auch ausgelassen feiern und Gäste friedlich willkommen heißen.

Das Bild Deutschlands ist in den letzten Jahren facettenreicher geworden, auf globaler Ebene und auch für mich ganz persönlich. Als Deutsche bin ich jetzt selbstbewusst – meiner selbst bewusst. Und das ist auch gut so.