Archiv der Kategorie: Geschichten

Ruhe und Frieden (Püppi ist platt)

Diese Ruhe, wunderbar. Roland, diese Ruhe, die würde auch dir gefallen. Du hast dich ja noch viel mehr über den Kläffer aufgeregt als ich. Die Krause hat das kalt gelassen. Ihr Püppi stand über allem, selbst über guter Nachbarschaft.
Wie sie vorhin auf die Straße gerannt ist, das hättest du sehen sollen! Völlig hysterisch war sie: Püppi, mein Püppi!

Weißt du noch, wie sie sonntags im Sommer Püppi auf der Terrasse gebadet hat? Jeden Sonntag Punkt 10.00 Uhr. Und wir hatten keine Ruhe mehr an unserem Frühstückstisch. Dieses Gejaule, dieses Gezeter. Püppi, sei ein braves Püppi. Nein, Püppi, nein, nein, nein!

Erinnerst du dich, Roland, wie du einmal hinüber geschrien hast: Am siebten Tage sollst du ruhen, verdammt nochmal! Das hat die Krause nicht kapiert. Püppi auch nicht. Jetzt ist Püppi platt. Diese riesigen Geländewagen haben ihr Gutes. Wie die Krause geheult hat. Fast hat sie mir leidgetan. War wirklich kein schöner Anblick.

Aber dann musste ich wieder daran denken, wie Püppi sich damals beinah in deine Wade verbissen hat. Zum Glück hat das Biest nur den Hosenstoff erwischt. Sie müssen Püppi provoziert haben. Provoziert, von wegen! Ich habe bewundert, dass du in der Situation so beherrscht geblieben bist, Roland.

Ach, diese Ruhe! Wenn du doch nur hier wärst, um sie mit mir zu genießen, Roland.

Der Autofahrer war ganz schockiert, der hat sich andauernd entschuldigt bei der Krause. Der kann nicht wissen, wie nervtötend Püppi war. Der Tierarzt hat Püppi dann mitgenommen. Meinst du, Püppi bekommt ein richtiges Begräbnis, mit Holzsarg und Totenglöckchen?

An deinem Begräbnis war es grau und hat geregnet. Sonnenschein hätte ich nicht ertragen. So viele Leute waren da, das hat mir irgendwie geholfen. Auch die Krause war da. Ohne Püppi. Am Tag danach hat mir die Krause Kuchen und Obst gebracht. Fürs Gemüt und die Gesundheit, hat sie gesagt. Eigentlich ganz rührend, nicht wahr?

Jetzt ist die Krause ganz allein, wie ich. Wie still es drüben ist. Fast unheimlich. So still, Roland, so still. Was meinst du, soll ich vielleicht bei der Krause klingeln und fragen, wie es ihr geht? Ich nehme eine gute Flasche Wein mit, von dem Roten, den wir beide im letzten Urlaub gekauft haben. Vielleicht möchte Frau Krause ja ein wenig Gesellschaft.

Im Seniorenheim

Als Herr Benjamin den Speise- und Aufenthaltsraum betrat, war er zunächst erleichtert: Frau Walter war nirgends zu sehen. Neben dem Fenster saß Frau Müller in ihrem Rollstuhl und schnarchte friedlich. An einem Tisch spielten Frau Rettich und Frau Pfister Karten. Und ganz hinten, in der Ecke neben der Yucca-Palme, saß Frau Linde. Immer, wenn Herr Benjamin Frau Linde sah, war ihm, als husche ein Sonnenstrahl über sein Gesicht. Frau Linde las in der Zeitung, ihre übergroße Brille ganz vorne auf der Nase sitzend.

„Frau Linde, darf ich mich zu Ihnen gesellen?“, fragte Herr Benjamin höflich. „Gerne, mein Lieber“, antwortete Frau Linde und zeigte auf den leeren Stuhl neben sich. Herr Benjamin nahm Platz und verrückte dabei den Stuhl, wovon Frau Müller aufwachte. Verärgert knurrte sie: „Immer diese Dudelei! Macht die Dudelei aus!“

„Seien Sie nicht so zimperlich, Frau Müller!“, erwiderte Frau Rettich, bevor sie triumphierend ausrief: „Mau Mau!“ und ihre letzte Karte ablegte.

„Mau vergessen“, sagte Frau Pfister, ebenso triumphierend. „Nun werden Sie mit Karten überschwemmt, meine liebe Frau Rettich!“ Widerwillig nahm Frau Rettich alle Karten vom Stapel in die Hand. Frau Müller schnarchte schon wieder. Weiterlesen

Carolas Traum oder: Jetzt oder nie

Carolas Suche, Teil 12
Was zuvor geschah

„Das neue Büro ist in North Bay, Ontario, Kanada. Und du gehst mit mir dorthin, Carola. Ans Ende der Welt!“ Nick lachte laut. „Als Vice President arbeite ich von früh bis spät und du hockst zu Hause. Am Ende der Welt! Hahaha!“ Nicks Gelächter überschlug sich und er wischte sich Lachtränen aus dem Gesicht.

Carola blickte auf die Visitenkarte in ihrer Hand. Die Karte hatte Feuer gefangen und würde gleich Carolas Finger verbrennen. Carola ließ die Karte fallen und stieß beim Aufstehen ihren Stuhl um. Sie blickte um sich. Die anderen Gäste im Chez René aßen, tranken und unterhielten sich, als wäre alles in bester Ordnung.

Carola begann zu laufen, doch sie kam nicht recht voran. Da bemerkte sie, dass sie ein bodenlanges Brautkleid trug, bestickt mit weißen Rosen. Endlich erreichte Carola eine Tür und drückte sie auf. Es war die Tür zur Küche. Dort stand der schnurrbärtige Chefkoch, ein blitzendes Fleischermesser in der Hand. Weiterlesen

Wenn heute Nacht der Tod an deine Türe klopft, was wirst du tun?

Werden deine Augen ihn ungläubig betasten, obwohl deine Seele ihn gleich erkennt? Wirst du starr sein vor Schreck, wie die junge Kohlmeise, die das geschlossene Fenster nicht vom Himmel unterscheiden konnte?

Wird dein Herz rasen? Dein Mund trocken sein? Wirst du die kalten Schweißperlen von der Stirn wischen oder sie die Schläfen herabrinnen lassen? Wird ein Schrei den Weg nach draußen finden oder stumm bleiben?

Wirst du in die Ecke kriechen? Dich mit den Händen schützen vor dem harten Schlag? Hoffst du, er wird dich übersehen? Wirst du flehen, betteln, weinen? Glaubst du, Tränen rühren ihn?

Wirst du feilschen, um Jahre, Wochen, Monate? Wirst du all die Dinge vorbringen, die du noch zu tun hast in dieser Welt? Wirst du zweifeln an der Richtigkeit? Wirst du den Tod zum Nachbarn schicken?

Wirst du wünschen, du hättest andere Wege eingeschlagen im Leben? Mehr von den geraden? Oder den gewundenen? Wirst du bereuen? Deine Lügen, deine Eitelkeit, deinen fehlenden Mut?

Wirst du begreifen, dass du machtlos bist? Wirst du den Blick senken und schweigen? Oder wirst du aufbegehren, laut werden, kreischen, schreien, wüten, ohne Rücksicht, ohne Furcht?

Wird es dich trösten, dass der Tod dich von zu Hause holt, und nicht in einem Flugzeug, das brennend in die Tiefe stürzt? Nicht in der Fremde, nicht auf der Flucht. Nicht siechend auf dem Krankenbett. Nicht in einem dröhnenden Krieg, nicht in einem Folterkeller.

Wirst du sogar erleichtert sein, weil du schon so lange auf ihn gewartet hast? Weil du für deine Last keine Linderung und auch nirgends ein Transportmittel finden konntest. Wirst du ihm zuflüstern, mit einem Lächeln im Gesicht: Erlöse mich.

Wirst du erkennen, dass dein Leben einfacher, sicherer, reicher war das das der meisten Menschen? Wirst du dankbar sein für die Privilegien, die du hattest? Wirst du spüren, dass dein Leben gelungen ist? Wirst du dich frei machen? Wirst du loslassen? Wirst du in Ruhe mit ihm gehen?

Wenn heute Nacht der Tod an deine Türe klopft, was wirst du tun?

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Mein Beitrag zum E-Book-Projekt Tausend Tode schreiben des Frohmann Verlags Berlin
Twitter: #1000tode

Partizipien-Lyrik – inspiriert von Hans Manz

Feierabend
Durchgeatmet
Umgezogen
Was aufgewärmt
Leicht angebrannt
Korken gezogen
Vollgeschenkt
Hingelümmelt
Ausgetrunken
Eingenickt
Aufgeschreckt
An dich gedacht

~

Alptraum
Gerannt
Gejagt
Gehetzt
Gestürzt
Getroffen
Geschrien
Aufgeschreckt
Verwirrt
Erleichtert

– mehr über Hans Manz auf Wikipedia

Am Ende einer Nacht

„Wie konnte ich nur so naiv sein zu glauben, er wäre anders als die anderen?“, dachte Helen auf dem Weg zum Taxistand. Ihr Schritt war schnell, so schnell er sein konnte, in ihren hochhackigen Sandalen auf dem Kopfsteinpflaster der Altstadt.

„Wann begreife ich, dass ich in einer Bar niemals den Mann fürs Leben finden werde?“ Helen zog ihre Bolero-Jacke fest an sich und verschränkte die Arme, um sich zu wärmen. Die milde Julinacht war frisch geworden, jetzt, kurz vor Sonnenaufgang.

„Und wann, wann endlich, werde ich lernen, nicht mit einem Kerl gleich nach Hause und ins Bett zu gehen? Egal, wie charmant und witzig er scheint!“ Helen schüttelte den Kopf über ihre eigene Dummheit. Weiterlesen

Wird er fragen oder nicht?

Carolas Suche, Teil 11
Was zuvor geschah

Unschlüssig stand Carola vor dem Kleiderschrank. Was sollte sie nur anziehen? Nick hatte sie ins „Chez René“ eingeladen, das teuerste Restaurant der Stadt. Als Carola erstaunt nach dem Anlass gefragt hatte, war Nicks kurze Antwort gewesen: Eine Überraschung! Dazu sein leuchtendes Lächeln.

Das war vor drei Tagen gewesen und seitdem war Carolas Kopf nicht mehr zur Ruhe gekommen. Konnte es sein? Würde er fragen? War es nicht viel zu früh? Was würde Carola antworten, sollte Nick tatsächlich fragen? Weiterlesen

Nebelspiel

Widerwillig klappte der alte Mann den Geigenkasten zu. Mit grimmiger Miene zog er sein wollenes Jackett über und setzte die Mütze auf. Stampfenden Schritts verließ er das Haus, den Geigenkasten fest in der Hand. Er war so wütend auf Hubert, diesen Trottel!

Es war früh am Morgen, ganz früh. Der Nebel, feucht und kalt, würde später der Sonne weichen. Jetzt noch nicht.

Nichts als Ärger hatte er mit Hubert, nichts als Ärger. Mitten in der Nacht musste er raus, wegen Hubert. In die Kälte, in den Nebel. Plötzlich standen ihm Tränen in den Augen, bestimmt vom Nebel, und er setzte die Sonnenbrille auf.

An der vertrauten Stelle im Stadtpark angekommen, nahe der Holzbank inmitten wilder Blumen, nahm er die Geige aus dem Kasten und begann zu spielen. Er wusste genau, welche Lieder Hubert gefielen. Nach über 40 Jahren Freundschaft kein Kunststück.

Der alte Mann spielte eine wehmütige Melodie, die Parkbank im Blick. Hubert und er hatten hunderte, ach, tausende Male darauf gesessen. Geredet, geschimpft, gelacht hatten sie auf dieser Bank, fast täglich. Glückliche Momente.

Genau wie die Bank waren auch Hubert und er im Lauf der Jahre verwittert. Aber sie waren immer noch da gewesen. Nun fehlte Hubert. Hubert hatte es gewagt, zuerst zu sterben. Dieser Trottel!

Die Wut packte den alten Mann noch einmal und er spielte schief. Dann ließ er die Tränen laufen und sein Spiel wurde fließend, sanft. So klang es richtig und er wurde ruhig. So würde er heute Mittag spielen, im Sonnenschein nach dem Nebel. So würde er heute Mittag spielen, auf dem Friedhof. So würde er sich von Hubert verabschieden.

Ode an mein Fahrrad

Noch bevor die Lampen in der Tiefgarage Dich beleuchten,
kann ich Dich sehen, mein guter Freund.

Ein Meisterwerk der Mechanik, das bist Du,
aber ich sehe noch viel mehr.

Dein Gestänge aus stolzem Blau,
Deine Reifen aus starkem Schwarz,
Deine Vorderlampe, strahlend hell in dunkler Nacht,
Deine Rückleuchte, kräftig rot – mit Standlichtfunktion.

Viel mehr als ein Fahrrad bist Du,
viel mehr als ein bloßes Fortbewegungsmittel.

Du bist mein treues Ross,
das mich ins Turnier trägt,
das mir Frohsinn gibt
und Lebenslust.

Wenn die Lampen in der Tiefgarage Dich beleuchten,
sehe ich, dass das Blau an mancher Stelle von Schmutz bedeckt ist.

Wenn ich aufsitze, spüre ich,
dass die Reifen neue Luft brauchen.

Wenn ich losfahre, höre ich
das leise Quietschen der Kette.

Mein guter Freund, ich weiß,
meine Fürsorge könnte größer sein.
Meine Liebe jedoch nicht.

Liebesmüh

Siebzehn, Achtzehn, Neunzehn. Genug. Neunzehn Tropfen Holunderblut standen im Rezept. Guillaume wischte sich die Hand, mit der er die überreifen Holunderbeeren ausgequetscht hatte, an einem fleckigen Tuch ab. Was fehlte noch? Guillaume warf einen Blick auf den unscheinbaren Zettel, auf den die alte Wahrsagerin die Zutaten und Zubereitung des Liebestrankes geschrieben hatte. „Madame Rubina, die Große“ hatte auf ihrem Zelt gestanden, in dem sie zusammen mit einem kleinen Zirkus letzte Woche in den Ort gekommen war.

Es fehlten nur noch drei Haare aus dem Schnurrbart eines glatzköpfigen Junggesellen. Für Guillaume, den ersten Friseur am Platz, war es ein Leichtes gewesen, an diese Zutat zu kommen. Seit über zwanzig Jahren kam Monsieur Pommier in Guillaumes Laden. Verheiratet war Monsieur Pommier nie gewesen und im Lauf der Jahre war sein Haupthaar entschwunden. Sein dunkler Schnauzer jedoch spross kräftiger denn je und so ließ er ihn jeden zweiten Tag von Guillaume stutzen.

Zitterhändig steckte Guillaume die Barthaare in das Fläschchen aus braunem Glas, verschloss es fest mit einem Korken und schüttelte kräftig. Dabei drehte er sich gegen den Uhrzeigersinn um sich selbst und zählte bis Einundfünfzig, aber nur die ungeraden Zahlen. Danach hielt er das Fläschchen fest in beiden Händen und flüsterte den Zauberspruch von Madame Rubina: „Soll die Liebe ewig brennen, musst du nur den Funken kennen. Zur Flamme wird der Funken, sobald das Fläschchen ausgetrunken.“

Guillaume sah Marie vor sich, wie sie das Fläschchen genussvoll leerte und ihn danach voller Begehren ansah. „Meine Schöne, meine Schönste, Schönste im Dorf, Schönste im ganzen Land“, murmelte Guillaume. Mit flattrigen Händen wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Traumversunken wollte er gerade die Öllampe löschen, da öffnete sich langsam die Tür zu der Kammer, in der Guillaume saß und die sich hinten im Friseurladen befand.

„Monsieur Guillaume?“, fragte eine zarte Stimme.

Guillaume erschrak und verbarg das Fläschchen hinter seinem Rücken. Die Tür ging ein Stück weiter auf. Der zarten Stimme folgte ein ebenso zartes Gesicht, aus dem seegrüne Augen leuchteten.

„Monsieur Guillaume, der Laden ist sauber. Ich habe gekehrt und geputzt. Auch Ihre Scheren und Kämme.“

„Marie, Sie sind ein Schatz.“

Marie lächelte schüchtern. Guillaume sah sie vor sich, mit offenem krauslockigen Haar, wie sie barfuß durch eine Sommerwiese lief. Wie sehr er sich wünschte, ihren Nacken zu kraulen!

„Marie, Sie sind bestimmt durstig nach der vielen Arbeit! Möchten Sie ein Glas Wein? Ich nehme auch eines.“

Marie errötete. „Oh, Monsieur Guillaume, das würde sich nicht schicken. Sie und ich… Nein, das geht nicht.“

Guillaume spürte einen kleinen Stich. Marie zögerte, setzte an, noch etwas zu sagen.

Guillaume ermunterte sie: „Ja, Marie?“

„Monsieur Guillaume, ich wollte es Ihnen schon längst gesagt haben, aber mir fehlte der Mut.“

Hoffnung keimte in Guillaume: „Ja?“

„Ich… Ich werde hier nicht mehr arbeiten können. Morgen ist mein letzter Tag. Mein Verlobter… Wir werden bald heiraten, sehr bald schon… Er sagt, es gehört sich nicht für seine Braut, bei einem Friseur zu arbeiten… Es tut mir aufrichtig leid! Sie müssen sich jemand anderen suchen.“

Bevor Guillaume antworten konnte, war Marie schon davon gelaufen. Er blieb zurück, mit dem Zaubertrank in Händen und einem brennenden Stachel im Herzen. Guillaume hielt seine Tränen nicht zurück.