Der Wasserkobold im Brunnen

Auf dem Altstädter Kirchenplatz in Erlangen steht ein Brunnen, der ist hübsch anzusehen: ein steinernes Becken, kreisrund, das flache Wasser grün von Moos, auf einem schalenförmigen Podest eine Bronzefigur, der Fischerknabe mit Hecht. Furchtlos ringt der Knabe den Hecht nieder, derweil aus dessen Maul klares Wasser sprudelt. Rings um den Brunnen laden Sitzbänke ein zur Rast, vielleicht auf einen Plausch mit Freunden oder Nachbarn, insbesondere bei Sonnenschein. Des Nachts treffen sich die Liebespaare, sitzen eng umschlungen und geloben gegenseitige Ergebenheit.

Doch vor ein paar Monaten, am Tag nach der Frühlingstagundnachtgleiche, da passierte etwas Außergewöhnliches. Der Wasserkobold Paul kam an den Brunnen und beschloss kurzerhand, ihn zu seinem neuen Heim zu machen. Außergewöhnlich ist das in der Tat, denn wie jeder weiß, leben Wasserkobolde, auch die Erlanger, normalerweise nur an fließenden Gewässern.

Bis dahin war die Schwabach Pauls Heimat gewesen, ein Flüsschen im nördlichen Erlangen. Dort hatte Paul glücklich gelebt, und seit er denken konnte, liebte er Pauline. Tagsüber jagten die beiden den Sonnenstrahlen hinterher, die sich im Wasser brachen, und wenn sie am Ufer ausruhten, versicherte Pauline Paul, wie sehr ihr seine großen Ohren gefielen, gleichwohl ihn die anderen oft deswegen auslachten. Für einen Wasserkobold waren Pauls Ohren wirklich riesig. Jede Nacht träumte Paul von Paulines seidiger Aquamarinhaut, ihren wiegenden Silberhaarlöckchen und ihrem glockenhellen Lachen.

Immer zur Frühlingstagundnachtgleiche wählte eine Wasserkoboldin einen Bräutigam und dieses Jahr war Pauline an der Reihe. Aber, oh weh, Pauline entschied sich nicht für Paul, sondern für Anton, weil auf dessen dicken Zehen so viele dunkle Haare wuchsen, sagte sie. Behaarte Zehen gelten bei Wasserkobolden als Merkmal besonderer Schönheit. Pauls Herz brach entzwei. Während die Wasserkoboldgemeinde ausgelassen Paulines und Antons Hochzeit feierte, machte Paul sich auf den Weg. Fort wollte er, weit fort, ans andere Ende der Welt.

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Autorin der Woche (10/2021)

Alice Schwarzer kämpft seit Jahrzehnten für die Gleichberechtigung von Frauen – in Frankreich, Deutschland und weltweit. Sie ist eine scharfsinnige und – wenn angebracht – auch scharfzüngige Journalistin und Buchautorin. Spätestens seit der „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ (1975) und der Emma (ab 1977) ist Alice Schwarzer Inbegriff der deutschen Frauenbewegung.

Manchen gilt sie als Männerhasserin und in den letzten Jahren wird ihr zudem Rassismus vorgeworfen. Wer Alice Schwarzer liest und ihr zuhört, weiß, dass beides nicht stimmt. Wahr ist jedoch: Alice Schwarzer ist kompromisslos, wenn es um die Rechte von Mädchen und Frauen geht. Platituden wie „Das war schon immer so“, „Das ist eben Tradition“, „Das kann man nicht ändern“ lässt sie nie gelten; zu keiner Zeit und in keinem Umfeld. Zum Glück! Denn durch ihre Kompromiss- und Furchtlosigkeit hat sie unglaublich viel für die Gleichberechtigung aller Frauen erreicht. Ich bin ihr sehr dankbar dafür!

Autorin der Woche (09/2021)

Wie Minna Rytisalo wurde auch Selja Ahava 1974 in Finnland geboren. Sie veröffentlichte ihr Debüt 2014: „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm.“ Während wir durch Rytisalos Lempi erfahren, dass man immer nur einen Teil eines anderen Menschen kennen kann, zeigt uns Ahavas Hauptfigur Anna, was geschieht, wenn ein Mensch auch für sich selbst kein Ganzes mehr ist.

Anna erzählt aus ihrem Leben zu einem Zeitpunkt, an dem dieses für sie nur noch aus Bruchstücken besteht und ihr Denken immer mehr zerfällt, weil die Demenz sie unaufhaltsam bestiehlt. Mit viel Poesie und ohne Kitsch nimmt uns Ahava mit in Annas Leben, bringt uns glückliche Erinnerungen und schmerzhafte. Wir gehen mit Anna bis zum Ende, wo sich das Leben auflöst – und das ist erstaunlicherweise leicht und tröstlich.

Autorin der Woche (08/2021)

Minna Rytisalo, geboren 1974, ist Lappländerin, arbeitet als Finnischlehrerin und hat 2016 ihren Debütroman „Lempi, das heißt Liebe“ veröffentlicht. Die Geschichte spielt in Lappland während des zweiten Weltkriegs. Die Nationalsozialisten sind Waffenbrüder der Finnen und beschützen Lappland vor den begehrlichen russischen Truppen.

Dreh- und Angelpunkt des Romans ist eine junge Frau, Lempi, die Titelfigur – dabei kommt sie selbst gar nicht zu Wort. Wir sehen Lempi nur durch die Augen anderer. Als erstes spricht Viljami, Lempis Ehemann, der nach nur einem gemeinsamen Sommer in den Krieg ziehen muss. Er liebt Lempi hingebungsvoll, sie bedeutet ihm alles. Ganz anders ist der Blick der Magd Elli, die nichts Gutes an Lempi finden kann und insgeheim neidisch auf Lempis und Viljamis Glück ist. Im dritten Teil des Buches kommt Sisko zu Wort, Lempis Zwillingsschwester. Wir erfahren von der engen Bindung der beiden Schwestern und wie diese sich durch die Geschehnisse löst… Jede der drei Erzählerstimmen zeigt uns eine andere Lempi. Wer ist Lempi nun wirklich? Sie bleibt rätselhaft. Die Lesenden entscheiden, wie sie die sichtbaren Teile des Puzzles zusammensetzen.

Und im echten Leben ist es doch ebenso. Jeder Mensch sieht von einem anderen immer nur einen Teil, niemand kennt einen anderen ganz. Das mag zu Unsicherheiten und Schwierigkeiten führen, birgt aber gleichzeitig die Chance für Entfaltung und positive Überraschungen.

Autorin der Woche (07/2021)

Chimamanda Ngozie Adichie zählt zu den arrivierten Schriftstellerinnen Afrikas. Geboren wurde sie 1977 in Nigeria, wuchs in der akademischen Mittelklasse auf, studierte erst in Nigeria, danach in den USA. Heute pendelt sie zwischen ihrem Heimatland und den Staaten. Diese sehr unterschiedlichen Settings wählt Adichie auch für ihren Roman „Americanah“ (erschienen 2013). Dazu ein knapp 10-minütiges Interview aus dem schwedischen Fernsehen:

Adichies Geschichten helfen, die Mechanismen und Konsequenzen von Stereotypen zu verstehen und (versteckten) Rassismus besser zu durchschauen. Sie ist eine inspirierende Frau mit Botschaft, Charisma und Impact – und so ist die Liste ihrer Auszeichnungen zurecht sehr lang.

Autorin der Woche (06/2021)

Koleka Putuma ist eine junge (*1993) südafrikanische Lyrikerin, Dramatikerin und Spoken-Word-Künstlerin. Ihr Vater ist Pastor, sie ist homosexuell, ihre Hautfarbe ist schwarz. Sie kennt die Auswirkungen von patriarchalem Christentum und andauerndem Rassismus.

In ihrem Gedichtband „Collective Amnesia“ (dt. Kollektive Amnesie) findet Koleka Putuma starke und schonungslose Worte, um sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Viel Wut ist in ihren Texten zu spüren; und Wut birgt Energie; und nur mit viel Energie lässt sich die Welt verändern.

Von ihrem bekanntesten Gedicht „Water“ findet sich auf YouTube eine beeindruckende Live-Performance:

Karnevalsabend

Ein wenig verloren fühlt sie sich. In ihrem improvisierten Rotkäppchenkostüm kommt sie sich beinahe schäbig vor. Erstaunlich, dass sich die Kollegen beim Firmenkarneval so in Schale werfen! Nach fünf Wochen kennt sie noch kaum jemanden. Mit Herrn Schwab aus der Personalabteilung hat sie vorhin angestoßen, er ist heute ein tintenblauer Krake. Mit Frau Lehmann aus der Buchhaltung hat sie kurz geplaudert, die ist als Catwoman gekommen. Dann kam ein Kollege dazu, dessen Namen sie nicht weiß, gut gebaut, im Tarzan-Dress. Sein Blick klebte an Frau Lehmann und er forderte sie auf, ihm in den Dschungel – also auf die Tanzfläche – zu folgen. Willig ging Frau Lehmann mit und ließ sie stehen.

Unsicher tappt sie von einem Fuß auf den anderen, hält sich an ihrem leeren Sektglas fest. Von den Kollegen aus ihrem eigenen Team hat sie noch keinen entdeckt. Als die Band nach einer Polonaise eine kurze Pause ankündigt, schaut sie auf die Uhr und will schon gehen, da kommt er direkt auf sie zu. Bleibt vor ihr stehen, hebt leicht seinen Zylinder zum Gruß und schenkt ihr ein Lächeln und ein Augenzwinkern. Schick sieht er aus, in seinem Smoking und dem blütenweißen Hemd. „Gestatten, die Dame, darf ich Sie zu einem Glas Bowle einladen?“ Seine grünen Augen leuchten und ihr Herz macht einen Hüpfer. Ihr fehlen die Worte, sie nickt nur, er bietet seine Armbeuge an und sie hakt sich unter. Sie trinken mehr als ein Glas Bowle an diesem Abend und sie lachen und sie tanzen, bis die Band die Instrumente einpackt.

Sie kann an diesem Abend nicht ahnen, dass er drei Monate später ohne das Wissen seines Arztes die Medikamente absetzen wird. Sie ahnt noch nicht einmal, dass er in Behandlung ist. Sie wird nicht verstehen, wie es kommt, dass er eines Abends unvermittelt von der Couch aufspringen und zeternd durch ihre Wohnung laufen wird. „Teufelswerk, Teufelswerk“, wird er rufen. „Stell dich nicht so an, sei nicht so zimperlich, Teufelswerk, stell dich nicht so an, Kröte, Kröte, Teufelswerk!“ Er wird nicht aufhören zu rufen und herumzulaufen. Er wird die Balkontür öffnen, sie wird ihm folgen, er wird sich in eine Ecke des Balkons kauern, wird dann nur noch schluchzen und zuletzt leise fiepen wie eine verängstigte Maus.

„Was ist mit dir? Lass mich dir helfen!“ wird sie mit zittriger Stimme sagen. Er wird die Augen weit aufreißen, in Panik, in Todesangst. Sie wird ihm die Hand reichen wollen, er wird sie zurückstoßen, sie wird taumeln, er wird aufstehen, auf das Balkongeländer klettern und springen.

Nein, all das kann sie nicht ahnen, als er sie am Karnevalsabend mit seinen leuchtenden grünen Augen auf ein Glas Bowle einlädt.

Autorin der Woche (05/2021)

Eine zweite große kanadische Literatin ist Margaret Atwood. Geboren 1939 in Ottawa, verbringt sie die ersten sieben Lebensjahre in der Abgeschiedenheit einer Forschungsstation in den Wäldern Québecs – der Vater ist Insektenforscher. Die Einschulung und das Stadtleben in Toronto sind für Margaret ein Schock. Vielleicht ist diese Erfahrung des extremen Wechsels von Lebenswelten die Grundlage für Margaret Atwoods „Speculative Fiction“ (Werken also, die sich mit dem Denkbaren unter Anwendung von zur Verfügung stehenden Mitteln auseinandersetzen).

Besonders bekannt ist der 1985 erschienene Roman „Report der Magd“ (engl. The Handmaid‘s Tale). Eine fesselnde Dystopie, in der nach einer atomaren Verseuchung der USA ein Großteil der Bevölkerung unfruchtbar ist. Nach der gewaltsamen Machtübernahme durch christliche Fundamentalisten wird die Verfassung außer Kraft gesetzt. Frauen werden entrechtet; sie dürfen nicht mehr arbeiten und kein Eigentum besitzen. Sie werden streng in drei Gruppen eingeteilt: Ehefrauen von Führungskräften, Dienerinnen und Mägde. Mägde sind junge, gesunde Frauen, die als fruchtbar eingeschätzt werden. Sie werden einem Haushalt zugewiesen und sollen dort für Nachwuchs sorgen. Der regelmäßige Geschlechtsverkehr mit dem Hausherrn findet selbstverständlich im Beisein der Ehefrau statt und dient ausschließlich dem Zweck der Empfängnis. Kann eine Magd ihre Aufgabe als Gebärmaschine nicht erfüllen, droht die Abschiebung in die verseuchten Kolonien.

Eine erschreckende Wirklichkeit, die erschreckend vorstellbar ist und uns zeigt: Freiheit und Selbstbestimmung sind nie eine Selbstverständlichkeit, wir müssen sie bewahren und um sie kämpfen, sobald sie bedroht werden.

Autorin der Woche (04/2021)

Alice Munro wird 1931 in Ontario geboren und wächst in einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater betreibt eine Zeitlang eine Zucht für Silberfüchse und als die Geschäfte nicht mehr laufen, arbeitet er als Nachtwächter. Alice‘ Mutter erkrankt früh an Parkinson, schon als 10jährige muss Alice Verantwortung übernehmen. Nach zwei Jahren Journalismus-Studium geht das Geld aus, Alice heiratet 1951, wird Hausfrau und Mutter von vier Töchtern – und lebt ihre Schreibleidenschaft aus; in Kurzgeschichten, deren Stoff und Inspirationen an Alice‘ Tür klopfen. Viele Frauen der Nachbarschaft kommen auf eine Tasse Kaffee und schütten ihr Herz aus.

Alice Munro schreibt über ganz normale Menschen, erkundet die Abgründe hinter dem nach außen Unauffälligen, findet Sehnsüchte, Scham und Schicksalsschläge. 1968 erscheint ihr erster Erzählband, der mit dem wichtigsten kanadischen Literaturpreis ausgezeichnet wird. Da ist Alice 37 und ihre Töchter sind Teenager. Viele weitere Kurzgeschichtensammlungen und Auszeichnungen folgen; 2013 der Literaturnobelpreis. Alice Munros Stories fangen uns ein, nehmen uns mit in die Welt der Figuren, und auch wenn deren Welt überhaupt nicht wie die unsere ist, fühlen, leiden, bangen wir mit den Figuren mit und sind ganz bei ihnen.

Autorin der Woche (03/2021)

Schon lange kenne ich ihr Gedicht „Der Knabe im Moor“ und finde es wahrlich schaurig. Dass sie den 20-DM-Schein zierte, wurde mir erst bewusst, als ich schon längst mit Euro bezahlte. Und ein wenig mehr Wissen über ihr Leben besitze ich erst seit kurzem.

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) wird in eine alte katholische westfälische Adelsfamilie geboren und erhält eine gute Bildung. Sie fühlt sich früh dazu berufen, Dichterin zu werden und wird von ihren Eltern dahingehend gefördert. Durch ihre Wissbegier und ihre fehlende weibliche Sanftmut und Zurückhaltung eckt sie jedoch an – auch im Literatenkreis, der sich auf dem Bökerhof (eines der Güter von Annettes Familie mütterlicherseits) trifft, und zu dem unter anderem die Gebrüder Grimm gehören. Dass eine Frau geistreich ist und sich dem Schreiben widmet, wird in diesem Kreis noch wohlwollend betrachtet, aber dass sie ambitioniert ist, dass sie mit ihrem Werk in die Öffentlichkeit treten will, dass sie Anspruch auf Anerkennung erhebt, das ist nun doch des Guten zu viel.

Annette lässt sich nicht beirren: nach dem Fehlschlag ihrer ersten Publikationen wird sie ab 1840 höchst produktiv und sehr erfolgreich, sie profiliert sich zur bedeutendsten Balladenautorin ihres Jahrhunderts. Privat ist ihr kein dauerhaftes Glück vergönnt. Die zarte Liebesbeziehung zu Heinrich Straube (ein Protestant) wird durch eine Familienintrige zerstört und die spätere intensive Freundschaft zu Levin Schücking endet in einer Enttäuschung.

Wer in die Welt von Annette von Droste-Hülshoff eintauchen will, dem sei Karen Duves historischer Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ anempfohlen, der die Jahre 1819-1821 lebendig werden lässt.