Vor dem Aufprall (Teil 1)

Nach der Veröffentlichungsflaute der letzten Monate freue ich mich besonders, wieder einmal ein längeres Werk zu posten. Vorgesehen sind sieben Teile, hier kommt der erste.

 

Vor dem Aufprall (Teil 1)

Ich habe nie geglaubt, dass kurz vor dem Tod das vergangene Leben an einem vorbei zieht wie im Film. Und nun stelle ich fest, dass es tatsächlich nicht so ist. Während ich aus dem sechsten Stock in die Tiefe falle, sehe ich nur eines: Bens Gesicht. Aber nicht, wie ich es zuletzt vor mir hatte – verletzt, wütend, aufgebracht – nein, ich sehe es lächelnd, glücklich, liebevoll.

Bevor alles seinen Gang nimmt, bevor Notarzt und Polizei kommen und mich abtransportieren, bevor die Schaulustigen nach Hause geschickt werden und die Ermittlungen beginnen, bevor die Münchner Klatschblätter über den tragischen Tod oder mutmaßlichen Mord an einer jungen, alleinstehenden Frau berichten, will ich erzählen, wie es dazu kam, dass ich in dieser schwülen Julinacht von meinem Balkon stürzte.

*

Die Geschichte beginnt vor zwei Jahren. Ich war 29, hatte einen guten Job als Designerin bei Kirchner & Mack, einer bekannten Werbeagentur in München, und lebte mit meinem Freund Erik in einer gemeinsamen Wohnung.

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Frühling (I & II)

Frühling (I)
Ein Zitronenfalter
streift sanft meinen Arm
wir brauchen beide
die Freiheit einfach davonzufliegen

Frühling (II)
Ein Regentropfen
trifft meine Nasenspitze
wir wissen beide
dass das nur der Anfang war

Neuland

„Es ist an der Zeit, Neuland zu betreten, Paul. Es ist höchste Zeit und du weißt es.“ Paul stand vor dem Badezimmerspiegel und der Mann, der ihn daraus anblickte, sah müde aus, hatte dunkle Ringe unter den Augen, war blass, unrasiert, leicht aufgedunsen; mit einem Wort: abgehalftert. Seit Paul vor gut einem Jahr seine Superkräfte verloren hatte, war es mit ihm stetig bergab gegangen. Zuvor war er einer der erfolgreichsten Ermittler beim Bundeskriminalamt gewesen. Paul konnte sich unsichtbar machen und sein Gehör so steuern, dass er auch die geheimsten Absprachen hinter verschlossenen Türen hören konnte.

Vor etwa zehn Jahren hatte Paul diese Fähigkeiten an sich entdeckt. Er war nach Dienstschluss mit einem Kollegen über den Weihnachtsmarkt geschlendert, als ihnen Pauls Ex-Frau mit ihrem neuen Ehemann entgegen kam. Paul hatte sich gewünscht, er möge auf der Stelle unsichtbar werden. – Und genau das war passiert. Sein Kollege hatte gedacht, Paul hätte sich in der Menschenmenge verdrückt.

Paul war äußerst verunsichert gewesen. Zu Hause experimentierte er mit seiner neuen Fähigkeit. Schnell lernte er, sie zu kontrollieren. Nach einigen Wochen sprach Paul mit seinem Vorgesetzten über seine Superkraft. Eine ad hoc Demonstration überzeugte den Hauptkommissar und er schlug Paul für einen Posten für verdeckte Ermittlung beim BKA vor. Die damit verbundene Versetzung in eine andere Stadt kam Paul gelegen. Das hochsensible Gehör hatte er während seiner ersten Einsätze bemerkt und auch dieses lernte er schnell gezielt einzusetzen. Dutzende Verbrecher machte Paul im Lauf der Jahre dingfest.

Eines Tages jedoch wurde Paul einfach nicht mehr unsichtbar. Er meditierte, betete, tobte, flehte. Er nahm vier Wochen Urlaub. Es half nichts. Die Kräfte kamen nicht zurück. Paul wurde in den Innendienst versetzt. Er hasste die Schreibtischarbeit. Vor sechs Monaten hatte er den Dienst quittiert und seitdem schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Bisheriger Tiefpunkt war sein Engagement als Knäckebrotkönig in einem großen Supermarkt vor zwei Wochen. In einem albernen Ganzkörperkostüm aus Schaumstoffrechtecken sollte er die neuesten Knäckebrotsorten unters Volk bringen. „Eines Königs würdig“ stand dick auf seiner Brust, die gelbe Plastikkrone auf dem Kopf machte ihn vollends lächerlich. Als ihn ein etwa elfjähriger dicklicher Junge aus heiterem Himmel in den Magen boxte, mussten mehrere Kunden Paul beschwichtigen. Am liebsten hätte er den Bengel kopfüber in die Molkereiprodukte gesteckt. Abends hatte Paul gekündigt und war zu Fuß durch den frischen Schnee nach Hause gestapft. Ein Auto konnte er sich schon lange nicht mehr leisten.

Fast jeden Abend trieb sich Paul in düsteren Kneipen herum und kam in der Regel in den frühen Morgenstunden völlig betrunken nach Hause. Gestern hatte er einer Frau nach dem fünften oder sechsten Bier erzählt, dass er sich früher hatte unsichtbar machen können. Sie hatte gelacht und ihn ‚ausgeflippt‘ genannt. Dann hatte sie sich schnell verabschiedet.

„Neuland, Paul. Du musst einen neuen Weg finden. So geht es nicht weiter.“ Paul ließ das Wachbecken voll Wasser laufen. Vielleicht fand er ja beim Rasieren einen guten Gedanken in einem der schattigen Winkel seines Gehirns.

Entenfrust

Vergnügtes Quaken ist schon von draußen aus der Bar zu hören. Fast zögerlich betritt der Zwergschwan das Lokal. Obwohl ein wenig klein geraten, wäre er eine ganz stattliche Erscheinung – bliebe nur nicht seine Wohlgestalt hinter seiner Schüchternheit verborgen.

Da sieht er sie: Eine junge Stockente. Die Federn ein wenig zerrupft, der Schnabel etwas schief. Doch für ihn ist sie die Schönste im Raum. Lebhaft schwatzt sie mit der Ente, die ihr gegenüber sitzt.

All seinem Mut nimmt er zusammen und geht zu ihrem Tisch. Geduldig wartet er auf eine Pause im Geschnatter und spricht sie dann vorsichtig an: „Guten Tag, meine Dame. Darf ich Sie zu einem Getränk einladen?“

Mit gequältem Blick mustert sie ihn und erwidert: „Nein, ich trinke nicht mit Jedermann.“ Und zu ihrer Freundin gewandt: „Anscheinend glaubt auch wirklich ein jeder dahergewatschelte Federkerl, dass er mich ansprechen kann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist!“

Und als wäre nichts gewesen, setzen die Entendamen ihr Gequake lautstark fort.

Katerjammer

Mit glänzendem Fell, hingebungsvoll geleckt, betritt der Kater die Bar. Sein Gang ist geschmeidig, der Blick geübt. Seine Augen bleiben ruhen auf der jungen Katze am Tisch neben dem Tresen. Auf ihrem entzückenden Gesicht, den wohlgeformten Ohren, dem zarten rosa Näschen. Zielstrebig nähert sich der Kater und platziert sich für seinen Auftritt.

„Nun, meine Verehrteste, ganz allein? Wäre ich Ihr Herzbube, so ließe ich Sie niemals warten. Vorzüglich würde ich für Sie sorgen und es Ihnen an nichts fehlen lassen. All Ihre Mühen wären vorbei. Und Sie müssten nicht mehr tun, als mich nur immer schön zum Schnurren zu bringen.“ Als hätte er gerade einen köstlichen Happen verspeist, fährt er sich mit der Zunge über die Schnauze.

Die Katzendame erwidert: „Mein Herr, welch aufschlussreiches Angebot. Es ist nur so, dass ich meine Mäuse sehr gerne selbst verdiene und – um Sie zu beruhigen – es sind ausreichend viele. Sie sehen also: Bei mir schnurrt es schon genug.“

Das Ende der Welt

Für Hunderttausende von Menschen in Japan, vor 10 Tagen. Das Ende der Welt. Und es wird dauern, bis die Überlebenden beginnen können, sich eine neue aufzubauen.

Bisher unbekannte oder sonst eher seltene Begriffe begleiten uns seitdem täglich: Fukushima, Super-GAU, Kernschmelze, Restrisiko, Moratorium. Zur Sicherheit wird die Sicherheit unserer sicheren AKWs überprüft – erneut oder überhaupt? Da bin ich mir jetzt nicht ganz sicher…  Auf jeden Fall steht die Sicherheit der Bevölkerung bei den deutschen Politikern an erster Stelle. Prima, dass das so deutlich gesagt wurde… Ich hätte sonst beinahe geglaubt, Lobbyismus zum Zwecke des Machterhalts hätte diese Position fest in Beschlag.

Na gut, man kann sich ja mal irren. Irren ist schließlich menschlich. Und Atomkraftwerke sind von Menschen gebaut und werden von Menschen betrieben. Das allein macht die Sache für mich schon klar – ganz ohne Moratorium.

Ohne Wirklichkeit stirbt die Phantasie

Ohne Wirklichkeit stirbt die Phantasie. Den Satz hab ich gestern Abend gelesen, im Roman „Das verborgene Wort“ von Ulla Hahn. Ein feiner Satz aus einem tollen Buch, über das noch berichtet wird.

Der Satz fiel mir heute wieder ein, als ich mit zwei Packungen Rispentomaten, einem Topf Basilikum und den ersten Erdbeeren des Jahres die Stufen zu meiner Wohnung hochging. Mir stieg der Duft der Erdbeeren, des Basilikums und der Tomaten in die Nase…

Wunderbare Wirklichkeit.

Der Apfel ist gefallen

Und tatsächlich nicht allzu weit vom Stamm. Vor gut zwei Wochen habe ich die Tochter von Sting kennen gelernt. Nicht persönlich, ich habe einen Bericht über sie in der Sendung „aspekte“ im ZDF gesehen.

Coco Sumner macht Musik unter dem Namen „I Blame Coco“, ihr Debut-Album heißt „The Constant“. Ich hab mir die CD zwei Tage später bestellt, ohne vorher reinzuhören, ganz ehrlich, weil Coco die Tochter von Sting ist.

Was ist drauf auf dem Album? Popmusik, mit vielen Elektro- und Synthie-Sounds, bei vielen Songs fühle ich mich an die 80er erinnert, aber es gibt auch rockigere Töne. Nach dem ersten Hören war ich noch nicht richtig überzeugt, die Songs fühlen sich erst nach mehrmaligem Hören richtig gut an – dafür dann aber umso besser.

Im Stil der Songs finde ich kaum Ähnlichkeit zum Papa, jedoch erinnert Cocos Stimme oft an Sting. Nicht nur durch die ähnliche Grundfärbung der Stimmen, sondern auch durch Cocos Satzmelodie und die häufig leicht abgehackten Wortenden. Vor allem in Police-Stücken und frühen Solo-Songs klingt Sting ebenso.

Fazit: Mit meinen Ikonen kann Coco es (noch) nicht aufnehmen, ich freue mich aber jetzt schon auf weitere Werke.

In der ZDF-Mediathek ist der Beitrag aus „aspekte“ zu finden.

Das Gegenteil von Hollywood: „A fine balance“ von Rohinton Mistry

Der Roman „A fine balance“ spielt im Bombay der 1970er Jahre. Er erzählt die Geschichte von vier sehr unterschiedlichen Menschen, die nach Zufriedenheit und ein bisschen Glück im Leben streben. Die verwitwete Dina Dalal nimmt den Studenten Maneck Kohlah, den Schneider Ishvar Darji und dessen Neffen Omprakash bei sich auf – um genug Geld einzunehmen, damit sie nicht wieder heiraten muss. Zunächst sind sich die vier fremd, mit der Zeit lernen sie sich kennen und achten und werden so zu weit mehr als einer Zweckgemeinschaft. Von Dauer ist ihr kleines Glück allerdings nicht.

Der Roman zeichnet das detailreiche Bild eines Landes, das von unumstößlichen gesellschaftlichen Schranken und einer Regierung voller Willkür und Skrupellosigkeit gegeißelt wird.

Vor diesem Hintergrund entwickelt Rohinton Mistry einen Gegenentwurf zur gängigen Hollywood-Moral „Du kannst alles erreichen und wirst ewiges Glück finden, wenn du dich nur genug anstrengst und immer gut bist“. In „A fine balance“ ist es anders. Da werden diejenigen erfolgreich und wohlhabend, die lügen und betrügen. Diejenigen, die ehrlich und mutig für ihre Überzeugungen eintreten, werden bestraft und zerstört. Und auch am Ende werden die vielen Ungerechtigkeiten nicht gesühnt. Das Buch hat kein Happy End.

Also nichts für Leute, die schon an unserer Welt hier verzweifeln. Trotzdem ermutigt der Roman, für sein Glück zu arbeiten und zu kämpfen. Nur darf man nicht mit einem immerwährenden Schlaraffenland als Belohnung rechnen. Vielleicht muss man sich mit einigen Portionen wohlschmeckendem indischen Dal zufrieden geben.

Verspukt gute Musik – „Haunted“ von Poe

Vor ein paar Monaten bin ich bei YouTube zufällig über einen Clip der amerikanischen Sängerin Poe gestolpert. Wenig später lag das Album „Haunted“ aus dem Jahr 2000 in meinem Amazon-Einkaufskorb und bald darauf im CD-ROM Laufwerk meines Rechners.

Die CD beeindruckt mich musikalisch und emotional. Auf wundersame Art und Weise ist das Album ein außergewöhnliches Gesamtwerk, das man am besten am Stück hört und bietet zur gleichen Zeit sehr viele starke Einzelsongs, die sich so schön hartnäckig in Ohr und Kopf festsetzen.

Auf Amazon war zu lesen, dass Poe mit dem Album den Tod ihres Vaters, dem Film-Regisseur Tad Danielewski, verarbeiten würde – und das stimmt. Auf der CD finden sich Samples von Tonbandaufnahmen ihres Vaters, die Poe und ihr Bruder einige Jahre nach dessen Tod entdeckt haben.

Aber es geht noch weiter in die Gruselecke… Poes Bruder, Mark Danielewski, hat im Jahr 2000 seinen Debütroman „House of Leaves“ veröffentlicht. Ein monumentales Werk, das allein schon durch äußerst unübliche Layout-Ideen auffällt und polarisiert. Die Handlung dreht sich um ein Spukhaus, das House of Leaves. Und eben jenes ist wiederum in verschiedenen Songs auf „Haunted“ referenziert.

Das Buch hab ich mir nun auch gekauft. Ich bin schon sehr gespannt darauf – und ich werde berichten.  

Hier ein längerer live-Mitschnitt von Poe mit drei Songs: