Monatsarchiv: Oktober 2022

Malerei der Woche (43/2022)

Der flämische Maler Joachim Patinir (um 1480-1524) gilt als Bindeglied zwischen Gotik und Renaissance. Sein Weltbild ist mittelalterlich geprägt: Erde und Menschen sind vollkommen in Gottes Hand. Gleichzeitig bezeugen seine Gemälde einen ausgeprägten Sinn für Raum und Tiefe. Die Landschaft dominiert gegenüber der religiösen oder mythischen Thematik. Patinirs Bilder zeigen vielfältige geographische Beschaffenheiten, die phantastisch anmuten: Berge, Felsen, Wälder, Flüsse, ferne Horizonte – man beschreibt sie mit dem Begriff „Weltlandschaft“.

Joachim Patinir: Überfahrt in die Unterwelt

Malerei der Woche (42/2022)

Mit Charles III besteigt der bislang älteste Thronfolger der Geschichte den englischen Thron. Einer der jüngsten Thronfolger hingegen war 1547 Edward VI, der einzige (legitime) Sohn Heinrichs VIII. Edward war erst neun und regierte umgeben von einem Rat, dessen Mitglieder Heinrich VIII vor seinem Tod benannt hatte, darunter ein Bruder von Jane Seymour, der verstorbenen Königin und Mutter Edwards.
Hans Holbein d. J., englischer Hofmaler, fertigte um 1538 ein Porträt des ein- bis zweijährigen Edward. Trotz der Stupsnase und rosigen Pausbäckchen sehen wir hier kein Kleinkind, sondern einen Prinzen, einen zukünftigen König, in prächtigem Gewand und mit einer goldenen Rassel, die an ein Zepter erinnert. Der erste Teil der Inschrift im unteren Bildbereich lautet: Kleiner, eifere deinem Vater nach und sei der Erbe seiner Tugend. Viel Zeit hatte Edward dafür nicht: er starb am 06. Juli 1553 mit nur 15 Jahren.

Ich wollt, ich wär…

Ich wollt, ich wär ein Spatz
Ich hätte ganz viel Platz
Zu tun was mir gefällt
Auf dieser schönen Welt

Ich badete im Sand
Hüpfte vom Giebel bis zum Rand
Mein Zwitschern wäre ganz possierlich
Mein Körnerpicken kaum manierlich

Respekt hätt ich nur vor der Katz
Vor ihrem schnellen Satz und Schmatz

Malerei der Woche (41/2022)

Caterina van Hemessen, geboren 1527/28 in Antwerpen, wurde von ihrem Vater in seiner Werkstatt in Malerei unterrichtet. Sie gilt als die erste flämische Künstlerin mit signierten und datierten Gemälden. Dies ist bemerkenswert, denn die in Familienwerkstätten mitwirkenden Kinder arbeiteten nur selten unter ihrem eigenen Namen. 1548 schuf van Hemessen das früheste Bild, auf dem sich ein Maler arbeitend darstellt. Sie signierte ihr Selbstporträt mit EGO CATERINA DE / HEMESSEN ME / PINXI 1548 / AETATIS / SVÆ / 20 – Ich, Caterina van Hemessen, habe mich 1548 selbst gemalt im Alter von 20 Jahren.

Caterina van Hemessen, Selbstbildnis 1548

Malerei der Woche (40/2022)

Eines der Vorbilder von Lavinia Fontana war Sofonisba Anguissola (um 1532-1625) aus Cremona, die als die erfolgreichste Renaissance-Malerin gilt. Sofonisba hatte fünf Schwestern und einen Bruder. Die Eltern ließen allen Kindern eine humanistisch geprägte Bildung sowie eine Ausbildung zukommen. Sofonisba studierte Malerei bei verschiedenen Lehrmeistern und ihr Vater korrespondierte mit hervorragenden Künstlern (unter anderem Michelangelo), um ihr Aufträge zu verschaffen. 1559 wurde Sofonisba als Porträtmalerin an den spanischen Königshof gerufen. Ihr erstes Porträt der Infantin Isabel war so gut, dass Peter Paul Rubens es kopierte. Ein Studium der Anatomie war ihr als Frau nicht möglich und die Arbeit mit großformatigen Leinwänden zu biblischen oder mythologischen Themen galt als unstatthaft, daher wählte sie oft Motive aus der persönlichen Erfahrung und erweiterte so den damaligen Kunstbegriff. Ihr wohl bekanntestes Bild „Drei Schwestern beim Schachspiel“ (1555) gilt als erste Darstellung einer Alltagsszene in der italienischen Malerei. Es zeigt ihre Schwestern Lucia (links), Minerva (rechts) und Europa (Mitte), sowie am rechten Bildrand eine Gouvernante.

Durchblick

Wie ich es sehe, wäre es kein Schaden gewesen, wenn ich ein, vielleicht sogar zwei Jahre früher in ihr Leben gekommen wäre. Anscheinend hat sie schon eine ganze Weile zu Tricks gegriffen. Näher ans Fenster oder die Lampe heran; das Buch, die Zeitschrift weiter weg halten; deutsche oder englische Wörter aus Erfahrung erkennen oder erraten. Den Ausschlag hat dann wohl die Landkarte Madeiras gegeben. Die portugiesischen Ortsnamen konnte sie nicht mehr gut lesen, auch nicht direkt am Fenster mit ausgestreckten Armen. Nach dem Urlaub ging sie dann zur Optikerin, der Sehtest war eindeutig: eine Lesebrille wurde angeraten und so kam ich vor fast sieben Jahren in ihr Leben. Sie war bereit für mich. Meine elegante Form sprach für mich. Schwarz mochte sie schon immer und mein wohlklingender französischer Markenname besorgte den Rest. Lesen und das Arbeiten am Monitor fielen durch mich plötzlich so viel leichter! Mit Freude und Begeisterung wurde ich dem Liebsten, Freunden und Kollegen vorgestellt, daher kenne ich auch die Geschichte, wie sie zu mir kam, oder ich zu ihr, wie man es eben sehen möchte. Mit Sorgfalt und Bedacht werde ich behandelt, ich fühle mich willkommen und geschätzt, ja vielleicht sogar ein klein wenig geliebt, wenn ich das so sagen darf.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich ausreichend oft geputzt werde. Ganz im Gegenteil! Oft sind meine Gläser schmutzig, schlierig – schrecklich! Viel zu selten werde ich mit Wasser und Spülmittel gereinigt, meist verteilt sie den Schmutz nur mit einem trockenen Tuch. Die feuchten Einmaltücher verwendet sie nicht. Wegen der Umwelt. Mir ist oft unklar, wie ich so ungeputzt nützlich sein kann. Aber offensichtlich klappt es irgendwie und letztendlich ist es ihre Entscheidung. Ich habe mich damit arrangiert. Sie weiß um diesen Missstand und gibt ihn unumwunden zu. Anscheinend hat ihr Fahrrad das gleiche Schicksal: geliebt, aber ungeputzt. Nun ja.

Vorletztes Jahr geriet unsere Beziehung in eine Krise. Ihre Augen waren schlechter geworden, die Optikerin empfahl neue Gläser: Gleitsicht. Mit denen kam sie gar nicht zurecht. Ganz unglücklich war sie deswegen mit mir. Konnte nur mit verkrampftem Nacken lesen und am Monitor arbeiten. Ganz ungern trug sie mich und bekam schlechte Laune. Auch ein paar Tränen sind geflossen… Aber es war ja nicht meine Schuld! Nach kurzer Zeit dann die Lösung: eine zweite Brille. Meine jüngere Schwester kam zu uns, ein Nachfolgemodell aus dem wohlklingenden französischen Markenhaus. Nun sind wir zu Dritt. Und wir sind glücklich. Meist hat sie uns beide dabei und je nach Bedarf setzt sie uns auf. Auch die zweite Brille wird geschätzt und geliebt. Und genauso selten geputzt wie ich.

Malerei der Woche (39/2022)

Auf Gemälden (nicht nur) der Renaissance sind Frauen häufig nackt oder – wie in den Bildern der letzten beiden Wochen – listig und potenziell gefährlich. Es gab in der Renaissance aber auch Malerinnen, die zu Bekanntheit und Ruhm gelangten. Eine davon ist Lavinia Fontana (1552 – 1614). Die Bologneser Künstlerin erhielt ihre Ausbildung bei ihrem Vater. Das „Selbstporträt am Spinett mit einer Dienerin“ (1577) entstand kurz vor ihrer Hochzeit mit einem anderen Schüler ihres Vaters. Fontana malte nach ihrer Heirat weiter und schuf das umfangreichste Werk, das von einer vor 1700 tätigen Künstlerin produziert wurde. 1603 zog sie nach Rom, wo sie große Triumphe als Malerin feierte und so auch gut für ihren wenig begabten Ehemann sorgte, der als ihr Agent tätig war. Nebenbei fand sie Zeit, elf Kinder zur Welt zu bringen.