Archiv der Kategorie: Gedanken aus der Besteckschublade

Schnitzeljagd trifft Wirklichkeit oder: Das 20-jährige Abi-Treffen

Mitte November war ich bei meinem 20-jährigen Abiturtreffen. Ende November war ich in der Schreibwerkstatt. Die erste Schreibanregung dort: Schnitzeljagd! In der Schule hieß das Reizwortgeschichte. Die Aufgabe: Stricke um eine Reihe von Wörtern einen Text. Die Geschichte, die zu mir kam, war die des Abi-Treffens zwei Wochen zuvor. Das Ergebnis ist ein fast zu 100% autobiographischer Text. Welche Wörter zur Schnitzeljagd gehören, welches Wort ich nicht unterbringen konnte und warum, steht am Ende dieses Artikels. Doch nun zunächst:

Das 20-jährige Abi-Treffen
Noch keiner verschrumpelt! Das ist mein erster Gedanke, als ich die hell beleuchtete Aula meiner alten Schule betrete. Ich bin ein bisschen spät dran. Im Halbkreis stehen etwa 30 Leute, die hier Abitur gemacht haben. Ich bin einer von ihnen. Mit einem Blick in die Gesichter schmelzen 20 Jahre dahin. Bilder erscheinen, Erinnerungen erwachen; sowohl ungewollt versunkene als auch absichtlich in die Ecke gekickte. Ich bin wieder 19.

Die Schulleiterin, die keiner von uns kennt, beendet ihre kurze Begrüßungsrede und startet die Führung durch unsere Schule. Ich folge mit schlafwandlerischem Vertrauen.

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Königin von Deutschland

Stellt euch vor! Ich habe geträumt, ich wäre Königin von Deutschland. Dies waren meine ersten Amtshandlungen:

Die Löhne in der Kinderbetreuung sowie Kranken- und Altenpflege habe ich verdoppelt. Die Gegenfinanzierung kommt aus dem Wegfall des Betreuungsgeldes sowie den Mehreinnahmen aus der Vermögenssteuer und der PKW-Maut (dazu siehe unten).

In allen Betriebskantinen und Restaurants habe ich pro Woche drei Veggie-Tage eingeführt. Ausnahme: Die Kantine der FDP. Da gibt es nur noch vegan. Außerdem habe ich dort überall riesige Plakate aufhängen lassen. Darauf ein Foto mit Renate Künast und mir. Wir tragen bequeme Klamotten und winken fröhlich in die Kamera.

Dann habe ich die PKW-Maut auf deutschen Autobahnen durchgesetzt. Für Ausländer und Deutsche. Wer die Autobahn benützt, bezahlt. Wer längere Strecken fährt, bezahlt mehr. Und weil die CSU so gerne Extrawürste brät, hat sie auch hier eine bekommen: CSU-Mitglieder zahlen dreimal so viel wie alle anderen.

Unrealistisch, meint ihr? Despotisch, beklagt ihr euch? Nicht gerecht, wird gejammert? Finde ich nicht. Aber keine Panik: Es war ja nur ein Traum.

Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift

Im Oktober 2012 wird einer Fünfzehnjährigen in den Kopf geschossen. Weil sie in die Schule geht. Als ich 15 war, bin ich gern zur Schule gegangen. Es war für mich selbstverständlich und manchmal etwas lästig. Außerhalb der Schule hatte ich Madonna, die Bravo, Lidschatten und die ersten Jungs im Kopf – keine Kugeln von Extremisten. Ich hatte keine Ahnung, wie privilegiert ich war.

Heute ist Malala Yousafzai 16 geworden und hat vor den Vereinten Nationen eine Rede gehalten. Von gleichen Rechten, vom Recht auf Bildung für alle hat sie gesprochen. Davon, dass Bildung die mächtigste Waffe ist gegen Terrorismus. Der Zugang zu Bildung für alle Mädchen und Jungen ist der Schlüssel. Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern, sagt sie. Ich glaube ihr.

Inzwischen weiß ich, wie privilegiert ich damals war und heute bin. Und ich beginne zu verstehen, dass es eine Pflicht der Privilegierten ist, aufzustehen und mehr zu tun als Gott oder wem auch immer zu danken, dass man am richtigen Ort zur richtigen Zeit geboren wurde. Denn zu tun gibt es viel, auch im privilegierten Deutschland und Europa.

Malalas Rede vor der UN Jugendversammlung ist z.B. auf YouTube zu sehen:

Und ein Artikel auf sueddeutsche.de: Malalas Waffe heißt Bildung

Nominiert für den Deutschen Phantastik Preis 2013

Die Anthologie „Wenn das die Grimms wüssten“, in der meine Geschichte von Kamron, dem Wolf erschienen ist, wurde für den Deutschen Phantastik Preis nominiert, in der Kategorie “ Beste Original-Anthologie/Kurzgeschichten-Sammlung“.
Mehr Info hier: http://www.deutscher-phantastik-preis.de/

Wer den Preis gewinnt, entscheidet das Publikum. Jeder kann online abstimmen!

Und das geht so:
Mit der E-Mail-Adresse hier anmelden: http://dontapir.de/dpp/
An die E-Mail-Adresse wird ein Bestätigungscode geschickt.
Mit diesem Einloggen, dann zur Kategorie Beste Original-Anthologie/Kurzgeschichten-Sammlung“ gehen und dort auswählen: Peter Hellinger [Hg]: Wenn das die Grimms wüssten (art&words)“

Bestätigen durch Klick auf „Update“. Und schon zählt die Stimme!
Die Abstimmung läuft bis zum 28. Juli 2013.

Ich hab schon abgestimmt. 🙂

Galerie

Schneckentempo & andere Waldimpressionen

Diese Galerie enthält 8 Fotos.

Anstatt mit großen Schritten bewegt sich der Frühling weiterhin bestenfalls im Schneckentempo. Gutes Wetter gilt es zu nutzen. So getan am Pfingstmontag, bei einem ausgedehnten Spaziergang im nahen Wald. Hier ein paar Eindrücke.

Barbie ist nicht böse

Das bombastische Püppchen war schon immer umstritten und in der neu belebten Sexismus-Debatte bekommt sie natürlich auch ihr Fett weg (sie hat ja sonst keins…außer an den richtigen Stellen…hahaha).

In den Achtzigern habe ich über Jahre hinweg intensiv mit meinen Barbies gespielt. Ich bin weder der Magersucht noch dem Schönheits-OP-Wahn noch dem Klamotten- und Kosmetikkonsumzwang verfallen. Warum nicht? Weil Barbie an sich nicht böse ist. Wie andere Spielzeuge auch ist die Plastikfrau eine Projektionsfläche für die kindliche Phantasie.

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Es müssen mehr Frauen aufstehen!

Ja, ich schaue gerne „Wer wird Millionär?“. Dort gibt es den so genannten Zusatz-Joker. Dabei darf eine einzelne Person aus dem Publikum bei der Beantwortung der Frage helfen. Wer aus dem Publikum meint, die Antwort zu kennen, steht auf und der Kandidat wählt eine Person aus.

Mein Eindruck ist – ohne statistisch geprüft zu haben – dass deutlich mehr Männer aufstehen als Frauen. Und deswegen(?) werden auch mehr Männer als Zusatz-Joker ausgesucht. Woher kommt das? Sind mehr Männer im Publikum als Frauen? Wahrscheinlich nicht. Wissen Männer mehr als Frauen? Natürlich nicht. Es stehen einfach mehr Männer auf.

Frauen stehen nur auf, wenn sie wirklich sicher sind, dass sie richtig antworten können – und vielleicht noch nicht einmal dann. Viele Männer springen schon vom Sitz, wenn sie eine ungefähre Ahnung haben – und verkaufen diese oft als fundiertes Wissen.

Diese Verhaltensmuster kenne ich aus eigener Erfahrung, privat und beruflich. Männer stellen Behauptungen auf, die sehr überzeugend klingen – und später stellt sich heraus, dass doch nicht alles so verlässlich war wie vorgetragen. Frauen neigen zum anderen Extrem. Sogar wenn sie etwas genau wissen, verwenden sie Formulierungen wie „ich glaube“ oder „es könnte sein“. An mir selbst habe ich das auch beobachtet – und mich darüber geärgert. Wenn ich doch sicher bin, warum sage ich es nicht klipp und klar?

Und es ist nicht nur die Wortwahl. Oft habe ich erlebt, dass ich etwas vorschlage oder anmerke und keine echte Reaktion erhalte. Zwei Minuten später sagt ein Kerl das gleiche und erntet die Lorbeeren – während ich noch darüber grübele, wo denn jetzt der Unterschied liegt zwischen dem, was ich gesagt habe und dem, was er gesagt hat. Die Antwort: Kein Unterschied. Nur: Er ist gehört worden und ich nicht. Weil er mehr Präsenz gezeigt hat, vielleicht lauter gesprochen hat als ich.

Das klassische Lernmodell kommt ins Spiel: Belohntes Verhalten wird verstärkt, ignoriertes Verhalten wird gelöscht. Männer werden immer forscher, Frauen irgendwann still.

Frauen müssen also lernen, ihr Wissen selbstbewusst mitzuteilen und Erfolg den eigenen Fähigkeiten zuzuschreiben. Frauen brauchen den Mut, stark aufzutreten auch mal lauter zu sprechen als sie es normalerweise tun würden. Müssen sich trauen, zu widersprechen, wenn jemand Quatsch redet. Und sie müssen lernen, klar und einfach zu formulieren. Zumindest, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Details und Sonderfälle können im Anschluss vorgebracht werden. Ich selbst habe mich in den letzten Jahren ein gutes Stück in diese Richtung entwickelt. Und ohne Zweifel werde ich tatsächlich mehr gehört als früher.

Dies ist kein Plädoyer für verbales Rowdytum oder dummdreiste Verkündigungen, im Gegenteil. Zuhören und ehrliches Zugeben, wenn man etwas nicht weiß, sind unerlässlich. Ich finde nur, Frauen stehen häufig zu sehr in der einen und Männer in der anderen Ecke. Und wie meist im Leben ist es in der Mitte goldener als am Rand. In diesem Sinne freue ich mich über alle Frauen, die bei Jauch aufstehen und Kluges zum Besten geben.

Ich stell mir vor…

Ich bin ein Schuh. Wenn ich in einer Reihe mit anderen Schuhen stehe, falle ich auf den ersten Blick kaum auf. Mein Leder ist schwarz, leicht glänzend. Angenehm weich, aber nicht zu empfindlich. Gepflegt werden muss es natürlich schon.

Ich passe nicht jedem. Selbstverständlich bin ich ein Stück weit flexibel, wenn ein Fuß mich anzieht. Doch nur ein Stück, nicht mehr.

Passt ein Fuß zu mir – und ich zu ihm – steht die Welt uns offen. Dann werde ich ihn begleiten, ohne zu drücken. Und er wird mich gar nicht mehr ausziehen wollen.

So, und jetzt dürfen Sie einmal entspannen.

Heute war ich beim Friseur. Und habe mir bereitwilligst das „Pflegepaket Medium“ aufschwatzen lassen. Da ich die einfachste Frisur der Welt habe und überhaupt nur dreimal im Jahr zum Friseur gehe, kann ich mir das erlauben.

Das Pflegepaket auf mich draufgepackt hat eine Auszubildende, die nicht gerade ein Faible für Rhetorik hat. Sie hat sich auf das Nötigste beschränkt: Bitte den Kopf kurz nach vorne. Wieder nach hinten. Passt das Wasser? Bitte wieder zum Platz gehen. Etc. Und das alles ein bisschen hölzern und steif.

Süß fand ich, als nach dem Auftragen der ersten Kurpackung die Anweisung kam: So, und jetzt dürfen Sie einmal entspannen. Einen Moment lang war ich verwirrt. Die Auflösung kam in Form einer sehr angenehmen Kopfmassage. Das Mädel hat ein gutes Trinkgeld von mir bekommen.

Nach dem Friseur war ich noch Lebensmittel einkaufen. Dabei kam es zur ersten absolut irrationalen Handlung des Jahres: Ich habe eine Flasche Weißwein gekauft, nur weil auf dem Etikett ein Wellensittich aufgedruckt ist. Den fand ich so putzig. Mal sehen, ob der Wein was taugt…

Der Tag, so unspektakulär er war, liefert ein schönes Motto fürs neue Jahr. Erstens: Gönn dir ruhig mal was Besonderes; zweitens: Tu auch den anderen was Gutes; und drittens: Mach ab und zu was Komisches.

Zusätzlich nett war: Beim Friseur lief das Lied „Morgens immer müde“ von Laing. Das geht glatt als Motto meines Lebens durch!

 

Das Original ist übrigens von Trude Herr. Hat auch was.

 

In diesem Sinne: Ein schönes neues Jahr!

Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug

„Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.“ Dieses Zitat wird Epikur von Samos zugeschrieben. (Den ich wegen seines Gartens und der starken Idee der Lebensfreude schon in der Schule mochte.)

Die Einschätzung, was „genug“ ist, hängt sehr stark vom Einzelnen ab. Ebenso ist es mit dem Empfinden von (gesellschaftlicher) Gerechtigkeit, wenn es um Themen wie Steuern und Sozialpolitik geht.

Und man muss sich wohl damit abfinden, dass Überzeugungsarbeit in manchen Fällen verlor’ne Liebesmüh‘ ist. Am Ende muss jeder so handeln, wie er es für richtig hält.

Ich tue das, indem ich mein Spenden-Portfolio um eine Fördermitgliedschaft bei der „Tafel“ meiner Stadt erweitere. Denn ich kann es mir glücklicherweise leisten, ein bisschen mehr zu geben als ich muss.

Und was sagt Epikur dazu? „Der größte Lohn der Selbstgenügsamkeit ist die Freiheit.“