Archiv der Kategorie: Geschichten

Sommerzeilen, inspiriert von Sarah Kirsch

Marienkäfer auf dem Rosenblatt.
Seine Punkte zu klein, sie zu zählen.

~

Schwarze Wolkenberge.
Die ersten Tropfen
schlagen auf das gelbe Gras.

~

Wolkenfetzen leuchten violett.
Gleich glänzt der erste Stern.

~

Das silberne Licht
in schwüler Nacht
lässt mich nicht schlafen.


Sarah Kirsch auf Wikipedia

Jahresende

Carolas Suche, Teil 10
Was zuvor geschah

Carola hatte Silvester noch nie besonders gemocht. Und seit sie über 30 war, empfand sie eine echte Abneigung gegen den Trubel, der um den Jahreswechsel gemacht wurde. Was sollte das? Warum sollte man feiern, dass schon wieder ein Jahr vorüber war, in dem man nicht wirklich etwas erreicht hatte? Und mit guten Vorsätzen war Carola auch nicht gerade gut Freund; meist erlebten diese noch nicht einmal ungebrochen den Sonnenaufgang des ersten Januars.

Carola zog die warme Wolldecke bis unters Kinn und goss sich Tee nach. Kanne und Tasse standen in Reichweite neben ihr auf dem Couchtisch. Sie griff zur Frauenzeitschrift und las den Artikel weiter, mit dem sie gestern begonnen hatte. Titel: „Wie frau entspannt bleibt, auch wenn die Uhr laut tickt.“

‚Machen wir uns nichts vor. Wer eine Medaille beim Marathon gewinnen will, darf nicht nach zehn Kilometern stehen bleiben. Setzen Sie die Schutzbrille ab, wenn Sie auf Ihre Beziehung schauen. Helfen Sie Ihrem Partner, die Maske abzulegen und sein wahres Gesicht zu zeigen. Wenn Sie die Schatzkiste heben wollen, dürfen Sie nicht wie eine Ente automatisch abtauchen, wenn ein anderer Leckerbissen lockt. Noch dürfen Sie wie ein tönerner Golem willenlos alle Befehle erfüllen, die Ihnen auf Zettel gekritzelt zugesteckt werden. Öffnen Sie Ihr Herz, es ist weder aus geschmiedetem Metall noch aus bröckelndem Tuffstein.‘ Weiterlesen

Traum und Wirklichkeit

„Meine Damen und Herren, vielen Dank fürs Zuschauen! Wir sehen uns wieder, wenn Sie möchten, in vier Wochen. Dann begrüße ich Sie aus der Stadthalle in Karlsruhe. Gute Nacht!“

Der Abspann der Samstagabendshow lässt Andreas hochschrecken. Verschlafen schaut er auf die Digitaluhr neben dem Fernseher. 23:08. Schon wieder auf der Couch eingepennt. Na, was soll’s, ab ins Bett. Andreas schlüpft in seine ausgetretenen Pantoffeln und schlurft ins Bad. Zähneputzen, Katzenwäsche, Pinkeln.

Wie gewohnt legt er sich auf die linke Seite des Bettes. Die andere Seite bleibt leer. Drei Monate ist es her, dass Silvia ausgezogen ist. Andreas‘ Hoffnung, sie würde zurückkommen, ist inzwischen klein wie eine Erbse. Trotzdem: Decke und Kopfkissen liegen auf der rechten Seite bereit. Man weiß ja nie. Kurzes Räkeln, ausgiebiges Gähnen, schon ist Andreas eingeschlafen. Die Träume kommen schnell. Weiterlesen

Eine ungewöhnliche Liebe

Ein Lippenstift verliebte sich in eine Beißzange. Es war großes Glück, dass die beiden sich kennen lernten. Fehlender Ordnungssinn eines Menschen kam ihnen zugute. Nachdem der Mensch den Nagel eines ausgeblichenen Bildes im Badezimmer gezogen hatte, blieb die Beißzange liegen. Im direkten Blickfeld des Lippenstifts, dessen Platz neben dem Schminkspeigel war.

Die Beißzange hatte gleich die Aufmerksamkeit des Lippenstifts erregt. Ihr matt schimmerndes Metall, ihre wohlgeschwungene Form! Das leise Knacken, als sie den Nagel fest umschloss; das kaum hörbare Knirschen, als sie den Nagel ohne Umschweif aus der Wand zog!

Ach, wäre die Farbe des Lippenstifts nicht ohnehin schon „bright strawberry“ gewesen, er wäre vor Aufregung ganz rot geworden.

Wie groß war seine Freude, als die Beißzange liegen blieb! Tag und Nacht, Nacht und Tag betrachtete er sie und stündlich wuchs seine Verehrung. Nach einer Woche wagte es der Lippenstift: Er sprach die Beißzange an.

„Liebe Beißzange, wie sehr ich dich bewundere! Du bist alles, was ich sein will. Du bist kräftig, hart und stark. Dir steht die Welt offen, denn du kannst zupacken! Ich hingegen bin weich und schwach. Eine zu heftige Bewegung beim Auftragen und mein Leben ist vorzeitig zu Ende, abgebrochen. Solcherlei musst du nicht fürchten!“

Die Beißzange hörte dem Lippenstift gespannt zu. Insgeheim hatte sie schon seit Tagen gehofft, dass er sie ansprechen würde. Denn auch ihr war er sofort aufgefallen. Sie hatte genau beobachtet, wenn der Lippenstift zum Einsatz kam, erst neugierig, dann zärtlich und sehnsüchtig.

Sie sagte zu ihm: „Mein liebster Lippenstift. Deine Worte rühren mich. Doch es ist genau umgekehrt! Du bist, wie ich sein will. Geschmeidig, strahlend, anschmiegsam. Du bringst Farbe und Freude. Ich bin nur ein starres Werkzeug, du bist ein wahrer Künstler!“

Kaum waren diese Worte gesprochen, öffnete sich die Badezimmertür. Die Beißzange wurde von einer entschlossenen Hand gegriffen und fortgebracht. Die Chancen auf ein Wiedersehen der beiden standen schlecht. Das war zwar schade. Aber ihrer Liebe tat das keinen Abbruch.

 

Gedanken zum Frühling

Sperling sein. Manchmal möchte ich tauschen.
Keck sein. Dem Schnabel nach hüpfen.
Klein sein. Überall Unterschlupf finden.
Leicht sein. Ohne Ballast durchs Leben.

Inspiriert von einem Gedicht von Frantz Wittkamp und geschliffen mit der tatkräftigen Unterstützung der Teilnehmer der Schreibwerkstatt am letzten Wochenende.

Leicht genommen

Ein Blick auf die Armbanduhr. Schon kurz vor Neun. Jetzt aber schnell! Den Rucksack mit Laptop geschultert, den Fahrradschlüssel geschnappt, los geht’s! Draußen nieselt der Novemberregen. Handschuhe und Schal sind auf der Kommode liegen geblieben.

Ohne nach links und rechts zu sehen mit Tempo auf die Straße. Die scharfe Bremsung des VW Golf bleibt unbemerkt.

Es ist doch ein wenig frisch, also: Hände in die Jackentaschen. Auch die Kurven werden freihändig gefahren. Handzeichen sind ohnehin nicht im Repertoire.

Die Fahrradampel springt auf Rot, gleich fährt der Bus an. Anstatt zu halten: ein kräftiger Tritt in die Pedale. Gerade noch geschafft!

An den Fahrradständern sind leider nur noch ganz hinten Plätze frei. Schon Viertel nach Neun. Jetzt aber schnell!

Auf halbem Weg ins Büro der siedendheiße Gedanke: Das Rad ist nicht abgeschlossen! Kurzes Überlegen. Dann: Schulterzucken. Wird schon nichts passieren.

Folgen Sie dem Fuchs! oder: Die Karten lügen nicht – Anmerkung: Diesmal ganz ohne Frauenzeitschrift

Carolas Suche, Teil 9
Was zuvor geschah

„Ich gehe doch nicht zur Wahrsagerin!“, sagte Carola entrüstet.

Ihre Kollegin Irene erklärte verteidigend: „Donna Ana ist keine Wahrsagerin. Sie ist Beraterin. Und eine Meisterin im Lesen der Karten. Dazu so feinfühlig und sensitiv. Sie spürt Dinge, die anderen entgehen. Sie hat mir schon oft geholfen. Hier, nimm ihre Karte. Das tut nicht weh.“

Irene hielt Carola eine golden glänzende Visitenkarte mit geschwungenem Aufdruck entgegen. Zögernd nahm Carola die Karte und steckte sie ins hintere Fach ihres Portemonnaies.

Eine Woche später stand Carola vor Donna Anas Tür. Die Meisterin der Sensitivität wohnte ganz unscheinbar in einem Mehrfamilienhaus in einer biederen Wohngegend. „Donna Ana – Beratung“ war neben der Klingel zu lesen, auf die Carola ein wenig unsicher drückte. Der Türsummer ertönte fast sofort. Im Treppenhaus roch es frisch geputzt. Eine der drei Wohnungstüren im ersten Stock war angelehnt und gerade, als Carola anklopfen wollte, rief eine melodische, leicht rauchige Stimme aus der Wohnung: „Treten Sie nur ein, meine Gute. Ich bereite uns einen Tee.“ Weiterlesen

Maskentag

Es ist ein Tag wie jeder andere. Ich komme ins Büro. Kaum habe ich mich gesetzt, lehnt sich Lukas mit der Hüfte gegen meinen Schreibtisch. Unverschämt wie immer glotzt er mir ins Dekolleté.

„Na, wie geht’s, Kollegin? Ist doch toll, dass es jetzt wieder wärmer wird, oder?“

Ich setze zu einem gequältem Lächeln und einer höflich-lahmen Antwort an, wie üblich. Da wird mir schlagartig klar: Heute ist der Tag, an dem ich die Maske absetzen werde!

„Du notgeiler Hirsch, hör sofort auf, mir auf die Brust zu starren! Denkst du, ich merke das nicht? Du widerst mich an!“ Weiterlesen

Schnitzeljagd trifft Wirklichkeit oder: Das 20-jährige Abi-Treffen

Mitte November war ich bei meinem 20-jährigen Abiturtreffen. Ende November war ich in der Schreibwerkstatt. Die erste Schreibanregung dort: Schnitzeljagd! In der Schule hieß das Reizwortgeschichte. Die Aufgabe: Stricke um eine Reihe von Wörtern einen Text. Die Geschichte, die zu mir kam, war die des Abi-Treffens zwei Wochen zuvor. Das Ergebnis ist ein fast zu 100% autobiographischer Text. Welche Wörter zur Schnitzeljagd gehören, welches Wort ich nicht unterbringen konnte und warum, steht am Ende dieses Artikels. Doch nun zunächst:

Das 20-jährige Abi-Treffen
Noch keiner verschrumpelt! Das ist mein erster Gedanke, als ich die hell beleuchtete Aula meiner alten Schule betrete. Ich bin ein bisschen spät dran. Im Halbkreis stehen etwa 30 Leute, die hier Abitur gemacht haben. Ich bin einer von ihnen. Mit einem Blick in die Gesichter schmelzen 20 Jahre dahin. Bilder erscheinen, Erinnerungen erwachen; sowohl ungewollt versunkene als auch absichtlich in die Ecke gekickte. Ich bin wieder 19.

Die Schulleiterin, die keiner von uns kennt, beendet ihre kurze Begrüßungsrede und startet die Führung durch unsere Schule. Ich folge mit schlafwandlerischem Vertrauen.

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Ein schlimmer Tag

Zu wenig geschlafen
Einen Pickel entdeckt
Den Seidenschal im Reißverschluss eingeklemmt
Den Bus verpasst
Das wichtige Meeting versäumt
Mit dem Chef gestritten
Die neue Bluse mit Kaffee bekleckert
Den Computer zum Absturz gebracht
Im Regen nach Haus gelaufen
Eine dicke Blase am kleinen Zeh bekommen
Direkt ins Bett gegangen
Die Decke über den Kopf gezogen