Archiv der Kategorie: Geschichten

Traue nicht dem Reitlehrer

Klaus konnte es noch immer nicht fassen, obwohl Judith nun schon seit zwei Wochen weg war. Mit diesem Grünschnabel von Reitlehrer war sie durchgebrannt; fast 20 Jahre jünger als sie selbst.

Beherzt hatte Judith die Affäre gestanden; ehrlich war sie, das musste Klaus ihr zugestehen. Gekocht vor Wut hatte er trotzdem. Er hatte sie angeschrien: „Dann pack doch deinen Plunder, wenn du glaubst, dieser schiefmäulige Aushilfs-Cowboy macht dich glücklicher als ich!“

Und genau das hatte Judith getan. Hatte all ihre Sachen abgeholt, tagsüber, während Klaus im Büro saß. Ein wahrer Kahlschlag.

Klaus fühlte sich seitdem wie ein Käuzchen im Sturmtief: ständig in Furcht, haltlos weggeweht zu werden. Auf junggeselliges Lotterleben hatte er keinen Appetit. Schrumpfen wollte er, bis er so klein war, sich in den Ritzen der alten Holzdielen zu verkriechen.

Die letzten Worte, die er mit Judith gewechselt hatte, hallten in seinem Kopf wider: „Vergiss die Reitpeitsche nicht, um deinen jungen Hengst zu zähmen!“

Verletzen wollte er sie; und wütend machen. Doch er sah in Judiths Augen nur Traurigkeit und noch schlimmer: Mitleid. Ihre Stimme war ruhig, fast zärtlich: „Ich hätte mir auch ein anderes Ende gewünscht. Aber wir beide wissen, dass es in Wahrheit schon lange vorbei ist.“

Darauf hatte Klaus keine Antwort gehabt. Stumm hatte er zugesehen, wie Judith sanft die Haustür hinter sich zuzog. Vor zwei Wochen… Seitdem schielte Klaus bei jeder Gelegenheit hinüber zur Tür – doch sie blieb geschlossen.

Vor dem Abendessen (Schau mal, Schatz – Episode 2)

„Komm mal, Schatz, das musst du dir ansehen!“, ruft Christian mir in die Küche zu. Mit dem Geschirrtuch und dem Rotweinglas, das ich gerade abtrockne, gehe ich hinüber ins Wohnzimmer.

„Schau mal.“ Christian zeigt auf den laufenden Fernseher. Auf dem Bildschirm sehe ich eine Frau in einem hochgeschlossenen knielangen roten Kleid, nein, es ist eher ein Kittel. Sie trägt klobige Männerschuhe, die dicken Socken reichen ein Stück über die Knöchel. Ihr Gesicht ist hinter einer altertümlich anmutenden Gasmaske versteckt. So einer, wie man sie aus Museen über die Weltkriege kennt. In den Händen hält die Frau ein Staubsaugerrohr. Erst auf den zweiten Blick bemerke ich, dass das Staubsaugerrohr über einen geriffelten Schlauch direkt in die Atemöffnung der Gasmaske führt.

„Was ist das denn?“, frage ich irritiert.

„Die neue Samstagabendshow des ZDF, der Nachfolger von ‚Wetten, dass…?‘. Es heißt…“

Christian blättert in der Fernsehzeitschrift. „… ‚Deutschland sucht den Superputzer‘. Moderiert von Hape Kerkeling. Im Wechsel co-moderiert von Carmen Nebel und Caroline Reiber. Unter der Schirmherrschaft von Ursula von der Leyen. Hier steht noch: Tolle neue Show für die ganze Familie. Zehn Kandidaten beweisen mit ihren innovativen Ideen, dass man im Haushalt Energie sparen kann, ohne auf Reinlichkeit verzichten zu müssen. Am Ende der Sendung votet das Publikum per SMS für ‚Deutschlands Superputzer‘.“

„Und das von unseren Gebühren!“, empöre ich mich, da legt die Staubsauger-Lady auch schon los. In atemberaubender Geschwindigkeit saugt sie eine grünliche körnige Substanz in ihr Rohr und reinigt in unter einer Minute eine Fläche von etwa zwei Quadratmetern.

Das Publikum klatscht frenetisch, Kerkeling und Reiber eilen enthusiastisch auf die Maskierte zu, Ursula von der Leyen und eine tief dekolletierte C- bis D-Prominente applaudieren anerkennend auf einer weißen Ledercouch.

Schnitt auf die Saugfrau in Großaufnahme. Als die Dame Anstalten macht, die Maske abzunehmen, greife ich schnell zur Fernbedienung und schalte den Apparat ab. Christian schaut mich fragend an.

„Ich hätte es nicht ertragen, ihr Gesicht zu sehen.“

Christian nickt verständnisvoll.

„Ich helfe dir schnell beim Abwasch, Schatz“, bietet er an. „Wollen wir danach zum Italiener?“

Dankbar lächele ich ihn an: „Sehr gern!“

Auf dem Weg zurück in die Küche frage ich mich: „Wo wird das alles nur enden?“

Vor dem Frühstück (Schau mal, Schatz – Episode 1)

„Schau mal, Schatz, was ich entdeckt habe!“ Strahlend hält Christian mir eine ovale Form aus Kupfer entgegen, mit einem Drehverschluss oben und vielen Dellen rundherum.

„Du warst also auf dem Flohmarkt?“ Ich hätte es wissen müssen, als er sich angeboten hat, frische Brötchen zu holen.

„Auf dem Weg zum Bäcker kommt man ja direkt daran vorbei. Und, was sagst du?“ Immer noch strahlend präsentiert mir Christian das stumpf glänzende Ding.

„Ist das was zum Kochen?“, frage ich.

„Nein, Schatz, das ist eine Bettflasche“, verkündet Christian fröhlich.

„Was? Zum Pinkeln nachts?“

„Nein, kein Nachttopf! Eine Wärmflasche ist das. Von bevor es den ganzen Plastikplunder gab. Ein echter Schatz, findest du nicht?“

Ich ignoriere, dass Christian dieses verbeulte Ungetüm bei meinem Kosenamen nennt. Ich erkundige mich auch nicht, wie viel er dafür ausgegeben hat. Und ich hinterfrage nicht die Sinnhaftigkeit dieser Neuerwerbung. Stattdessen freue ich mich über die glückliche Verklärtheit in Christians Blick und die kleinen Fältchen um seine Augen und den Mund.

„Die Bettflasche passt wunderbar in die große Vitrine zwischen den bronzenen Amor und das Gläserset aus Bleikristall!“

„Und die angerostete Küchenwaage, den gigantischen Aschenbecher aus Rosenquarz und all den anderen Kram…“, denke ich. Ich frage: „Hast du auch Brötchen mitgebracht?“

„Die mit den Kürbiskernen, die du am liebsten magst. Liegen auf dem Küchentisch.“

Ich küsse Christian sanft auf die Wange und schmiege mich kurz an ihn, so gut es mit dem Metallteil in seinen Händen geht. „Der Kaffee ist schon fertig“, sage ich.

Er küsst mich zärtlich zurück auf den Mund und stellt die Bettflasche auf der Kommode neben sich ab.

„Willst du sie nicht gleich zu Amor und dem Bleikristall bringen?“, frage ich.

„Das mache ich nach dem Frühstück mit dir“, antwortet Christian und zwinkert mir zu: „Sie läuft mir sicher nicht weg.“

kupferne Bettflasche

Neue Erkenntnisse

Carolas Suche, Teil 4
Was zuvor geschah…

Wenn Ihre Beziehung dauerhaft erfüllend sein soll, müssen Sie früh beginnen, eine Zisterne positiver Energie anzulegen. Wie eine Zisterne im Mittelalter den Wasservorrat einer Stadt gesichert hat, so können Sie mithilfe der Beziehungszisterne Trockenperioden oder konfliktbehaftete Phasen überbrücken. Füllen Sie Ihre Zisterne mit Momenten des Glücks, zärtlichen Worten und anderen Liebesbeweisen.

Carola schaute von der Frauenzeitschrift auf, in der sie wie in einer Fibel gelesen hatte. Gleich halb fünf. Nick verspätete sich. Vor sechs Wochen hatten sie sich beim Tanzkurs für Singles kennengelernt. Es folgten mehrere Verabredungen zum Nachmittagskaffee. Carola hatte jedes einzelne Treffen genossen. Nick war humorvoll, ein guter Zuhörer und äußerst charmant. Zugegeben, von sich selbst hatte er bisher kaum etwas preisgegeben. Und auf Carolas vorsichtigen Vorschlag letzte Woche, sie könnten doch auch einmal abends ausgehen, hatte Nick ausweichend reagiert. Zum Abschied hatte er Carola jedoch zärtlich geküsst. Auf der Heimfahrt im Bus hatte Carola gar nicht in der Frauenzeitschrift gelesen, wie sie es sonst immer tat.

„Es tut mir leid, Carola. Ich bin aufgehalten worden.“ Nicks Lächeln strahlte sie an. Schwungvoll hängte er sein Jackett über den Stuhl und setzte sich Carola gegenüber.

Gerade wollte sie sagen: Macht nichts, schön, dass du da bist; da blieb ihr Blick an Nicks linker Hand hängen.

„Nick, was ist das?“

„Was meinst du?“

„An deiner Hand. Was ist das?“

Nicks Strahlen fror ein. Carola starrte fassungslos auf das schmale goldene Band.

„Carola, bitte. Ich kann das erklären.“

„Nicht nötig!“

Carola nahm ihre Kaffeetasse und schüttete Nick den lauwarmen Rest ins Gesicht. Sie packte ihre Tasche und rannte aus dem Café. Draußen konnte sie die Tränen nicht mehr aufhalten. Sie lief die Straße hinunter, ohne zu wissen, wohin. Allmählich wurden ihre Schritte langsamer, der Atem ruhiger, die Tränen trockneten.

Sie kam an einem kleinen Park vorbei und setzte sich auf eine sonnenbeschienene Bank. Jemand hatte eine Tageszeitung liegen lassen. Carola griff nach einem Teil und schlug wahllos eine Seite auf. ‚Kontakte‘ lautete die Überschrift. „Wie passend…“, dachte Carola. Sie las die erste Anzeige in der Rubrik ‚Er sucht Sie‘.

Eros (30, sportlich, attraktiv) sucht Venus (bis 25, max. 55 kg, blond). Wenn du auch so viel Spaß daran hast wie ich, dann melde dich. Chiffre 1236.

Direkt darunter stand:

Knuddelbär (39) sucht Kuschelmaus zum Knuddeln und Kuscheln. Ich hab alle Kuschelrock! Chiffre 3875.

Mit hochgezogenen Augenbrauen legte Carola die Zeitung beiseite. Sie holte ihr Handy aus der Tasche. Nick hatte fünfmal angerufen. Vielleicht sollte sie sich doch anhören, was er zu sagen hatte…

So geht es weiter…

Zug ohne Zeit

Lederbezogene Sitzbänke, bequem gepolstert. Schummriges Licht in den Abteilen. Fein gedeckte Tische im Speisewagen. Die Gesellschaft ist vergnügt. Champagner, Kaviar, Zigarren. Gewichtige Männergespräche, leichtes Frauenlachen.

Im Rhythmus der Lokomotive zieht die Landschaft vorbei. Schneebedeckte Gipfel, unergründliche Seen, verwunschene Wälder. Niemand drinnen bemerkt sie. Es wird Nacht und Tag und wieder Nacht. Niemand drinnen sieht auf die Uhr. Die Zeit steht still. Und der Zug fährt weiter, immer weiter.

In einem kleinen Bahnhof am Rand der Welt steht ein Junge. Er sieht auf die Uhr. Gleich wird er kommen. Jeden Tag kommt er um die gleiche Zeit, pünktlich auf die Minute. Der Junge hört den Pfiff der Lok, bevor der Zug um die Kurve biegt. Ohne langsamer zu werden fährt er in den Bahnhof. Der Junge sieht die Menschen in den beleuchteten Waggons.

Da ist auch wieder das kleine Mädchen. Als Einzige schaut sie zum Fenster hinaus. Sie sieht traurig aus. Der Junge weiß nicht, ob sie ihn sehen kann. Und schon ist der Zug vorbeigefahren. Der Junge bleibt stehen, bis die Dämmerung die roten Rücklichter verschluckt hat. Dann macht er sich auf den Weg nach Hause. Wie immer fragt er sich, ob er heute seinen Eltern oder seinem Bruder von dem Zug erzählen soll. Würden sie ihm glauben?

Eines jedenfalls ist sicher: Morgen wird er wieder zum Bahnhof kommen. Und vielleicht findet er dann endlich den Mut, dem Mädchen zuzuwinken.

Vögelchen in der Grube

„Wir verabschieden uns heute von unserem treuen Freund Heribert von Tralala. Auf dass er vom Vogelhimmel immer auf uns hinunterschauen möge. Wir bedanken uns für die schöne Zeit, die wir mit ihm hatten, und die vielen fröhlichen Lieder, die er für uns sang.“

Monika schaute in die Runde. Offensichtlich waren ihre Worte ausreichend gewesen, denn Tina, ihre elfjährige Tochter, legte vorsichtig den schmalen Schuhkarton in die Grube, die Monika eine Stunde zuvor im Garten hinter den Johannisbeeren ausgehoben hatte. Eigentlich war es eher ein Grübchen.

Der siebenjährigen Anna liefen dicke Tränen über die geröteten Wangen. Ein großer Fortschritt im Vergleich zu den jämmerlichen Weinkrämpfen vor einigen Stunden. Tina war hingegen mit dem  unerwarteten Tod des Familienwellensittichs recht abgeklärt umgegangen: „Nein Mama, ich möchte keinen neuen Vogel. Nach Heribert wären alle anderen nur ein Plagiat.“ Das Wort hatte Tina drei Tage zuvor im Deutschunterricht gelernt. „Ich werde die Erinnerung an Heribert nicht nur im Gedächtnis, sondern auch im Herzen behalten“, hatte Tina feierlich hinzugefügt. Monika war gerührt.

„Heribert, wir denken an dich, wenn wir die Vögel im Garten zwitschern hören“, sagte Tina nun, trat vom kleinen Grab zurück und nahm ihre Schwester in den Arm. Monika warf mit dem Spaten vorsichtig Erde auf Heribert im Karton. „Es tut mir leid, kleiner Piepmatz“, dachte sie dabei. Mit dem schlechten Gewissen einer Mutter, die ihren Kindern nicht die Wahrheit sagt, schaufelte sie weiter.

Roberts Argumentation war bestechend gewesen. Die Mädchen hatten es doch sowieso schon schwer genug, sich an ‚Mamas neuen Freund‘ zu gewöhnen. Und nun sollten sie auch noch denken, er habe ihren geliebten Heribert auf dem Gewissen? Das könne doch sicherlich niemandem nutzen.

Mit gemischten Gefühlen hatte Monika zugestimmt, den Mädchen eine sanfte Version von Heriberts Dahinscheiden aufzutischen.  Heriberts Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen, irgendwann zwischen großer Pause und der vierten Stunde. – Die Wahrheit sah anders aus…

Beim Säubern des Vogelkäfigs in der Küche hatte Monika unachtsam das Türchen offen gelassen und Heribert entkam unbemerkt. Als Monika den leeren Käfig sah, hatte Heribert schon den Weg durch die angelehnte Küchentür gefunden. Mit Schrecken dachte Monika sofort an Roberts Atelier.

Als Robert vor sechs Monaten eingezogen war, hatte er den Wintergarten zur Werkstatt umgebaut. Robert war freier Künstler und verdiente gut mit seinen Werken. Hauptsächlich arbeitete er mit Glas und Metall, manchmal auch mit Kunststoff. Zurzeit entstand eine mannshohe Skulptur aus Aluminium und kupfernem Stacheldraht.

Monika lief zum Atelier und rief: „Robert, schnell, mach die Tür zu, der Vogel!“ Die Tür stand halb offen und ohne Nachzudenken schlug Monika sie zu. Die Tür war von außen nur mit einem Schlüssel zu öffnen – eine Vorsichtsmaßnahme, auf die Monika bestanden hatte, damit die Mädchen sich nicht unbeaufsichtigt verletzten.

„Moni-Maus, hast du gerufen?“ Erschrocken drehte Monika sich um. Robert stand vor ihr.

„Bist du nicht im Atelier?“

„Ich war im Garten rauchen. Was ist denn los?“

„Heribert ist mir entwischt und…“

In diesem Moment hörten sie Vogelkreischen aus dem Atelier.

„Oh Gott, er ist da drin!“ Monika klang noch panischer als der Wellensittich. „Robert, hol die Brechstange!“

„Moni, Süße, beruhig‘ dich. Ich hab den Schlüssel doch hier.“

Robert sperrte die Tür auf. Im Raum dahinter war es wieder still. Einen Moment lang hoffte Monika auf ein Wunder. Aber Wunder gab es nicht, das wusste sie. Vielleicht war es immerhin ein kleines Wunder, dass Heriberts Verletzungen kaum sichtbar waren, so dass Monika mit ihrer Lüge durchkommen konnte…

Die kleine Grube war nun gefüllt, sanft klopfte Monika die frische Erde platt. Tina und Anna legten beide einen Strauß Gänseblümchen auf Heriberts letzte Ruhestätte. Robert hatte an der Zeremonie nicht teilgenommen. „Ich muss erst mal den Schaden beheben, den der Vogel angerichtet hat“, hatte er gemeint.

„Kommt Kinder, ich hab euren Lieblingskuchen gebacken.“ Nachdenklich sah Monika zum Wintergartenatelier hinüber, in dem Robert vertieft an seiner Skulptur arbeitete. „Ihr dürft heute so viel essen, wie ihr wollt.“

Im Delikatessenladen

Bitte geben Sie mir ein halbes Dutzend Kindheitsträume. Gerne etwas ausgefallen, aber nicht zu sehr. So, dass man noch dran glauben kann.

Nun, dann vielleicht drei Flaschen Lebensideale. Von den lieblichen, die sagen mir am meisten zu. Etwas Würze, fein dosiert, kann dabei sein.

Auch nicht. Bliebe noch – Schinken sehe ich haben Sie da hängen. Zwei, drei werden genügen. Sind die denn auch vom Unschuldslamm?

Inspiriert von „im delikatessenladen“ von Ernst Jandl
Mehr über Ernst Jandl: http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Jandl

Eins, Zwei, Wiegeschritt

Carolas Suche, Teil 3
Was zuvor geschah…

„Und Eins, Zwei, Wiegeschritt. Sehr schön! Und gleich nochmal!“ Mit energiegeladener Stimme übertönte der Tanzlehrer die dröhnende Tangomusik.

Carola wünschte, ein wenig dieser Energie würde auf ihren Tanzpartner überspringen. Bernd, 36, geschieden, zwei Katzen, keine Kinder, hatte zaghaft lasch seine Hände auf Carolas Hüfte und Arm gelegt. Mehr Nachdruck zeigten Bernds Beine und Füße. Wenigstens entschuldigte er sich jedes Mal höflich, wenn er wenig filigran Carolas Zehen traktierte.

‚Einen passenden Partner zu finden, ist nie einfach. Und wenn man die magische 30 überschritten hat, wird es umso schwieriger. Nachdem die online-Partnerbörsen den Reiz des Neuen endgültig verloren haben, geht der Trend wieder zum Althergebrachten.  Immer mehr Tanzschulen bieten Kurse speziell für Singles an. Unter Mottos wie ‚Tanz in die Zweisamkeit‘ oder ‚Gut getanzt ist halb verlobt‘ können einsame Herzen in lockerer Atmosphäre ihren Seelenpartner finden. Der Ablauf ist ähnlich wie beim Speed Dating. Die Teilnehmer kommen allein und nach jedem Tanz wird der Partner gewechselt. Auf diese Weise erfährt man schnell, wer denselben Rhythmus hat wie man selbst. Probieren Sie es aus!‘

So hatte es in der Frauenzeitschrift gestanden. Carola hatte gezögert. Als sie zuletzt in der Tanzstunde gewesen war, hatte sie eine dauergewellte Pudelfrisur getragen und bevorzugt Apfelsaft mit Amaretto getrunken.

„Autsch!“ entfuhr es Carola. „Entschuldige bitte, es tut mir so leid.“ Bernd klang ehrlich zerknirscht. Die Musik endete und der Tanzlehrer verkündete: „Partnerwechsel!“

Carola war nicht traurig, als Bernd in Richtung der Dame links von ihr verschwand. Stattdessen stand nun ein umwerfend attraktiver Mann vor ihr. Einen halben Kopf größer als sie selbst, schlank, volles dunkles Haar mit ersten grauen Sprenkeln und einem spitzbübischen Zwinkern in den Augen. „Ich bin Nick.“ Seine Stimme war tief und leicht rau. „Carola.“ Mehr brachte sie nicht heraus.

Der nächste Tanz begann, ein Wiener Walzer. Mit gekonnter Leichtigkeit führte Nick Carola übers Parkett und sie folgte ihm willig. Von den vielen Drehungen wurde Carola angenehm schwindelig. Da kam ihr der Artikel aus der Frauenzeitschrift in den Sinn, den sie im Bus auf dem Weg hierher gelesen hatte; ein Interview mit der Beziehungsexpertin Dr. Walburga Korbmann-Schimmelstein.

‚Das Hauptproblem der modernen Frau ist der Leistungsdruck, unter den sie nicht nur den Partner, sondern die Beziehung im Gesamten stellt. Bei meinen Vorträgen führe ich in jeder Stadt Gespräche mit Frauen, die es – verzeihen Sie den Ausdruck – vermaledeit nicht unterlassen können, ihren Partner von Tag 1 an umzukrempeln. Das kann nur zur Trennung führen.   …‘

„Kommst du häufiger hierher?“, fragte Nick. „Heute hat es sich zum ersten Mal gelohnt“, antwortete Carola strahlend. Nick lachte: „Sehe ich genauso.“

Sie schwebten weiter im Dreivierteltakt. Nick war sicher kein Mann, den Carola hätte umkrempeln wollen. Er schien ihr perfekt.

Von dem Ehering in Nicks Hosentasche – eilig abgezogen vor dem Betreten des Tanzsaals – konnte Carola ja auch nichts ahnen.

So geht es weiter…

Ein Abschied

17:53 zeigt die Bahnhofsuhr. Sonntags ist nicht viel Verkehr, da brauchen wir nicht lange, hast du gesagt. Und es war auch so.

Natürlich begleitest du mich auf den Bahnsteig und wartest draußen, bis der Zug wirklich fährt. Ich sitze drinnen und weiß nicht, ob du mich sehen kannst durch die verspiegelten Scheiben. Ich hoffe nicht.

Die Türen schließen selbsttätig, Vorsicht bei der Abfahrt. Endlich wieder für mich. Endlich wieder ich.

Vor vier Wochen haben wir uns kennen gelernt. Vor zwei Wochen hast du mir ins Ohr geflüstert: Ich liebe dich. Und ich hab kaum mehr Luft bekommen. Viel zu nah, viel zu schnell.

Aber es liegt nicht nur an dir. Ich bin noch nicht so weit. Bin noch nicht weit genug, noch nicht sicher genug bei mir selbst, um einen anderen herein zu bitten.

Es tut mir leid dich zu verletzen. Wir werden uns nicht wiedersehen.

Vor dem Aufprall (Teil 7, letzter Teil)

Ich bat Martha in die Wohnung. Sie ging ins Wohnzimmer und sah sich um. Langsam glitt ihr Blick über die Couch, die Bücherregale und Bilder, den Fernseher, die Stereoanlage. Sie sagte nichts und das machte mich nervös. 

„Kann ich dir etwas anbieten?“ fragte ich, um das Schweigen zu brechen.

Martha sah mich an. Ihr Gesicht war angespannt, ihre Augen entschlossen.

„Janine, ich bin nicht gekommen, um mit dir zu plaudern. Du hast eine Affäre mit meinem Ehemann. Das muss aufhören.“

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