Archiv der Kategorie: Geschichten

Vor dem Aufprall (Teil 6)

Als der Wecker heute Morgen klingelte, fand ich meine Decke am Fußende des Bettes. Seit über einer Woche hing eine unerträgliche Schwüle über der Stadt. Die wenigen harmlosen Gewitter brachten keine dauerhafte Abkühlung. Nicht ungewöhnlich für Ende Juli.

Ich genoss die kühle Dusche, und als ich mich fürs Büro fertig machte, freute ich mich auf den Abend. Ben und ich waren verabredet.

Mein Arbeitstag war vollgepackt und hektisch wie immer, für eine Mittagspause fehlte die Zeit und als ich zum ersten Mal zur Ruhe kam, war es kurz vor 20 Uhr. Aus dem stickig heißen Tag war ein angenehm lauer Abend geworden. Ich verließ die Firma und parkte zwei Straßen weiter, um auf Ben zu warten. Wenig später stieg er zu mir ins Auto.

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Vor dem Aufprall (Teil 5)

Bald entwickelten Ben und ich eine Routine. Zwei- bis dreimal pro Woche trafen wir uns nach der Arbeit, während Martha glaubte, Ben sei noch in der Agentur. In meinem Wagen fuhren wir zu meiner Wohnung, aßen eine Kleinigkeit und öffneten eine Flasche Wein. Wir redeten, ließen den Arbeitstag noch einmal passieren, lachten, scherzten und wurden zärtlich. Manchmal hielt Ben mich einfach nur im Arm. Gegen zwei Uhr ging er dann zur U-Bahn oder nahm sich ein Taxi.

Es kam häufiger vor, dass Ben eine Verabredung kurzfristig absagte, weil eines der Kinder krank war und Martha ihn bat, früh nach Hause zu kommen. Einmal rief Martha gegen Mitternacht auf Bens Mobiltelefon an, als er bei mir war. Der Kleine habe einen schlimmen Husten und Martha sei unsicher, ob sie den Arzt rufen solle. Fünf Minuten später war Ben auf dem Weg nach Hause. Ich konnte nicht schlafen, nachdem er so plötzlich aufgebrochen war und setzte mich an meinen Computer.

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Vor dem Aufprall (Teil 4)

Am Abend vor dem Termin mit RKV feilten Ben und ich an unserer Präsentation. Gegen halb elf waren wir endlich zufrieden.

Ben fragte: „Was meinst du, gönnen wir uns noch einen Drink in der Bar um die Ecke?“

Zehn Minuten später stießen wir mit einem Glas Rotwein an. Der Alkohol stieg mir schnell zu Kopf, ich hatte kaum etwas gegessen. Nach dem zweiten Glas schob Ben seine Brille noch häufiger als sonst die Nase hoch, dann legte er sie auf den Tisch und meinte, er könne sowieso nicht mehr richtig sehen. Gegen Mitternacht verließen wir die Bar. Ich ließ meinen Mini stehen und entschied, zu Fuß nach Hause zu gehen, obwohl es eine frostige Januarnacht war. Ben war wie üblich mit der U-Bahn unterwegs und bot an, mich zu begleiten, bevor er selbst nach Hause fuhr.

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Vor dem Aufprall (Teil 3)

Mein Vater holte mich in einem fabrikneuen schwarzen Mini Cooper vom Flughafen ab, den er mir feierlich als Geburtstagsgeschenk übergab. Seit Jahren hatte ich mir einen Mini gewünscht, aber nicht leisten können. Meine Eltern hatten sicherlich keinen kleinen Teil ihrer Ersparnisse dafür geopfert. Dankbar und freudig umarmte ich meinen Vater und ich glaube, er war darüber mindestens so glücklich wie ich über das Auto.

Ich wohnte zunächst wieder bei meinen Eltern. Am Tag nach meiner Rückkehr meldete ich mich bei Ralf. Das Telefonat verlief besser als ich je zu hoffen gewagt hatte. Die Janus Marcom GmbH hatte inzwischen 30 Angestellte. Sie suchten im Moment nach Verstärkung, auch nach Designern. Ralf lud mich für den nächsten Tag zu Janus ein. Kaum hatte ich die Firma betreten, wusste ich, dass ich Nirgendwo anders arbeiten wollte. Die Räume waren hell und luftig, die Einrichtung geradlinig modern. Die Mitarbeiter, die Ralf mir vorstellte, fand ich sympathisch und kreativ-verrückt, wie man es in der Werbebranche eben sein musste. Ralf war beeindruckt von meiner Referenzenmappe, die ich in den letzten Jahren sorgsam gepflegt hatte.

Bald waren Ralf und ich uns einig: Zum nächsten Monatsersten würde ich als Senior Designer bei Janus beginnen. Als ich nach dem Gespräch die Agentur verließ, spürte ich kaum den Boden unter meinen Füßen.

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Vor dem Aufprall (Teil 2)

Drei Wochen nach der Trennung wohnte ich noch immer bei meinen Eltern. Ich schlief bis mittags, blieb den ganzen Tag im Pyjama und zappte ununterbrochen durch die 45 Satellitenkanäle. Meine Eltern tänzelten hilflos um mich herum. Mein Vater lächelte ständig und versicherte mir, er würde mich in all meinen Plänen unterstützen. Meine Mutter kochte meine Lieblingsgerichte und trug sie mir bis zum Couchtisch hinterher, aber ich hatte kaum Appetit.

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Vor dem Aufprall (Teil 1)

Nach der Veröffentlichungsflaute der letzten Monate freue ich mich besonders, wieder einmal ein längeres Werk zu posten. Vorgesehen sind sieben Teile, hier kommt der erste.

 

Vor dem Aufprall (Teil 1)

Ich habe nie geglaubt, dass kurz vor dem Tod das vergangene Leben an einem vorbei zieht wie im Film. Und nun stelle ich fest, dass es tatsächlich nicht so ist. Während ich aus dem sechsten Stock in die Tiefe falle, sehe ich nur eines: Bens Gesicht. Aber nicht, wie ich es zuletzt vor mir hatte – verletzt, wütend, aufgebracht – nein, ich sehe es lächelnd, glücklich, liebevoll.

Bevor alles seinen Gang nimmt, bevor Notarzt und Polizei kommen und mich abtransportieren, bevor die Schaulustigen nach Hause geschickt werden und die Ermittlungen beginnen, bevor die Münchner Klatschblätter über den tragischen Tod oder mutmaßlichen Mord an einer jungen, alleinstehenden Frau berichten, will ich erzählen, wie es dazu kam, dass ich in dieser schwülen Julinacht von meinem Balkon stürzte.

*

Die Geschichte beginnt vor zwei Jahren. Ich war 29, hatte einen guten Job als Designerin bei Kirchner & Mack, einer bekannten Werbeagentur in München, und lebte mit meinem Freund Erik in einer gemeinsamen Wohnung.

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Frühling (I & II)

Frühling (I)
Ein Zitronenfalter
streift sanft meinen Arm
wir brauchen beide
die Freiheit einfach davonzufliegen

Frühling (II)
Ein Regentropfen
trifft meine Nasenspitze
wir wissen beide
dass das nur der Anfang war

Neuland

„Es ist an der Zeit, Neuland zu betreten, Paul. Es ist höchste Zeit und du weißt es.“ Paul stand vor dem Badezimmerspiegel und der Mann, der ihn daraus anblickte, sah müde aus, hatte dunkle Ringe unter den Augen, war blass, unrasiert, leicht aufgedunsen; mit einem Wort: abgehalftert. Seit Paul vor gut einem Jahr seine Superkräfte verloren hatte, war es mit ihm stetig bergab gegangen. Zuvor war er einer der erfolgreichsten Ermittler beim Bundeskriminalamt gewesen. Paul konnte sich unsichtbar machen und sein Gehör so steuern, dass er auch die geheimsten Absprachen hinter verschlossenen Türen hören konnte.

Vor etwa zehn Jahren hatte Paul diese Fähigkeiten an sich entdeckt. Er war nach Dienstschluss mit einem Kollegen über den Weihnachtsmarkt geschlendert, als ihnen Pauls Ex-Frau mit ihrem neuen Ehemann entgegen kam. Paul hatte sich gewünscht, er möge auf der Stelle unsichtbar werden. – Und genau das war passiert. Sein Kollege hatte gedacht, Paul hätte sich in der Menschenmenge verdrückt.

Paul war äußerst verunsichert gewesen. Zu Hause experimentierte er mit seiner neuen Fähigkeit. Schnell lernte er, sie zu kontrollieren. Nach einigen Wochen sprach Paul mit seinem Vorgesetzten über seine Superkraft. Eine ad hoc Demonstration überzeugte den Hauptkommissar und er schlug Paul für einen Posten für verdeckte Ermittlung beim BKA vor. Die damit verbundene Versetzung in eine andere Stadt kam Paul gelegen. Das hochsensible Gehör hatte er während seiner ersten Einsätze bemerkt und auch dieses lernte er schnell gezielt einzusetzen. Dutzende Verbrecher machte Paul im Lauf der Jahre dingfest.

Eines Tages jedoch wurde Paul einfach nicht mehr unsichtbar. Er meditierte, betete, tobte, flehte. Er nahm vier Wochen Urlaub. Es half nichts. Die Kräfte kamen nicht zurück. Paul wurde in den Innendienst versetzt. Er hasste die Schreibtischarbeit. Vor sechs Monaten hatte er den Dienst quittiert und seitdem schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Bisheriger Tiefpunkt war sein Engagement als Knäckebrotkönig in einem großen Supermarkt vor zwei Wochen. In einem albernen Ganzkörperkostüm aus Schaumstoffrechtecken sollte er die neuesten Knäckebrotsorten unters Volk bringen. „Eines Königs würdig“ stand dick auf seiner Brust, die gelbe Plastikkrone auf dem Kopf machte ihn vollends lächerlich. Als ihn ein etwa elfjähriger dicklicher Junge aus heiterem Himmel in den Magen boxte, mussten mehrere Kunden Paul beschwichtigen. Am liebsten hätte er den Bengel kopfüber in die Molkereiprodukte gesteckt. Abends hatte Paul gekündigt und war zu Fuß durch den frischen Schnee nach Hause gestapft. Ein Auto konnte er sich schon lange nicht mehr leisten.

Fast jeden Abend trieb sich Paul in düsteren Kneipen herum und kam in der Regel in den frühen Morgenstunden völlig betrunken nach Hause. Gestern hatte er einer Frau nach dem fünften oder sechsten Bier erzählt, dass er sich früher hatte unsichtbar machen können. Sie hatte gelacht und ihn ‚ausgeflippt‘ genannt. Dann hatte sie sich schnell verabschiedet.

„Neuland, Paul. Du musst einen neuen Weg finden. So geht es nicht weiter.“ Paul ließ das Wachbecken voll Wasser laufen. Vielleicht fand er ja beim Rasieren einen guten Gedanken in einem der schattigen Winkel seines Gehirns.

Entenfrust

Vergnügtes Quaken ist schon von draußen aus der Bar zu hören. Fast zögerlich betritt der Zwergschwan das Lokal. Obwohl ein wenig klein geraten, wäre er eine ganz stattliche Erscheinung – bliebe nur nicht seine Wohlgestalt hinter seiner Schüchternheit verborgen.

Da sieht er sie: Eine junge Stockente. Die Federn ein wenig zerrupft, der Schnabel etwas schief. Doch für ihn ist sie die Schönste im Raum. Lebhaft schwatzt sie mit der Ente, die ihr gegenüber sitzt.

All seinem Mut nimmt er zusammen und geht zu ihrem Tisch. Geduldig wartet er auf eine Pause im Geschnatter und spricht sie dann vorsichtig an: „Guten Tag, meine Dame. Darf ich Sie zu einem Getränk einladen?“

Mit gequältem Blick mustert sie ihn und erwidert: „Nein, ich trinke nicht mit Jedermann.“ Und zu ihrer Freundin gewandt: „Anscheinend glaubt auch wirklich ein jeder dahergewatschelte Federkerl, dass er mich ansprechen kann, wie ihm der Schnabel gewachsen ist!“

Und als wäre nichts gewesen, setzen die Entendamen ihr Gequake lautstark fort.

Katerjammer

Mit glänzendem Fell, hingebungsvoll geleckt, betritt der Kater die Bar. Sein Gang ist geschmeidig, der Blick geübt. Seine Augen bleiben ruhen auf der jungen Katze am Tisch neben dem Tresen. Auf ihrem entzückenden Gesicht, den wohlgeformten Ohren, dem zarten rosa Näschen. Zielstrebig nähert sich der Kater und platziert sich für seinen Auftritt.

„Nun, meine Verehrteste, ganz allein? Wäre ich Ihr Herzbube, so ließe ich Sie niemals warten. Vorzüglich würde ich für Sie sorgen und es Ihnen an nichts fehlen lassen. All Ihre Mühen wären vorbei. Und Sie müssten nicht mehr tun, als mich nur immer schön zum Schnurren zu bringen.“ Als hätte er gerade einen köstlichen Happen verspeist, fährt er sich mit der Zunge über die Schnauze.

Die Katzendame erwidert: „Mein Herr, welch aufschlussreiches Angebot. Es ist nur so, dass ich meine Mäuse sehr gerne selbst verdiene und – um Sie zu beruhigen – es sind ausreichend viele. Sie sehen also: Bei mir schnurrt es schon genug.“