Zwei Frauen, zwei Städte, Spurensuche: „Über Nacht“ von Sabine Gruber

Irma in Wien ist alleinerziehende Kulturjournalistin und Dialysepatientin. Eine Spenderniere schenkt ihr ein neues Leben. Wer war der Mensch, der dafür sterben musste?
Mira in Rom ist Altenpflegerin und ihr Ehemann wird ihr zunehmend fremd. Hat er eine Affäre?
Zwei Frauen in zwei Städten auf der Suche nach Spuren und Sinn, einem größeren Zusammenhang. Sabine Grubers Roman überzeugt durch seine klare und poetische Sprache, die Authentizität seiner Protagonistinnen und einen bemerkenswerten Schluss, der mir sehr lange in Erinnerung bleiben wird.

Brockhaus der Woche (21/2018)

Heute treffen wir Undine.

Undine [zu lat. unda „Welle“], die, Elementargeist in Gestalt einer schönen Frau; sie begehrt die Verbindung mit einem Menschen, um eine unsterbl. Seele zu erringen, und bestraft Untreue mit dem Tod. Der Stoff ist überliefert durch Paracelsus; seit F. de la Motte Fouqué (Märchennovelle „Undine“, 1811) ist U. eine Wasserfrau; Opern von E. T. A. Hoffmann (1816), A. Lortzing (1845), Drama von J. Giraudoux (1939).

Die Erzählung von Fouqué ist in wunderbarer romantischer Sprache geschrieben, mit einer sehnsuchtsvollen und tragisch liebenden Undine, die sich am Ende ihrem Schicksal nicht verweigern kann. Eine schön illustrierte Ausgabe gibt es von der Büchergilde Gutenberg.

Undine

Friedhofsstille

Um Ruhe zu finden, gehe ich auf den Friedhof. Ich besuche kein bestimmtes Grab, ich suche nur ein wenig Stille. Langsam gehe ich den Weg zwischen den Grabreihen entlang. Er führt einen kleinen Hang hinauf. Die Kiesel knirschen unter meinen Sandalen. Meine Augen streifen über die Namen, Daten und Inschriften auf den marmorierten Grabsteinen. Zweimal lese ich: In stillem Gedenken. Stille. Friedhofsstille.

Oberhalb der Gräber steht eine Bank aus dunklem Holz. Ich setze mich und sehe mich um. Vor mir die Grabreihen, die mir jetzt ihre Rücken zuwenden. Dahinter, ein gutes Stück entfernt, ein halbes Dutzend Einfamilienhäuser, dahinter Wald, der sich auch zu meiner Linken den Hang hochzieht. Rechts von mir die gepflegte Dorfkirche. Hinter mir eine hohe, sattgrüne Hecke. Ich atme tief ein. In der sommerlich warmen Luft liegt der Duft von frisch gebackenen Brötchen. Ich atme aus und schließe für einige Momente die Augen, komme zur Ruhe. Ruhe. Stille.

In der Hecke hinter mir sitzen Spatzen, die fröhlich-aufgeregt zwitschern. Dann fliegen sie eifrig flatternd an mir vorbei zum Kirchendach. In einiger Entfernung bellt ein Hund. Dreimal kurz hintereinander, ein kräftiges Bellen, Pause, dann bellt er noch dreimal. Eine Hummel fliegt brummend und suchend um meinen Fuß herum. Schließlich lässt sie sich auf einer Kleeblüte nieder.

Über den Baumwipfeln zieht ein Raubvogel seine Kreise, gleitet elegant in der Höhe, im Himmel, den eine dünne Wolkenschicht bedeckt. Leichter Wind bewegt die Äste der Bäume, die hochgewachsenen Birken pendeln sanft hin und her. Krähen rufen tief und rau.

Ein Niesen und „Gesundheit“ aus Richtung der Wohnhäuser. Gesprächsfetzen. Eine Männerstimme: Irland. Eine Frau: Nein. Der Mann: Doch, Irland. Die Frau lacht. Zwei Autotüren werden zugeschlagen, fast zeitgleich. Der Motor wird angelassen, surrt im Leerlauf, dann wird Gas gegeben und Reifen rollen über Schotter.

In der Hecke hinter mir ein Piepsen. Hell und hoch, aber lebhaft, ausdauernd, als wolle es sagen: Hier bin ich. Ich bin hier. Hier bin ich. Die Kirchturmuhr schlägt zehn. Dunkle, gleichmäßige Glockentöne, die weit tragen, in die Häuser und Höfe des Dorfes und noch weiter ins Tal hinein.

Ich stehe auf, verlasse die Bank, den Friedhof, kehre in die Alltagswelt zurück, nehme all das, was ich in der Friedhofsstille hören konnte, mit mir.

Brockhaus der Woche (20/2018)

Diese Woche ist „T“ dran. T… Welches Wort nehm ich da? Mit T… Wie wär’s mit Tee?

Tee [niederländ., aus malaiisch, letztlich chines.],
1) als echter Tee die getrockneten Blattknospen und jungen Blätter des Teestrauchs, die je nach Herkunft und Qualität 1-5% Koffein, ferner Theobromin, Theophyllin, etwas äther. Öl und 7-12% Gerbstoffe enthalten. Beim Aufbrühen werden das Koffein und die Aromastoffe rasch, die Gerbstoffe, die auch die Bräunung bestimmen, erst nach und nach ausgezogen. Bei der Herstellung des schwarzen T. wird das Pflückgut nach dem Welken gerollt (um die Zellwände aufzubrechen) und dann in Gärkammern bei 35-40 °C über vier Stunden fermentiert. Das Trocknen erfolgt bei 85-125 °C. Beim grünen T. unterbleibt die Fermentation. Durch kurzes Dämpfen über siedendem Wasser bleibt die grüne Farbe erhalten. Grüner T. ist ebenso wie der halb fermentierte „gelbe“ Oolong-T. v.a. in China und Japan verbreitet.
Wirtschaft: 1995 wurden weltweit 2,627 Mio. t T. geerntet, davon in Indien 715000 t, in China 613000 t, in Kenia 245000 t, in Sri Lanka 242000 t, in Indonesien 140000 t und in der Türkei 135000 t.
Kulturgeschichte: In China wurde der T. schon lange vor unserer Zeitrechnung verwendet. Erste japan. Belege über T. als Genussmittel stammen aus dem Jahre 729. Durch reisende Araber kam der T. nach Europa. 1610 brachten die Holländer von chines. Kaufleuten getauschten T. in ihre Heimat, 1660 verbreitete die Ostind. Kompanie den T. in England. In Dtl. bürgerte sich erst seit Beginn des 19. Jh. das T.-Trinken ein.
2) allg. Bezeichnung für die getrockneten Teile bestimmter Pflanzen und den daraus bereiteten Aufguss, z.T. auch längere Abkochung; wird teilweise als Arzneimittel benutzt, so Kamillen-, Pfefferminz-, Flieder-, Fenchel-, Lindenblüten-T. oder T.-Gemische wie Brusttee.

Seit 2001 hat sich der grüne Tee auch in Europa sehr weit verbreitet, aber stimmt, damals war der noch ein wenig exotisch. Ein Teenager ist übrigens kein Nagetier, das auf Teeplantagen lebt, sondern ein Jugendlicher zw. 13 und 19 Jahren.

„Kasimir und Karoline“ im Theater Erlangen

Eine Vorstellung war anscheinend besonders schlimm. Während dieser haben nicht nur viele Besucherinnen und Besucher den Saal verlassen, sondern im Anschluss auch ihre teils langjährigen Abonnements gekündigt. Seitdem bietet das Ensemble nach jeder Vorstellung ein Publikumsgespräch an.

Kasimir und Karoline“ ist ein Volksstück von Ödön von Horváth, uraufgeführt 1932 in Berlin. Schauplatz ist das Münchner Oktoberfest. Karoline will sich amüsieren, ihr Verlobter Kasimir ist hingegen deprimiert. Er hat tags zuvor seine Anstellung als Chauffeur und vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise damit auch jegliche finanzielle Sicherheit verloren. Er betrinkt sich mit dem Kleinkriminellen Merkl Franz und dessen Freundin Erna. Karoline lässt sich derweil von gut situierten Männern einladen und träumt vom sozialen Aufstieg.

Das Stück zeigt eine Gesellschaft, die am Abgrund taumelt. Verzweifelt und ohnmächtig die einen, aufgekratzt und zügellos die anderen. Die allgegenwärtige latente Aggression kann sich jederzeit in brutaler Gewalt entladen – und sie tut es auch. Die Sprache ist deftig, teils abfällig und herabwürdigend. Keine der Figuren behält eine weiße Weste; alle sind auf ihren eigenen Vorteil bedacht und lassen im Zweifel andere dafür im Stich. Horváths Bezug auf den aufkommenden Nationalsozialismus übersetzt die Erlanger Inszenierung in den heutigen Populismus und baut ein Höcke-Zitat ein.

Woher rührt nun die Aufregung? Halten es manche Menschen nicht aus, wenn man ihnen im Theater Hässliches und Ekliges zeigt? Wenn man ihnen den Spiegel vorhält? Wenn man Parallelen zwischen der Weimarer Republik und heute aufzeigt?

Verstärkt wird die Wirkung des Stückes dadurch, dass der Zuschauerraum mit zum Spielraum für die Schauspieler wird. So sitzen die Zuschauer mittendrin, wie im Bierzelt auf dem Volksfest, und können sich nicht entziehen. Es sei denn, sie verlassen den Saal.

Mich hat die Vorstellung gestern Abend sehr beeindruckt. Die Atmosphäre war intensiv, teils verstörend, alles kam sehr nah. Näher, als man es als Zuschauer gewohnt ist. Und wohl näher, als einige es sich wünschen. Die Inszenierung provoziert, polarisiert und lädt ein zum Nachdenken und Diskutieren. Sie tut, was Theater tun kann und sollte.

„Kasimir und Karoline“ im Theater Erlangen: Noch zweimal in dieser Spielzeit und dann wieder ab Oktober.

Brockhaus der Woche (19/2018)

Der frisch geschlüpfte bayerische Ministerpräsident steht nicht in meinem Brockhaus. Dafür:

Säkularisierung, allg.: jede Form der „Verweltlichung“; i.e.S. die Bez. für den v.a. durch Humanismus und Aufklärung ausgelösten, in der Autonomie der menschl. Vernunft begründeten emanzipator. Prozess, der in der europ. Neuzeit zu einer immer größeren Selbstständigkeit der Lebensgestaltung und Weltanschauung gegenüber den früheren Bindungen an die Religion (Kirche) und ihre Sinnangebote und sittlich-moral. Vorgaben geführt hat; heute v.a. Synonym für die „Entchristlichung“ der Gesellschaft bzw. „Entkirchlichung“ breiter Bevölkerungsgruppen in der westl. Welt.

Auch:

Sakrileg [lat. sacrilegium „Tempelraub“] das, Vergehen gegen Heiliges: die Entweihung heiliger Orte oder Sachen durch Schändung, Missbrauch oder Raub sowie tätl. Angriffe gegen geweihte Personen.

„Stammtisch“ hingegen ist nicht zu finden, dafür jedoch:

Skunks [engl., aus Algonkin] (Stinktiere, Mephitinae), amerikan. Unterfamilie der Marder; plumpe, spitzschnäuzige Tiere mit buschigem Schwanz; mit großen, bei Bedrohung eine übel riechende Flüssigkeit absondernden Stinkdrüsen. Das ölige Sekret kann mehrere Meter weit gezielt gespritzt werden. Die Grundfärbung des Oberhaars ist schwarz mit weißer Zeichnung. […]

Und direkt darunter:

skurril [lat.], absonderlich, eigenwillig, verschroben

Brockhaus der Woche (18/2018)

Mehr als acht Seiten füllen im Brockhaus Begriffe, die mit „Recht“ beginnen. Einer davon ist der Brockhaus der 18. Kalenderwoche.

Rechtssymbole, Gegenstände oder Vorgänge, die einen Rechtsvorgang oder ein Rechtsverhältnis durch Versinnbildlichung anschaulich machen sollen. R. finden sich v.a. in frühen Entwicklungsstufen von Rechtskulturen. Sie waren im älteren german. Recht von großer Bedeutung; ihnen wurden mag. Kräfte zugeschrieben. Mit der Entwicklung eines begriffl. und kodifizierten Rechts büßte diese Symbolik ihre Bedeutung stark ein.
Beispiele von R. sind Marktkreuz und Rolandsäule für die städt. Freiheit und Gerichtsbarkeit, Handschlag für den Abschluss eines Rechtsgeschäfts, Zepter und Krone für die Legitimation des Herrschers, gebrochener Stab für ein Todesurteil.

Viele Abbildungen von Rechtssymbolen finden sich im Sachsenspiegel, einem bedeutenden Rechtsbuch des deutschen Mittelalters.

Sachsenspiegel_die_wahl_des_deutschen_Königs

Der Abschlussball

Am meisten bedauere ich, dass ich nie erfahren werde, ob ich zur Tanzkönigin gewählt worden bin. Meine Chancen standen nicht schlecht. Alle hatten mein kirschrotes Ballkleid bewundert: eine schlicht geschnittene Korsage mit einem fließenden bodenlangen Chiffonrock. Erik, mein Tanzpartner und fester Freund, hatte vor Begeisterung gejault wie ein junger Wolf bei Vollmond, als er mich vor dem Eingang der Schulaula darin sah. So dröge der Tanzkurs manchmal gewesen war, beim Abschlussball hatten alle einen Höllenspaß.

Jeder konnte bei der Wahl zum Tanzkönigspaar mitmachen. Erik hatte gemeint, wir sollten für uns selbst stimmen, doch das fand ich nicht fair. Stattdessen habe ich für die gackernde Julia und den sauertöpfischen Henry gestimmt. Ich mag beide nicht – aber tanzen können sie wirklich.

Kurz vor Bekanntgabe des Ergebnisses wollte ich noch schnell zur Toilette. Das war ein Fehler. Ein großer. Mein letzter. Die Fliesen im Vorraum waren nass, ich war in Eile, rutschte aus, verlor den Halt in meinen hochhackigen Silbersandalen und krachte mit dem Kopf erst hart auf den Waschbeckenrand, dann auf die Fliesen. Weiterlesen

Brockhaus der Woche (17/2018)

Heute: Altperuanische Datenverarbeitung.

Quipu [´kipu, Ketschua] der (Kipu), altperuan. (baum)wollene Knotenschnur, die zum Festhalten von messbaren Daten diente, wobei ein Dezimalsystem zugrunde lag. Die Kopfschnur konnte bis zu 100 Nebenschnüre haben. Je nach Farbe der Schnüre und Zahl der Knoten vermittelte der Q. verschiedene Bedeutungen (ideograph. Gedächtnisschrift); er war aus sich selbst heraus nicht verständlich, sondern bedurfte einer mündl. Erläuterung. Bei den Inka gab es dafür ein eigenes Amt.

Inca_Quipu

 

Er ist da

Und der Kuckuck ruft auch wieder. In der Tat: der Frühling ist da.

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