Geschichten, nicht nur zu Weihnachten

Tatsächliche oder angebliche Geschehnisse in Geschichten zu formen und diese dann weiter zu geben, gehört offensichtlich zu den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen und Fertigkeiten. Ob mündlich, schriftlich oder visuell: Das Erzählen und das Erzähltbekommen von Geschichten gehören zu unserem Alltag.

Laut Wikipeida erfreut sich die Kunstform des Storytelling in Deutschland seit einiger Zeit neuer Popularität. Beim Storytelling werden Anekdoten, Sagen und Weisheiten pointiert frei erzählt, unterstützt durch Mimik und Gestik.

In Erlangen kommt man einmal im Jahr in den Genuss, Geschichten des Storytellers Richard Martin zu hören. Richard Martin wurde in England geboren, lebt seit langem in Deutschland und tritt in der ganzen Welt auf.

Auf Richards Website „Tell a Tale“ findet man Daten zu seinen Auftritten und Workshops, Hintergrundinformation zu Storytelling und, natürlich: Stories zum Lesen, Hören und Anschauen.

Hier zwei Geschichten, die mir besonders gut gefallen:

The Wishgiver

Death in the Nut

Listen, enjoy and think about it!

Schnitzeljagd trifft Wirklichkeit oder: Das 20-jährige Abi-Treffen

Mitte November war ich bei meinem 20-jährigen Abiturtreffen. Ende November war ich in der Schreibwerkstatt. Die erste Schreibanregung dort: Schnitzeljagd! In der Schule hieß das Reizwortgeschichte. Die Aufgabe: Stricke um eine Reihe von Wörtern einen Text. Die Geschichte, die zu mir kam, war die des Abi-Treffens zwei Wochen zuvor. Das Ergebnis ist ein fast zu 100% autobiographischer Text. Welche Wörter zur Schnitzeljagd gehören, welches Wort ich nicht unterbringen konnte und warum, steht am Ende dieses Artikels. Doch nun zunächst:

Das 20-jährige Abi-Treffen
Noch keiner verschrumpelt! Das ist mein erster Gedanke, als ich die hell beleuchtete Aula meiner alten Schule betrete. Ich bin ein bisschen spät dran. Im Halbkreis stehen etwa 30 Leute, die hier Abitur gemacht haben. Ich bin einer von ihnen. Mit einem Blick in die Gesichter schmelzen 20 Jahre dahin. Bilder erscheinen, Erinnerungen erwachen; sowohl ungewollt versunkene als auch absichtlich in die Ecke gekickte. Ich bin wieder 19.

Die Schulleiterin, die keiner von uns kennt, beendet ihre kurze Begrüßungsrede und startet die Führung durch unsere Schule. Ich folge mit schlafwandlerischem Vertrauen.

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Ein schlimmer Tag

Zu wenig geschlafen
Einen Pickel entdeckt
Den Seidenschal im Reißverschluss eingeklemmt
Den Bus verpasst
Das wichtige Meeting versäumt
Mit dem Chef gestritten
Die neue Bluse mit Kaffee bekleckert
Den Computer zum Absturz gebracht
Im Regen nach Haus gelaufen
Eine dicke Blase am kleinen Zeh bekommen
Direkt ins Bett gegangen
Die Decke über den Kopf gezogen

Auf der richtigen Fährte?

Carolas Suche, Teil 8
Was zuvor geschah…

„Entschuldigung!“ Carola winkte die Bedienung zu sich an den Tisch.

„Ja, bitte?“ Der junge Kellner, wahrscheinlich Student, lächelte freundlich.

„Da ist Lippenstift an meinem Tassenrand.“

„Oh, Verzeihung! Ich bringe sofort einen neuen Milchkaffee, meine Dame.“

„Danke“, sagte Carola und dachte: „Meine Dame… Tja, die Jugend ist vorbei… Die Altersweisheit lässt allerdings noch auf sich warten. Was macht man eigentlich in den 40 Jahren dazwischen?“

Carola schlug ihre Frauenzeitschrift auf. Überschrift: ‚Good-Bye Sturm & Drang, Hello reife Romantik.‘ Carola begann, den Artikel zu lesen: ‚Jenseits der 30 ist eines sicher: Die Jugend ist vorbei. Anstatt der leichtsinnigen Unverbindlichkeit nachzutrauern, sollten sie lieber die Vorzüge des Erwachsenseins umarmen. Sie sind nun eine erfahrene Fährtenleserin in Sachen Beziehung. Männer machen Ihnen nicht mehr so leicht etwas vor. Sie haben die Wahl! Treffen Sie sie mit Bedacht.‘

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Galerie

20.000 Einwohner und 130.000 Dattelpalmen auf 400 qkm

Diese Galerie enthält 33 Fotos.

La Gomera ist die zweikleinste und angeblich wildeste der Kanarischen Inseln. Die relativ langwierige Anreise wird belohnt mit einer beeindruckenden, vielfältigen Landschaft und absoluter Entspanntheit. Am besten erkundet man die Insel bei geführten Wanderungen. Ein Muss ist der Nebelwald rund … Weiterlesen

Flohmarktgeschäft

„Etwas windschief ist sie schon“, sagte die blasse Dame mit leicht gerümpfter Nase. In ihren Augen erkannte ich jedoch einen Glanz, der verriet, dass sie die hölzerne Zigeunerin haben wollte. Aber nicht um jeden Preis, also würde ich geschickt verhandeln müssen.

„Eine solche Figur werden Sie an keinem anderen Stand auf diesem Markt finden. Auch sonst nirgends. Sie ist ein Unikat. Ein Erbstück meiner Urgroßmutter.“

Interessiert hob die Dame beide Augenbrauen. „Schön bauchig ist sie ja…“, sagte sie.

„Und sie hat ebenso tiefgründige Mandelaugen wie Sie“, schmeichelte ich.

„Oh. Finden Sie?“  Für einen Moment wurde die Dame rosa um die Wangen.

„Unbedingt! Die Figur ist übrigens sehr vielseitig einsetzbar. Sie passt ins Schlafzimmer oder auch ins Wohnzimmer, sogar im Esszimmer macht sie eine gute Figur, die Figur. Sie wertet jeden Raum und jedes Möbel auf.“

„Aber sie hat gar keine Brezel“, wandte die Dame ein, die Wangen wieder blass.

„Brezel? Was meinen Sie?“

„Na, das ist doch eine bayerische Sennerin. Warum hat sie keine Brezel?“

„Mon Dieu!“ Der Ausruf des älteren Herren im adretten Sommeranzug bewahrte mich vor einer Antwort. Der Herr nahm seine Sonnenbrille ab und steckte sie in sein volles graues Haar. Weiterlesen

„Wenn das die Grimms wüssten!“ gewinnt den Deutschen Phantastik-Preis 2013 in der Kategorie „Beste Original-Anthologie“

Außer ein paar Zimmerpflanzen beim Losen auf dem Volksfest habe ich noch nicht wirklich etwas gewonnen… Nun aber wurde die Märchensammlung „Wenn das die Grimms wüssten!“ als beste Original-Anthologie beim Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet. Samt meiner Geschichte vom Wolf Kamron und seinen Erlebnissen im Zauberwald.

Am 12. Oktober fand im Rahmen des Buchmesse-Convents „BuCon“ in Dreieich bei Frankfurt die Verleihung des Deutschen Phantastik-Preises 2013 statt. Verleger Peter Hellinger von art&words nahm dort den Preis entgegen.

Auf der Website von art&words gibt es eine Pressemitteilung zum Preisgewinn.

Und so sieht er aus, der Preis:

Deutscher Phantastik-Preis 2013

Ein kleines Juwel, das hell strahlt: Das Mädchen Wadjda von Haifaa al-Mansour

Eine Frau hat einen Kinofilm gedreht. Mit einem Mädchen in der Hauptrolle, das sich ein Fahrrad wünscht. „Na und?“, könnte man sagen. Aber in dem Land, aus dem die Regisseurin stammt und in dem gedreht wurde, sind Kinos verboten und Frauen sind so gut wie unsichtbar: Saudi-Arabien.

Schon deswegen verdient der Film ein „Schau an!“. Und das Anschauen lohnt sich. In ruhigen Bildern erzählt Haifaa al-Mansour die Geschichte der zehnjährigen Wadjda und zeigt damit den Alltag von Frauen in Saudi-Arabien. Verhüllt und stumm, eingeschlossen und abhängig sind sie. Aber Wadjda will ganz anders sein. Und am Ende bekommt sie, was sie sich wünscht.

Der Film klagt nicht an, er schildert einfach die Gegenwart. Und er öffnet die Tür zu einer Zukunft mit neuen Möglichkeiten, wenn auch vielleicht nur einen winzigen Spalt.

Artikel der Süddeutschen und der Zeit geben mehr Info zum Film und seiner Entstehung.

Einen Trailer gibt’s natürlich auch:

 

Königin von Deutschland

Stellt euch vor! Ich habe geträumt, ich wäre Königin von Deutschland. Dies waren meine ersten Amtshandlungen:

Die Löhne in der Kinderbetreuung sowie Kranken- und Altenpflege habe ich verdoppelt. Die Gegenfinanzierung kommt aus dem Wegfall des Betreuungsgeldes sowie den Mehreinnahmen aus der Vermögenssteuer und der PKW-Maut (dazu siehe unten).

In allen Betriebskantinen und Restaurants habe ich pro Woche drei Veggie-Tage eingeführt. Ausnahme: Die Kantine der FDP. Da gibt es nur noch vegan. Außerdem habe ich dort überall riesige Plakate aufhängen lassen. Darauf ein Foto mit Renate Künast und mir. Wir tragen bequeme Klamotten und winken fröhlich in die Kamera.

Dann habe ich die PKW-Maut auf deutschen Autobahnen durchgesetzt. Für Ausländer und Deutsche. Wer die Autobahn benützt, bezahlt. Wer längere Strecken fährt, bezahlt mehr. Und weil die CSU so gerne Extrawürste brät, hat sie auch hier eine bekommen: CSU-Mitglieder zahlen dreimal so viel wie alle anderen.

Unrealistisch, meint ihr? Despotisch, beklagt ihr euch? Nicht gerecht, wird gejammert? Finde ich nicht. Aber keine Panik: Es war ja nur ein Traum.

Showbiz Blues (inspiriert von „Heimweh“ von René Magritte)

Heimweh - Magritte

Arroganter Bettvorleger! Was fällt ihm ein! Deswegen hat er mich nach dem Auftritt neulich so scheinheilig gefragt, wie ich meine Flügel pflege. Ihren Glanz würde er bewundern. Vielleicht könne er das eine oder andere auch für sein Fell anwenden. Von wegen! Als er nachbohrte, wie ich die Flügel aufbewahre, wenn ich sie nicht trage, hätte ich es ahnen müssen…

Dieses hinterhältige Lächeln vorhin in der Garderobe! Das gerade so viel von seinen Reißzähnen verbirgt, dass man sich nicht akut bedroht fühlt. Ob wir nicht das Konzept unserer Show überdenken sollten. Ob wir nicht etwas Innovationsgeist zeigen sollten. Ob wir nicht neue Wege einschlagen sollten. Und dann, ganz unverblümt: Was ich davon hielte, wenn er in Zukunft meine Flügel trage in der Show. Ich fasse es nicht! Was soll ich dann noch dabei? Was wird dann aus mir? Ich solle es mir ganz in Ruhe durch den Kopf gehen lassen… Blasierter Fußabstreifer!

Stella kommt schon wieder zu spät. In letzter Zeit lässt sie uns häufig warten nach den Auftritten. Hat er am Ende schon mit Stella gesprochen? Nein, das würde er nicht wagen. Oder doch? Und wenn sie seine Idee gut findet? Wenn auch sie mich aus der Show kicken will? Da kündige ich lieber selbst. Ich kann auch ohne die beiden! Gute Nummern fallen mir ein en masse. Ich kann allein viel besser sein. Was wäre er denn ohne mich? Eine Allerweltssafaritrophäe, sonst nichts! Kein Mensch käme, um nur ihn zu sehen. Soll er doch schauen, wo er bleibt ohne mich. Und Stella kann mich auch mal gernhaben. Ich pfeif auf die beiden! Ich flieg jetzt in Franks Bar und gönn‘ mir einen Drink. Einen doppelten!