So, und jetzt dürfen Sie einmal entspannen.

Heute war ich beim Friseur. Und habe mir bereitwilligst das „Pflegepaket Medium“ aufschwatzen lassen. Da ich die einfachste Frisur der Welt habe und überhaupt nur dreimal im Jahr zum Friseur gehe, kann ich mir das erlauben.

Das Pflegepaket auf mich draufgepackt hat eine Auszubildende, die nicht gerade ein Faible für Rhetorik hat. Sie hat sich auf das Nötigste beschränkt: Bitte den Kopf kurz nach vorne. Wieder nach hinten. Passt das Wasser? Bitte wieder zum Platz gehen. Etc. Und das alles ein bisschen hölzern und steif.

Süß fand ich, als nach dem Auftragen der ersten Kurpackung die Anweisung kam: So, und jetzt dürfen Sie einmal entspannen. Einen Moment lang war ich verwirrt. Die Auflösung kam in Form einer sehr angenehmen Kopfmassage. Das Mädel hat ein gutes Trinkgeld von mir bekommen.

Nach dem Friseur war ich noch Lebensmittel einkaufen. Dabei kam es zur ersten absolut irrationalen Handlung des Jahres: Ich habe eine Flasche Weißwein gekauft, nur weil auf dem Etikett ein Wellensittich aufgedruckt ist. Den fand ich so putzig. Mal sehen, ob der Wein was taugt…

Der Tag, so unspektakulär er war, liefert ein schönes Motto fürs neue Jahr. Erstens: Gönn dir ruhig mal was Besonderes; zweitens: Tu auch den anderen was Gutes; und drittens: Mach ab und zu was Komisches.

Zusätzlich nett war: Beim Friseur lief das Lied „Morgens immer müde“ von Laing. Das geht glatt als Motto meines Lebens durch!

 

Das Original ist übrigens von Trude Herr. Hat auch was.

 

In diesem Sinne: Ein schönes neues Jahr!

Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug

„Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.“ Dieses Zitat wird Epikur von Samos zugeschrieben. (Den ich wegen seines Gartens und der starken Idee der Lebensfreude schon in der Schule mochte.)

Die Einschätzung, was „genug“ ist, hängt sehr stark vom Einzelnen ab. Ebenso ist es mit dem Empfinden von (gesellschaftlicher) Gerechtigkeit, wenn es um Themen wie Steuern und Sozialpolitik geht.

Und man muss sich wohl damit abfinden, dass Überzeugungsarbeit in manchen Fällen verlor’ne Liebesmüh‘ ist. Am Ende muss jeder so handeln, wie er es für richtig hält.

Ich tue das, indem ich mein Spenden-Portfolio um eine Fördermitgliedschaft bei der „Tafel“ meiner Stadt erweitere. Denn ich kann es mir glücklicherweise leisten, ein bisschen mehr zu geben als ich muss.

Und was sagt Epikur dazu? „Der größte Lohn der Selbstgenügsamkeit ist die Freiheit.“

Zwei große Fische: „The Golden Notebook“ von Doris Lessing und „Der Zauberberg“ von Thomas Mann

In den letzten Monaten habe ich zwei dicke Klassiker gewälzt.

Zuerst, noch im Spätsommer, „The Golden Notebook“ von Doris Lessing. Der verschachtelte Roman wird oft als Lessings Hauptwerk und zugleich als Meilenstein der Frauenbewegung tituliert. Als roter Faden zieht sich unter dem Titel „Free Women“ die Geschichte von Anna Wulf, einer Schriftstellerin, und ihrer engen Freundin Molly Jacobs, einer Schauspielerin, durch das Buch. Eingeflochten sind die vier Notizbücher von Anna Wulf, das schwarze, rote, gelbe und blaue. Jedes bildet einen anderen Aspekt aus Annas Leben ab. Das „Golden Notebook“, fast ganz ans Ende gesetzt, gilt als Synthese, in der Anna ihre desintegrierten Persönlichkeitsaspekte zusammenführt.

Ganz ehrlich, das Buch war anstrengende Lektüre und die Trennung in die vier Notizbücher sowie die angebliche Zusammenführung im goldenen kann ich weder literarisch noch psychologisch komplett nachvollziehen.

Der Wert des Romans liegt für mich in seiner erleuchtenden Abbildung der moralischen und gesellschaftlichen Werte der Fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Und auch die Tatsache, dass der Roman in Deutschland erst 1978, also 16 Jahre nach dem Erscheinen des englischen Originals, veröffentlicht wurde, ist interessant.

Mein Fazit zu „Golden Notebook“: Nichts für Jedermann, sondern nur für wache und anspruchsvolle Leser, die in die Psyche der mitteleuropäischen Nachkriegszeit eintauchen wollen.

Im Frankreichurlaub im Oktober dann der zweite dicke Fisch: „Der Zauberberg“ von Thomas Mann. Nach der Begeisterung über Buddenbrooks waren die Erwartungen hoch – und sie wurden erfüllt. Ich liebe Manns Satzbau und Vokabular. Der kunstvoll fließende Stil lässt die Zeit, in der die Geschichte spielt (vor Ausbruch des ersten Weltkriegs), unmittelbar lebendig werden.

Die Handlung ist eigentlich schnell erzählt: Der 24-jährige Hamburger Patriziersohn Hans Castorp besucht vor Antritt seiner Ingenieursstelle den lungenkranken Vetter im Sanatorium im schweizerischen Davos. Aus den geplanten drei Wochen Aufenthalt werden sieben Jahre – ohne dass Hans Castorp wirklich krank wäre.

Die Lebenswelt „dort oben“ ist völlig entkoppelt von der Realität und trieft vor Dekadenz. Die einzig nennenswerte Beschäftigung neben den fulminanten fünf Mahlzeiten pro Tag ist die „Liegekur“: das in warme Decken eingewickelte Ruhen auf bequemen Liegestühlen in der eigenen Balkonloge.

In dieser unfassbar stagnierten Atmosphäre entspinnen sich ausschweifende philosophisch-politische Exkurse, geführt von zwei entgegengesetzten Charakteren (den Herren Settembrini und Naphta), die Hans Castorp als ihren „Schüler“ pädagogisch beeinflussen wollen. Und eine geheimnisvolle Frau, eine Patientin aus Russland, ist auch noch mit im Spiel.

Thomas Mann zeichnet ein feines Porträt der Stimmung und Haltung vor Beginn des ersten Weltkrieges, der als „Donnerschlag“ am Schluss des Romans Hans Castorps stilles Leben in der Bergwelt erschreckend endgültig beendet.

Fazit zu „Der Zauberberg“: Wer auf rasante Action und einfache Hauptsatzkonstruktionen steht, sollte von Thomas Mann die Finger lassen. Wer sich von schöner Sprache verzaubern lässt und der Meinung ist, dass auch in reduzierter äußerer Handlung viel Spannung stecken kann, dem sei der Zauberberg wärmstens ans Herz gelegt.

 

Galerie

Immer eine Reise wert: La belle France

Diese Galerie enthält 17 Fotos.

Unser Sommerurlaub kam dieses Jahr recht spät. Ende Oktober ging es dann endlich für zwei Wochen ins Hinterland von Nizza. Das Wetter war noch bestens, Land und Leute ebenfalls und das Essen sowieso. Hier ein paar Eindrücke. Voilà!

Na so was!

Kennt ihr das? Ihr tut etwas und seid dabei von euch selbst überrascht. Ihr denkt: Schau mal an, das hätte ich gar nicht von mir erwartet.

Mir ging es gerade so. Ich habe die EMMA abonniert. Mein erstes Abo überhaupt jemals. (Obwohl, in der Grundschule hatte ich mal den „Tierfreund“ abonniert, aber das zählt nicht wirklich.)

Die Motivation für die EMMA? Vielleicht, weil ich mich über die Verabschiedung des Betreuungsgeldes geärgert habe. Vielleicht, um der allgemeingefährlichen potenziellen Verdummung durch TV, Internet, Radio entgegenzuwirken.

Zuvor hab ich jedenfalls ein paar Artikel in der Online-Ausgabe gelesen und fand sie gut. See for yourself: EMMA – Das politische Magazin von Frauen

 

Wer die Wahl hat…

Carolas Suche, Teil 7
Was zuvor geschah…

‚Entscheidungen zu treffen, fällt uns oft schwer. Wir fürchten uns davor, den sicheren Hafen zu verlassen. Aber so kommt man nicht voran. Haben Sie Vertrauen in Ihre Intuition. Gehen Sie selbstbewusst an Bord und setzen Sie die Segel. Aeolus, der Gott des Windes, wird Sie auf den Weg schicken. Das Steuer haben Sie in der Hand.‘

Carola ließ die Frauenzeitschrift sinken. „Die hat gut schreiben“, dachte sie. „Was weiß die denn schon? Das Steuer in der Hand…“

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Der Brunnen

Meinen Liebsten traf ich am großen Brunnen,
im klaren Mondschein, zärtlich vereint.
Der Liebste schwor mir Treue und Wahrheit,
beständig und ehrlich, so sollte es mit uns sein.
All meine Sorgen versanken im Plätschern,
und meine Seele, die wurde ganz leicht.

Doch dann, die Nacht war ohne Sterne,
kam ich allein am Brunnen vorbei.
Dort sah ich den Liebsten mit einer andern,
voll Lust und Verlangen küssten sie sich.
Um mein Herz griff eine kalte Klaue,
das sanfte Plätschern verhöhnte mich.

Und heute am Morgen, noch ganz in der Früh,
da ist der Brunnen von Menschen umringt.
Sie flüstern bestürzt und manche, die schluchzen,
das leise Plätschern, man hört es nicht.
Da bricht mein Liebster heraus aus der Menge,
unendlichen Schmerz auf dem schönen Gesicht.

„Tot ist sie und verloren für immer!“,
so klagt er laut und sieht mich nicht.
Ich wende mich ab und gehe ruhig weiter,
das beständige Plätschern begleitet mich.
Ich muss nicht zum Brunnen hin, um zu wissen,
wer kalt und ertränkt im Becken dort liegt.

Popmusik, frisch und frech: „Vows“ von Kimbra

Kimbra Johnson aus Neuseeland kennt fast jeder. Nein? Doch, denn: Kimbra ist die Frau, die in der zweiten Hälfte von „Somebody That I Used To Know“ von Gotye mitsingt.

„Vows“, Kimbras eigenes Album, ist voll von richtig guter Popmusik. Eingängig im positiven Sinne und einnehmend sind die Songs und dabei sehr abwechslungsreich: Ein Song könnte so wie er ist auf Björks „Verspertine“ sein, der nächste auf einem der frühen Alben von Madonna. Auch an Neneh Cherry fühle ich mich manchmal erinnert.

Und trotzdem hat der Sound von Kimbra einen eigenen, frischen und frechen Charakter. Plus: Fühlt sich gut beim Joggen an. Was will man mehr?

There’s a new team in town…

… and it’s not foolin‘ ‚round ! 🙂

Kevin Dardis – Quizzing all over Franconia since 2004

Geschichten von Mäusen für Kinder und Erwachsene

Manchmal sind selbst wenig erleuchtende Fernseh-Diskussionen zu etwas nütze. Nämlich dann, wenn einer der Akteure die Erinnerung an eine besondere Geschichte aus Kinderzeiten wachruft. In diesem Fall an „Frederick“ von Leo Lionni.

Die Maus Frederick ist nicht wie die anderen Mäuse. Während die fleißig Nüsse, Weizen und Stroh für den nahenden Winter sammeln, sitzt Frederick träumerisch herum. Er sammelt Sonnenstrahlen, Farben und Wörter. Die anderen halten Frederick für faul, lassen ihn aber gewähren. Gegen Ende des Winters sind die Körner und Beeren aufgebraucht, die Mäuse frieren und sie werden stumm. Da kommt Fredericks Stunde: Seine Vorräte wärmen die kleinen Mäuse und lassen sie träumen und hoffen.

Die Geschichte ist Sinnbild für eine Gesellschaft, in der es Platz für Anders-Sein gibt. Nicht ein einziger Weg ist richtig und wertvoll, sondern es herrschen Vielfalt und Freiheit. Fredericks Beitrag zur Gemeinschaft ist anders, aber genauso bedeutsam.

Eine solche Gesellschaft ist natürlich anfällig für echte Parasiten und wird in der Menschenwelt wohl kaum vollständig zur Realität. Orientieren möchte ich mich dennoch daran, denn wenn ich die Wahl habe, nehme ich lieber ein paar Nutznießer in Kauf als Gleichschaltung und Intoleranz.

Die Geschichte von Frederick gibt es übrigens auch in einem Band mit sechs weiteren Mäusegeschichten von Leo Lionni, die ebenso charmant sind und zum Nachdenken anregen.