Barbie ist nicht böse

Das bombastische Püppchen war schon immer umstritten und in der neu belebten Sexismus-Debatte bekommt sie natürlich auch ihr Fett weg (sie hat ja sonst keins…außer an den richtigen Stellen…hahaha).

In den Achtzigern habe ich über Jahre hinweg intensiv mit meinen Barbies gespielt. Ich bin weder der Magersucht noch dem Schönheits-OP-Wahn noch dem Klamotten- und Kosmetikkonsumzwang verfallen. Warum nicht? Weil Barbie an sich nicht böse ist. Wie andere Spielzeuge auch ist die Plastikfrau eine Projektionsfläche für die kindliche Phantasie.

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Am Esstisch und Im Wohnzimmer – Inspiriert von Günter Kunert

Zwei neue Gedichte, beide enstanden in der letzten Schreibwerkstatt, beide inspiriert – formal – von Günter Kunerts „Auf der Schwelle des Hauses“.

Am Esstisch
Im Dunkeln sitzen.
Nichts hören als ein Hundebellen.
Nichts sehen als die Straßenlaterne.
Nichts fühlen als Leere.
Zwischen zwei Herzschlägen hoffen:
Er kommt doch wieder nach Hause.

Im Wohnzimmer
Auf der Couch lümmeln.
Nichts sehen als die Fußballtabelle.
Nichts hören als Geschirrgeklapper.
Nichts fühlen als Trägheit.
Zwischen zwei Gähnern wissen:
Gleich gibt’s Kaffee und Kuchen.

 

Drei halbe Hähnchen und eine Portion Pommes – Die eine Seite eines Dialogs. Inspiriert von „A Married Couple“ von George Grosz.

George Grosz - A Married Couple

Also, Erwin, wirklich. Was hast du dir dabei gedacht? Drei halbe Hähnchen. Und eine Portion Pommes!

Was meinst du? Ohne Ketchup? Das macht es auch nicht besser. Dabei warst du doch erst letzte Woche bei Dr. Kleinhuber. Hast du schon wieder vergessen, was der gesagt hat?

Der Dr. Kleinhuber ist ein sehr guter Arzt, auf den lass ich nichts kommen!

Doch, mit deinen Blutwerten hat er ganz genau Recht! Fettarme Kost. Gemüse. Salat. Das musst du essen!

Aber natürlich schmeckt das! Ich gebe mir alle Mühe. Ich mach alles für dich, alles.

Du? Du für mich? Na ja, das stimmt schon. Fährst mich schon öfter mal wohin.

Ja, ja, heute auch wieder zur Fußpflege… Aber hinter meinem Rücken holst du dir dann Brathähnchen. Drei halbe! Und eine Portion Pommes!

Du hattest so großen Hunger? Vor zwei Stunden gab’s doch erst zu Mittag.

Nichts Gescheites wär das gewesen? Blumenkohl-Sellerie-Pfanne mit Kräuterquark ist nichts Gescheites? Also, das ist ja wohl…

Wie? Dir hat der Magen so laut geknurrt, dass die Leute geschaut haben? Du warst doch im Auto.

Fenster offen? Ach was… Sag mal, Erwin, hast du dir etwa bei dem Imbisswagen schon öfter was geholt?

Wirklich nicht?

Wirklich nicht?

Na gut. Dann fahren wir jetzt nach Hause.

Ja, die Hähnchen nehme ich mit.

Was? Nein! Du kannst sie nicht zu Hause aufessen. Denk doch an Dr. Kleinhuber und dein Blut!

Was ich mit den Hähnchen mache? Das lass meine Sorge sein. Ich kümmere mich schon drum.

Waking the Witch

Wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, erwacht die böse Hexe in mir. Wer dann meinen Zorn auf sich zieht, ist verloren.

Mehr als eine Woche hatte ich an der Präsentation gesessen, die meine Chefin heute beim Management halten musste. Ein Dutzend Leute hatte ich angerufen, um die Daten und Statistiken zu sammeln. Hatte stundenlang im Internet nach den treffendsten englischen Begriffen recherchiert. Hatte für die Grafiken die gefälligsten Farben aus der Designpalette gewählt. Hatte akribisch pixelgenau Balken und Linien gerückt.

Und jetzt kommt meine Chefin vom Präsentationstermin zurück, zitiert mich in ihr Büro, schließt die Tür und schmettert mich gegen die Wand wie einen unliebsamen Frosch. Die goldene Kugel wirft sie hinterher und verfehlt mich nur um Millimeter. Weiterlesen

Berlin, Berlin: Das Museum der Gegenwart im Hamburger Bahnhof

Vor kurzem hat sich die famose Gelegenheit ergeben, ein paar Tage in der Hauptstadt zu verbringen. Unter anderem habe ich das Museum der Gegenwart im ehemaligen Hamburger Bahnhof besucht. Das Gebäude selbst ist schon sehenswert, vor allem die elegante Historische Halle.

Mitte des 19. Jahrhunderts als Kopfbahnhof für die Bahnstrecke zwischen Hamburg und Berlin eröffnet, wurde es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ein Museum für Verkehr und Technik umgebaut und beherbergt seit 1996 das Museum der Gegenwart der Nationalgalerie. Neben den Sammlungen mit Klassikern wie Beuys, Warhol und Lichtenstein gibt es auf rund 10.000 qm wechselnde Ausstellungen.

Am meisten beeindruckt hat mich die Sonderausstellung „Kinderkreuzzug“ von Martin Honert. Der 1953 im Ruhrgebiet geborene Honert setzt in seinen szenischen Objekten Erinnerungen aus der eigenen Biographie um. Die Werke sind nicht nur aufwändig gefertigt und ästhetisch ansprechend, sondern auch wirklich spannend und interessant. Ich habe mir viel Zeit genommen, um sie in der Historischen Halle lustwandelnd zu erkunden.

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Ebenso sehenswert: die Jubiläumsausstellung „Sehr gut / Very good“ mit Arbeiten von Martin Kippenberger. Die Bandbreite reicht von Fotografien und Gemälden über skulpturale Objekte bis zu vielteiligen Installationen. Kippenberger wäre dieses Jahr 60 geworden, wäre er nicht nach einem „exzessiven Leben“ (Zitat Info-Heft des Museums) bereits 1997 verstorben. Kippenberger war nicht nur bildender Künstler, sondern auch Schauspieler, Schriftsteller, Musiker, Tänzer und vieles mehr, kurz ein „Exhibitionist“. Hier einige Impressionen.

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Ehrlich gesagt wusste ich manchmal nicht genau, ob Dinge zur Kunst gehören oder zum Equipment des Museums… Bei den Werken von Joseph Beuys ging’s mir ähnlich. Das kommt davon, wenn man Laien ins Museum lässt! 😉

Witzig und bemerkenswert fand ich die Zeichnungen von George Widener. Widener, 1962 in Kentucky geboren, hat eine ausgeprägte Vorliebe für Zahlen, Kalender, Daten und mathematische Berechnungen. In seinen komplexen Bildern spinnt er Muster und Zusammenhänge zwischen historischen Ereignissen, Statistiken und subjektiven Wahrnehmungen. Abgefahren…

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Das Bild, in dem Widener belegt, dass sich so gut wie alle Flugzeugabstürze an einem Sonntag ereignen, habe ich absichtlich nicht fotografiert. Mein Rückflug aus Berlin ging nämlich sonntagnachmittags. Puh, zum Glück ist es nochmal gutgegangen…

Wer mehr wissen will: Hamburger Bahnhof – Museum der Gegenwart – Berlin

Und wer nach dem Museumsbesuch lecker Essen und Trinken will, sollte das Café / Restaurant von Sarah Wiener im Hamburger Bahnhof aufsuchen!

Leipziger Buchmesse 2013

Buchmesse Leipzig, letzten Samstag. In einem Wort: überwältigend. Ein paar Fakten: 2.069 Verlage, 69.000 qm Ausstellungsfläche, 2.800 Veranstaltungen, 168.000 Besucher (laut Pressemeldung Leipziger Buchmesse vom 17.03.2013).

Alle großen bekannten Verlage waren natürlich da. Und sehr viele kleine, deren Angebot ich spannend fand, weil weitgehend unbekannt. Fernsehen und Prominenz waren auch vertreten; Claus Kleber und Gregor Gysi haben wir aus dem Augenwinkel gesehen. Nicht wegzudenken sind die vielen kostümierten Menschen: vom detailverliebten Cosplayer über barocke Balldamen und hirschgeweihtragende Hünen bis zu Gandalf oder Captain Jack Sparrow – alles dabei. Das Messegelände allein ist schon sehenswert, viel Glas und Metall, luftig leicht und modern.

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Hier ein offizielles Video der Messe Leipzig mit Impressionen:


Nach sechs Stunden neugierigem Streunen war ich platt – wie meine Begleiterinnen. Rettung brachte das leckere Sushi bei Mr. Moto. Am Sonntag vor der Heimfahrt war noch Zeit für einen ausführlichen Rundgang durch die Leipziger Innenstadt. Sehr schön, ich komme gerne bald mal wieder.

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Für Freunde des pechschwarzen Humors: „Sightseers“ von Ben Wheatley

Der Film könnte romantisch sein: Das frisch verliebte Pärchen Chris und Tina verbringt seinen ersten gemeinsamen Urlaub. Der Film könnte erotisch sein: Die beiden sind scharf aufeinander und haben wenig Hemmungen. Der Film könnte kulturell lehrreich sein: Chris und Tina klappern in ihrem Caravan bedeutende englische Sehenswürdigkeiten ab.

Der Film ist pechschwarz: Die beiden bringen alle Leute um, die ihnen unterwegs unliebsam auffallen. Der Film ist komisch: Ja, warum eigentlich? … Das schaffen nur Briten, dass man über brutale Morde laut lachen kann…  Der Film ist berührend: Trotz allem sind Chris und Tina arme Würstchen, denen man wünscht, dass sie glücklich sein könnten. Und vielleicht nicht ganz so viele Leute umbrächten…

Es müssen mehr Frauen aufstehen!

Ja, ich schaue gerne „Wer wird Millionär?“. Dort gibt es den so genannten Zusatz-Joker. Dabei darf eine einzelne Person aus dem Publikum bei der Beantwortung der Frage helfen. Wer aus dem Publikum meint, die Antwort zu kennen, steht auf und der Kandidat wählt eine Person aus.

Mein Eindruck ist – ohne statistisch geprüft zu haben – dass deutlich mehr Männer aufstehen als Frauen. Und deswegen(?) werden auch mehr Männer als Zusatz-Joker ausgesucht. Woher kommt das? Sind mehr Männer im Publikum als Frauen? Wahrscheinlich nicht. Wissen Männer mehr als Frauen? Natürlich nicht. Es stehen einfach mehr Männer auf.

Frauen stehen nur auf, wenn sie wirklich sicher sind, dass sie richtig antworten können – und vielleicht noch nicht einmal dann. Viele Männer springen schon vom Sitz, wenn sie eine ungefähre Ahnung haben – und verkaufen diese oft als fundiertes Wissen.

Diese Verhaltensmuster kenne ich aus eigener Erfahrung, privat und beruflich. Männer stellen Behauptungen auf, die sehr überzeugend klingen – und später stellt sich heraus, dass doch nicht alles so verlässlich war wie vorgetragen. Frauen neigen zum anderen Extrem. Sogar wenn sie etwas genau wissen, verwenden sie Formulierungen wie „ich glaube“ oder „es könnte sein“. An mir selbst habe ich das auch beobachtet – und mich darüber geärgert. Wenn ich doch sicher bin, warum sage ich es nicht klipp und klar?

Und es ist nicht nur die Wortwahl. Oft habe ich erlebt, dass ich etwas vorschlage oder anmerke und keine echte Reaktion erhalte. Zwei Minuten später sagt ein Kerl das gleiche und erntet die Lorbeeren – während ich noch darüber grübele, wo denn jetzt der Unterschied liegt zwischen dem, was ich gesagt habe und dem, was er gesagt hat. Die Antwort: Kein Unterschied. Nur: Er ist gehört worden und ich nicht. Weil er mehr Präsenz gezeigt hat, vielleicht lauter gesprochen hat als ich.

Das klassische Lernmodell kommt ins Spiel: Belohntes Verhalten wird verstärkt, ignoriertes Verhalten wird gelöscht. Männer werden immer forscher, Frauen irgendwann still.

Frauen müssen also lernen, ihr Wissen selbstbewusst mitzuteilen und Erfolg den eigenen Fähigkeiten zuzuschreiben. Frauen brauchen den Mut, stark aufzutreten auch mal lauter zu sprechen als sie es normalerweise tun würden. Müssen sich trauen, zu widersprechen, wenn jemand Quatsch redet. Und sie müssen lernen, klar und einfach zu formulieren. Zumindest, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Details und Sonderfälle können im Anschluss vorgebracht werden. Ich selbst habe mich in den letzten Jahren ein gutes Stück in diese Richtung entwickelt. Und ohne Zweifel werde ich tatsächlich mehr gehört als früher.

Dies ist kein Plädoyer für verbales Rowdytum oder dummdreiste Verkündigungen, im Gegenteil. Zuhören und ehrliches Zugeben, wenn man etwas nicht weiß, sind unerlässlich. Ich finde nur, Frauen stehen häufig zu sehr in der einen und Männer in der anderen Ecke. Und wie meist im Leben ist es in der Mitte goldener als am Rand. In diesem Sinne freue ich mich über alle Frauen, die bei Jauch aufstehen und Kluges zum Besten geben.

Und wieder inspiriert von Ernst Jandl

Hier zwei neue Gedichte, ohne Titel, inspiriert von Ernst Jandl, diesmal „nur“ von der Form her.

1
der Lärm
die vielen Menschen
die verschiedenen Düfte
in der stickigen Luft
Balancieren mit dem Tablett
Ausschau halten nach einem freien Tisch
mittags in der Betriebskantine

 
2
die Wärme
die Brise
die sanfte Brandung
forschende Blicke nach beiden Seiten
ein verschmitztes Lächeln
zwei Handgriffe
das erste Mal oben ohne Sonnenbaden

 

Und hier die Vorlage von Ernst Jandl:

die kerze
das sträußchen
der matrosenkragen
die weißen zwirnhandschuhe
der scheitel
der nüchterne magen
erste hl. kommune

 

Ich stell mir vor…

Ich bin ein Schuh. Wenn ich in einer Reihe mit anderen Schuhen stehe, falle ich auf den ersten Blick kaum auf. Mein Leder ist schwarz, leicht glänzend. Angenehm weich, aber nicht zu empfindlich. Gepflegt werden muss es natürlich schon.

Ich passe nicht jedem. Selbstverständlich bin ich ein Stück weit flexibel, wenn ein Fuß mich anzieht. Doch nur ein Stück, nicht mehr.

Passt ein Fuß zu mir – und ich zu ihm – steht die Welt uns offen. Dann werde ich ihn begleiten, ohne zu drücken. Und er wird mich gar nicht mehr ausziehen wollen.